Märchen für Erwachsene: Der verschwunschene Spiegel

Vor 100 Jahren wurde ein böser Magier in einem Spiegel verbannt. Jeder, der den Spiegel besaß, wurde verflucht. Denn den Spiegel ließ sich nicht vernichten, bis John Makett in den Besitz des Spiegels kam. Wird er den Magier vernichten können?

Es war an einem Tag, als es regnete wie aus Kübeln. Ich eilte durch die Straßen - mein Regenschirm verbog sich im Wind. Die Scheinwerfer der Autos blendeten mich und warfen einen spiegelnden Schein über den nassen Asphalt. Ich war viel zu spät dran. Ich hatte ein Date mit einer mysteriösen Dame, die mich gestern anrief, als ich schon im Schlafanzug steckte und den Mund voller Zahnpasta hatte.

Altes TelefonWoher kannte sie meine Nummer? Ich war nicht im Telefonbuch verzeichnet. „Herr Makett, ich weiß, Sie kennen mich nicht, dafür kenne ich Sie umso besser. Ich habe eine Nachricht für Sie, es geht um Ihr Leben. Mehr kann ich nicht sagen. Bitte treffen Sie mich morgen um 20.00 Uhr im Cafe an der Straßenecke am Park Schönburg.“ Bumm… sie legte den Hörer auf.

Entgeistert starrte ich das Telefon an. War das ein makaberer Scherz? Eine Drohung oder vielleicht eine Verrückte? Die ganze Nacht ging es mir nicht aus dem Kopf, es geht um mein Leben… was meinte sie damit? Ich beschloss mich auf das abenteuerliche Rendezvous einzulassen, immerhin hatte sie eine verführerische Stimme. Ich machte mich auf den Weg und da stand ich nun vor dem Cafe und zögerte hinein zu gehen.

Was machte ich hier eigentlich? Die Fenster des Cafes waren beschlagen, ließen aber einen - wenn auch verschleierten - Blick hinein offen und da sah ich sie. Ganz in schwarz, mit wallendem roten Haar. Ihr Gesicht war mit einem Hauch Tüll von ihrem Hut bedeckt. Es mutete fast wie in einem Film an. Sie interessierte mich mit einem Gefühl aus Faszination von etwas Verbotenen und Fassungslosigkeit, dass ich mich auf so etwas Obskures überhaupt einließ.

Ich ging hinein, die Tür knarrte, und warf einen zweifelnden Blick auf ihr doch recht imposantes Erscheinen. Sie winkte und ich setze mich zu ihr hin. Sie sagte nichts, zog an ihrer Zigarettenspitze und musterte mich mit ihren Katzenaugen. Ich fühlte, wie mein Herz in meiner Brust pochte, denn ich fühlte, ohne dass ich es mir erklären konnte, dass dies ein besonderer Moment war.

Sie zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarettenspitze und hauchte einen Ring in die Luft: „Sie sind verflucht.“ In dem Moment stand ich auf und wollte gehen. Sie war offenbar eine Verrückte, doch sie hielt mich am Ärmel fest. „Wundert es Sie nicht, dass sich in letzter Zeit seltsame Dinge in Ihrem Leben ereignen, für die Sie keine Erklärung finden?“ Ich hielt inne. Ja, da war etwas.

Vieles in meinem Leben lief in letzter Zeit schief und ich hatte Alpträume von einem Schatten, mit einer Axt in der Hand, der mich immer verfolgte und damit drohte mich in zwei Hälften zu teilen. Und immer wenn ich aufwachte, war ich noch ganz benommen, dass ich leicht halluzinierte: Ich sah den Schatten an der Wand entlang huschen, der jedes Mal in den Garderobenspiegel verschwand.

