Seite 3: Was macht Menschen glücklich?

Glück und Abhängigkeit

Diese Vorstellung deckt sich nun offensichtlich kaum mit dem, was gemeinhin unter Glück verstanden wird. Die Medien, die Werbung und sogar die Regierung suggerieren uns - wenn es überhaupt, was selten ist, darum geht - eine ganz andere Idee von Glück. Wir können nicht leben wie die Helden aus Hollywood, aber irgendwie spricht es uns an.

Ob die clevere Hausfrau mit ihrem neuen Sunil glücklicher ist als der Typ, der gerade noch zum Stichtag seinen Bausparvertrag abschließt - schwer zu sagen, aber oft leiten sie unser Konsumverhalten. Ob wir die Regierung gewählt haben oder nicht, ihre Sorgen um den Wirtschaftsstandort Deutschland sind nicht aus der Luft gegriffen.

In ganz unterschiedlichen Bereichen und nur selten direkt drücken diese Stimmen aus, dass uns etwas Gutes geschenkt wird oder werden kann. Und nicht irgendetwas, sondern jede beansprucht, das Beste für uns zu haben.

Was als Gegenleistung gebracht werden muss, ist nebensächlich, wenn sie doch genau das haben, was wir unbedingt wollen. Anders ausgedrückt: Wenn Politik oder Wirtschaft genau das haben, was wir am meisten wollen, können sie es verkaufen und es lässt uns völlig kalt.

Oder es gelingt ihnen, es so darzustellen, dass sie es uns schenken. So bleibt man in guter Erinnerung. Politik und Wirtschaft (Medien) prägen unsere Gesellschaft und halten sie zusammen, indem sie zum einen ihre Interessen als die jedes einzelnen darstellen, und zum anderen, indem sie den Handel darstellen, als wäre er ein Geschenk von ihnen. Ob das den Tatsachen entspricht, ist unwichtig.

Wichtig ist, dass die Masse der Menschen so denkt. In diesem Fall haben andere etwas, wovon ich meine, dass ich es brauche. Ich bin auf sie angewiesen. Je weniger ich beeinflussen kann, was die ‚andere Seite' tut, desto abhängiger wähne ich mich.

Politik und Wirtschaft sollen die Rechte des Einzelnen und seine grundlegenden Bedürfnisse sichern. Sonst nichts. Weniger soll es nicht sein, denn das ist essentiell wichtig. Mehr soll es nicht sein, denn jeder hat das Recht, sein Leben selbst zu gestalten. Eine Kritik kann sich also nicht grundsätzlich gegen sie richten, aber dagegen, diesen Rahmen zu überschreiten. Denn dann denkt der Einzelne, dass sein Leben wesentlich von anderen bestimmt wird.

Anstrengendes Glück?

Zunächst hat das Ganze eine angenehme Seite. Mitunter findet man es ja reizvoll, dass es einen indirekten Bezug zwischen dem eigenen Tun und dem Ergebnis gibt. Die Erfahrung des Alltags hat uns eingeprägt, dass der direkte Bezug zwischen Tat und Ergebnis Anstrengung voraussetzt. Wie in der Schule oder im Beruf, dem Paradebeispiel für Arbeit. Arbeit ist oft genug nicht angenehm, sie dient vorrangig dem Ziel, das nötige Geld zu verdienen und wenig darüber hinaus. In zumindest allen größeren Firmen wird nach Betriebszugehörigkeit oder Position bezahlt, damit nur indirekt nach Leistung. Jeder kann so ziemlich jede politische Meinung vertreten, doch hat das zu 99 Prozent keine Auswirkung auf die Politik.

Die meisten Autobesitzer überlassen die Reparatur einem Fachmann, dem sie mehr oder weniger vertrauen, dass er einen angemessenen Preis verlangt. Wer bei einem Reisebüro eine Reise bucht, wählt oft nach mündlichen Beschreibungen und Katalogen aus. In diesen und allen ähnlichen Fällen wird ein gewisses Grundvertrauen vorausgesetzt, dass das Ergebnis ähnlich den Erwartungen ist. In diesen und ähnlichen Fällen kann man das nie genau wissen. Geschweige denn, direkt beeinflussen. Soweit so gut.

