Seite 4: Was macht Menschen glücklich?

Die alten Rittersleut ...

Glück in der Antike GlücksforschungDie Ritter im Mittelalter kämpften in schwerer Rüstung, mit gepanzertem Pferd, ein den Kopf verdeckendem Helm, Brustpanzer sowie Arm- und Beinschienen. Dadurch waren sie zwar geschützt, aber auch höchst unbeweglich. Wenn ein Ritter gegen einen anderen kämpfte, geboten es die Regeln, für gleiche Kampfbedingungen zu sorgen. Unter gleichen Bedingungen wählten sie dann auch die gleiche Kampfweise.

Als sie in den Kreuzzügen gegen die ‚Ungläubigen' zogen, zeigte sich ihre eingeschränkte Beweglichkeit als sehr nachteilig, da ihre Gegner zweimal um sie herumreiten konnten, ehe sie sich einmal drehten. Die einzige Möglichkeit - und darauf waren sie bestens eingestellt - war, das andere Heer niederzuwalzen.

Die gefürchtete Angriffsformation der Kreuzritter wurde als ‚Eberkopf' bekannt wegen ihrer Keilform. Wenn sie in dieser Anordnung angriffen, zerstreuten sie die Gegner in alle Richtungen; oft konnten sich diese kein zweites mal sammeln und wurden vernichtet. Jeder Kreuzritter, der nicht zum richtigen Moment in die richtige Richtung stürmte, verringerte die Effektivität des ganzen Heeres erheblich.

Nun sind Sie kein Kreuzritter und Ihr Ziel ist nicht die Eroberung Jerusalems. Aber in jeder anderen Hinsicht trifft die Geschichte auch auf Sie und Ihr Leben zu: Je mehr Sie sich in unterschiedliche Richtungen verteilen, sich teils zurückhalten oder mit halber Kraft etwas angehen, desto weniger bewegen Sie. Wenn Sie sich aber mit sich selbst einigen, potenzieren Sie Ihre Kräfte um ein Vielfaches.

Eins-Sein mit sich selbst erfordert Eins-Sein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen ebenso wie mit seinen Zielen. Stellen Sie sich vor, das Schlachtfeld ist in Ihnen. Die Ritter sind dann Ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen. Nur wenn alle geschlossen in eine Richtung streben, werden sie erfolgreich sein. Je mehr ausscheren, desto waghalsiger wird das Unternehmen. Die Gegner sind die harten Fakten dieser Welt, sie schenken einem den Sieg nicht. Fast schwerer als der Kampf ist die Aufgabe, die eigene Armee zu ordnen. Doch wenn das gelingt, ergibt sich der Rest fast von allein.

Selbstwidersprüche oder der innere Bürgerkrieg

Jede Unordnung in den eigenen Reihen, jede Unstimmigkeit macht Sie weniger einpunktig. Die Unstimmigkeiten zwischen Gedanken, Gefühlen und Handlungen sind Selbstwidersprüche. Vielleicht denken Sie bei dem Wort ‚Einpunktigkeit' an jemanden, der wie ein Komet ohne jede Pause durch´s Leben glüht, einem einzigen Ziel entgegen ohne jede Pause, ohne sich neu zu orientieren auf einer Bahn - nichts hält ihn auf, nichts und niemand anderes ist wichtig, er ist reine Energie ... Und so kann kein Mensch leben, der Maßstab wäre utopisch hoch und alles andere als erstrebenswert.

Sicher will auch niemand so leben. In Extremsituationen sollte man fähig sein, alle Reserven zu mobilisieren. Das wäre bei dem oben gezeichneten Bild die Schlacht selbst. Diese braucht aber eine lange Vorbereitung, einen langen Weg - und vielleicht kann man sie dann sogar umgehen. Auch ein Sieg, der nicht gefeiert wird, ist keiner. Und man muss auch nicht die Welt erobern, um glücklich in ihr leben zu können.

Einpunktigkeit meint also, im entscheidenden Augenblick alles für ein Ziel einzusetzen; ansonsten, sich in kleinen Dingen zu verbessern und zu vervollkommnen, nichts zu tun, was den eigenen Ansprüchen ans Leben entgegenläuft.

In diesem Zusammenhang ist die aktuelle Veränderung in der psychotherapeutischen Beratung interessant. In den USA führt der Trend weg von der psychologischen Sitzung im Sinne Freuds, hin zur sog. philosophischen Lebensberatung. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass die klassische psychologische Herangehensweise ziemlich wirkungslos ist. Sie hat zwar einen relativ hohen Erkenntniswert, jedoch bietet sie nur wenig Orientierung für das Handeln des Beratenen - sie bewährte sich nicht in der Praxis.

Aber genau darum geht es. Was hat ein erwachsener Mensch davon, wenn er herausfindet, dass seine Höhenangst dadurch verursacht wurde, dass er als Kleinkind bei stürmischem Wetter nachts auf den Balkon krabbelte und sich ängstigte? Von dieser Erinnerung allein wird er Höhenangst nicht los. Mehr noch: Um sie zu bewältigen, ist es nebensächlich, was sie in der Vergangenheit verursachte. Denn so oder so muss man sich seinen jetzigen Problemen als der stellen, der man jetzt ist. Dort setzt die philosophische Lebensberatung an. Die Ursachenforschung als Basis wird aufgegeben. Statt dessen zielt sie darauf ab, Widersprüche im Weltbild aufzulösen.

Was ist Glück?

Aristoteles sagte schon, das höchste Ziel jedes Menschen sei Glück. Alle anderen Ziele sind so verschieden wie die Menschen, und es ist für den Einzelnen unwichtig, wie groß oder wichtig seine Vorstellungen im Vergleich mit anderen ausfallen mögen.

Jede Vorstellung von einem schönen Morgen, jede Vision, jedes Ziel ist ein Platzhalter für das eine gemeinsame Überziel, glücklich zu leben. Glück ist also notwendig an Ziele oder Lebensziele eines Menschen gebunden. Es kann nicht nur ein Gefühl sein, sondern eine Lebenseinstellung. Denn nur, wer ein für sich selbst wichtiges Ziel gefunden hat und anstrebt und dabei alle Hindernisse in Kauf nimmt und weiter daran festhält, kann glücklich werden.

Wer denkt, es könnte von außen kommen, denkt, jemand oder etwas anderes könne ihn glücklich machen. Er wird warten müssen und kann nur ab und an feststellen, er hat eben ‚Glück' oder ‚Pech' gehabt. Das heißt meist nur, der Zufall bescherte ihm dieses oder jenes. Wenn sich ein Mensch aber selbst als verantwortlich und prinzipiell fähig ansieht, das, was ihm am Herzen liegt zu tun, kann er selber bewirken, dass er besser und glücklicher lebt.

Natürlich kann er auch Fehler machen oder sich irren, aber er kann auch daraus lernen und besser werden. Dann wird es der Mensch als Bestätigung erfahren, dass er direkt Einfluss nimmt auf die Ergebnisse seiner Handlungen; er kann selbst schaffen, selbst Erfolg haben, und ist nicht auf Launen des Schicksals angewiesen. Er ist kein Spielball mehr, sondern fängt an, selber zu spielen.

15.06.2016 © seit 03.2004 Steward
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