Satire: Rekordsommer im Schwitzkasten

Nun ist es mal wieder richtig Sommer geworden und damit sind die Probleme deutlich geworden. Zuerst beim ICE, der nur auf Außentemperaturen bis 32 Grad ausgelegt ist. Es ist doch wichtiger, dass die Bahn auf den Börsengang gut vorbereitet ist und nicht auf solche Nebensachen, die zwar zum Kerngeschäft gehören, aber den Menschen kann man ihren Aufenthalt unter lebensbedrohlichen Umständen ohnehin mit einer Einmalzahlung abgelten und damit zur Tagesordnung übergehen.

Und um 500 Euro kann man den Abgeordneten zum Bundestag die Lust auf einen Untersuchungsausschuss abkaufen. Erstaunlich billig, wie sich Berliner MdBs verkaufen.

Sichtbar werden dieser Tage auch die Mängel im Wohnbau. Zahlreiche Wohnungen sind nur nach einer Himmelsrichtung ausgerichtet.

Ein gesundes Lüften städtischer Wohnungen ist damit kaum möglich. Selbst wenn in den Mittags- und Nachmittagsstunden Ventilatoren mit voller Kraft arbeiten, so bringt das in den Wohnräumen kaum akzeptable Temperaturen.

Schön, dass Österreich einen verständnisvollen Sozial- und Arbeitsminister hat. Die Leute sollen doch in dieser Jahreszeit nicht in ihren Wohnungen bleiben. Raus in den Urlaub! Und merkt euch: Der Tourismus ist eine wesentliche Stütze unserer Wirtschaft.

Und wer es nicht in fremde Länder schafft, der hat in unseren Städten ein Angebot an Sommerbädern. Die nun gerade das bieten, warum erholungsbedürftige Menschen nicht mehr in die Hotels nach Italien, Spanien oder in die Türkei fahren. Sie bieten Animation, ein Halligalli in trommelfellzerfetzender Lautstärke, damit gleich alle Leute im Umkreis von mindestens 3 Kilometern alles von dem Event im Bad mitbekommen.

Warum nur gibt es entlang von Autobahnen Lärmschutzzonen und Lärmschutzwände, aber nicht rund um Sommerfreibäder?

Traumjob Bademeister in Wien: Da darf man nach Herzenslust ins Mikrofon brüllen: „Ab sofort sind Randsprünge strengstens, wirklich strengstens verboten!“

Klar fragt sich da der helle Nachwuchs, wenn der Badewaschel das immer als gerade jetzt neu entdecktes Verbot verkündet, dann kann man es doch sicher noch einmal ausreizen und herausfinden wie es ist, wenn man die nächste allerwichtigste Durchsage wie auf Bestellung bekommen kann. Und dazu noch so ein akustischer Genuss, so als wäre der Herr in Weiß eben im Stimmbruch.

Wenn man von den dort verbreiteten Weisheiten nicht alles mitbekommt, dann deswegen, weil Sommerzeit auch immer Baustellenzeit ist. Und immer wieder saust der Presslufthammer nieder, das ist genauso die Melodie der Stadt im Sommer.

Und trotzdem wird dieser Sommer historisch gesehen noch als ein relativ ruhiger in die Geschichte eingehen. Denn draußen am Stadtrand, da werden erst die großen Baumaschinen auffahren, um ein großes Luftkreuz zu bauen – mit einer dritten Startbahn, für noch mehr Fluglärm, für noch größere Saurier der Luftfahrtindustrie.

Ach, Vulkan von Island, warum hast du nur deinen Regen über uns eingestellt? So gut wie damals waren unsere Luftgütewerte schon lange nicht mehr.

Wäre der Vulkan – und vielleicht ein paar andere Vulkane aus Solidarität – länger aktiv geblieben, vielleicht hätten dann die europäischen Politiker eine Verschrottungsprämie für die Flugzeuge eingeführt, um den Aktienkurs der Kraniche und sonstiger Metallgeier in die Höhe zu halten. Denn Verluste müssen immer zuerst die Allgemeinheit treffen, das nennt man hier bei uns dann soziale Marktwirtschaft.

Um es mit aller gebotenen Fun-Deutlichkeit zu sagen. „Ritze, ratze, manche Tücke, in das Magnetfeld eine Lücke!“, das ist der Slogan der Terroristen der Lüfte. Die Zerstörung des inneren Van Allen Gürtels (unseres gesundheitlichen Schutzschildes zur Erhaltung des Lebens auf unserm Planeten) ist ein völlig legales Verbrechen im Dienste des Profits.

Wie herrlich erfrischend doch ein Sommer in der Stadt sein kann! Wäre ich diesmal nicht im Brutkasten geblieben, so hätte ich nicht mitbekommen, welch vortreffliche Wirtschaftsexperten wir in der Regierung haben, ich wüsste nicht, dass hier nur Baumaschinen und nicht auch Arbeiter arbeiten, und wie herrlich antiautoritär die Jugendlichen sind, gerade dann, wenn sie zu einem großen Teil von den eigenen Eltern beaufsichtigt werden.

Grönemeyers Anregung – Kinder an die Macht – dürfte den Weg vom Open Air in die Bäder gefunden haben. Leider nicht in die Machtzentralen, denn die sind bisher nur hilflos gegen Öl und Konzerne und kindisch-blauäugig in ihrem Auftreten.

Sie wissen nicht, was sie tun. Aber das machen sie aus Überzeugung.

10.11.2016 © seit 07.2010 Günter Wittek
Kommentar schreiben