Und wenn ich in den Spiegel sah, war es mir, als sähe ich ihn hinter mir, eine schwarze Wolke, die mich verschlingen wollte. „Es ist der Spiegel…“, sagte ich völlig geistesabwesend, als hätte nicht ich die Worte gesprochen. Ihre grünen Katzenaugen funkelten. „Ja, woher haben Sie ihn?“ „Ich habe ihn auf einem Basar in Bangkok erstanden. Was ist mit dem Spiegel?“

Sie saugte an ihrer Zigarettenspitze und hauchte abermals einen Ring hinaus. „Er gehörte vor über 100 Jahren einem Magier, einem bösen Geist seiner Zeit. Er war sehr mächtig und keiner konnte ihn bezwingen. Als seine Zeit kam, und er sehr alt war, trickste er den Tod aus, indem er sich als Geist in den Spiegel hinein brannte, um von denen Besitz zu nehmen, die den Spiegel besaßen.

Rauch ZigaretteMan verschloss den Spiegel hinter dicken Mauern, so dass er nicht aufzufinden war, denn zerstören kann man den Spiegel nicht. Auch wenn man ihn zerschmettert, fügen sich die Spiegelteile nach und nach wieder zusammen. Aus irgendwelchen Gründen wurde der Spiegel entwendet und befindet sich nun bei Ihnen.

Nach einiger Zeit wird die Macht des Schattens im Spiegel so groß, dass er Besitz von dem Eigner nimmt. Der Magier kehrt damit zurück und alles Unheil verdirbt dann die Seele des Besitzers.“ Mir stockte der Atem. Fühlte ich mich nicht schon dann und wann mir selbst fremd gegenüber? War ich nicht über einige meiner Äußerungen und Handlungen überrascht, als hätte sie ein anderer ausgeführt?

Wie oft erinnerte ich mich am Morgen nach dem Aufwachen schon nicht mehr wer ich war und wo ich war? „Was kann ich nur tun?“ fragte ich sie schließlich. „Sie müssen ihn besiegen. Es ist kein Zufall, dass Sie den Spiegel erstanden haben, denn der Spiegel hat Sie ausgewählt, nicht umgekehrt. Der Grund ist, dass Sie ein reines Herz haben, denn das Böse begehrt stets das Gute, um es ins Verderben zu ziehen. Dadurch erhält das Böse noch mehr Kraft und Einfluss.

Dieser böse Geist des Magiers weiß um Sie.“ „Wie soll ich ihn besiegen, mir jagt das alles Angst und Schrecken ein. Ich werde den Spiegel einfach aus dem Fenster werfen.“ „So einfach ist es nicht, denn er wird am nächsten Morgen genau da hängen, wo er immer hing. Ich sagte ja, dass es ein Fluch ist. Ich gebe Ihnen ein kleines Fläschchen, gefüllt mit Blut des Einhorns, das reinste Wesen, was je auf der Erde existiert hat.

Wenn der Geist des Magiers damit in Berührung kommt, wird er vernichtet.“ „Was denn, einfach auf den Spiegel schütten?“ „Nein, Sie müssen damit in den Spiegel hinein gehen.“ Ich sah sie an, als hätte sie zuviel Pernod in sich hinein gegossen, denn mittlerweile stand das vierte Glas vor ihr. „In den Spiegel gehen ...?“ wiederholte ich halb ungläubig, halb belustigt und schaute verstohlen zu meinen Schuhen herunter.

„Sie tun es mit Ihrem Geist.“ Als ich aufblickte, war sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, nur der Rauch ihrer Zigarette zog noch eine letzte Nebelschwade durch den Raum. Ich war verwirrt. Ich ging durch die menschenleeren Straßen und mein Kopf fühlte sich schwer an - ich konnte kaum klar denken. Warum hat der Spiegel mich ausgesucht?

Ich schaute in meine Hand, in welcher sich das Fläschchen, gefüllt mit Einhornblut, befand. Ich dachte Einhörner gäbe es nur in Märchen? Magier, böse Geister… nein, es konnte nicht wahr sein. Dann stand ich plötzlich vor meiner Haustür. Mit zitternder Hand schloss ich die Wohnungstür auf. Ich gab ihr einen kleinen Stoß und sie schwang auf. Ich sah den Spiegel in meinen Flur hängend.

18.04.2019 © seit 04.2009 Jamina Diley
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