Glückskinder haben es leicht

Anders wird es, wenn man von Einzelfällen auf ein allgemeines Prinzip (fehl)schließt. Die wesentlich wichtigeren Lebensbereiche unterliegen der Kontrolle jedes Einzelnen. Zumindest prinzipiell; wer diese Kontrolle nicht wirklich beansprucht und nutzt, vergibt sich sehr viel. Die Tragweite liegt auf der Hand, wenn z. B. jemand mehr Umgang mit Freunden haben will, aber nichts dafür unternimmt, da er denkt, dass gute Freunde sich von selber bei ihm melden. Sicher macht das Verhalten nicht glücklich. Könnte es einen psychologischen Grund geben, dennoch so zu handeln?

Gibt es keinen direkten Bezug des Tuns zu dem Ergebnis (wie bei der Erwartung, andere seien dafür zuständig, das Gewollte zu bewirken), kann man sich als ‚Glückskind' fühlen, wenn es sich so entwickelt - man hat Glück gehabt. Glück ist etwas, das ein guter Zufall über einen bringt. Wie angenehm kann die Überlegung sein, dass es dann doch kein reiner Zufall war, sondern dass man etwas Besonderes ist, was die anderen nicht sehen und man selbst ab und an auch nicht.

Es muss ja einen Grund haben, dass es gerade mich(!) getroffen hat; andere werden nicht so verwöhnt vom Schicksal. Und wenn doch ... Bei anderen ist es völlig offensichtlich: Das ist nur Zufall, sicher hat es nichts mit ihnen zu tun, da braucht man sich auch nichts darauf einzubilden, könnte jedem so gehen. Werde aber ich ‚auserwählt', so wiegt dies viel schwerer, als wenn ich ‚nur' selber etwas erreiche.

Ich will damit Folgendes verständlich machen: Es ist ein allgemeines psychologisches Prinzip, dass Menschen dazu neigen, eigene Erfolge in jedem Fall, unabhängig von den Tatsachen oder Zufall, sich selbst als Verdienst zuzuschreiben. Misserfolge werden meist pauschal der Umwelt zugeschrieben, sie kommen von außen - auch unabhängig von einer realistischen Einschätzung. Und Erfolge anderer werden dabei oft als eigener indirekter Misserfolg gewertet.

Ein bekanntes Beispiel dazu: Die 15-jährige Tochter kommt von der Schule nach Hause, in der Klassenarbeit hat sie eine Eins geschrieben. Der stolze Vater zu seiner Frau: "Siehst du, das ist meine Tochter!" Am Nachmittag zieht seine Tochter mit ihrer Clique los, kommt spätabends bekifft zurück. Der empörte Vater: "Was hast du bloß aus dem Kind gemacht, Frau!"

So leicht diese Zuschreibung von Erfolg und Misserfolg auf mich und die Umwelt ist, hat sie einen entscheidenden Nachteil. Ich kann kaum selbst entscheiden und bewirken, wobei ich Erfolg habe und aus Fehlschlägen werde ich nur selten lernen. Auch wenn das oft als entlastender Vorteil angesehen wird, ändert es nichts daran - ich bin als Spielball der Laune der Natur ausgesetzt.

Und in diesem Rahmen nehme ich kaum meine Chancen wahr, glücklich zu werden durch eigene Aktionen. Bin ich unzufrieden, kann und muss ich mich mehr oder weniger darin fügen und auf Besserung warten. Wer so durchs Leben geht, hat sich sicher nie vor Augen geführt, nach welch unsicheren Regeln er die Welt einteilt.

Um glücklich zu sein, müssen Sie die Verantwortung für Ihr Handeln übernehmen. Genau herauszufinden, was Sie selber bewirken, ist oft genug nicht leicht. Aber - es führt kein Weg daran vorbei. Irgendwo las ich den Satz ‚Wer glücklich sein will, muss das Chaos in seinem Kopf bändigen." Die Folgen des eigenen Handelns zu kennen, gehört offensichtlich dazu. Eine kleine Geschichte soll verdeutlichen, worum es geht.

15.06.2016 © seit 03.2004 Steward
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