Story: Die Pfeiler meines Lebens

Teaser: Kennen Sie die Pfeiler Ihres Lebens? Gibt es Momente, in denen sich Ihr Leben drastisch verändert hat - Momente, in denen es eine Wendung nahm, die man nicht mehr rückgängig machen konnte? Lesen Sie in dieser Story etwas über Entscheidungen, die ein Leben verändern.

Ich schaute mich vorsichtig um, als ich aus dem Auto stieg. Niemand sollte mich sehen. Es war so lange her. Der Tag, an dem ich diesen Ort verlassen hatte, still und heimlich ... Ich hatte sie einfach aufgegeben und zurückgelassen. Aber jetzt, nach all den Jahren, zog es mich an diesen Ort zurück. Weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten hatte, zu sehen, wie es ihr geht.

geisterhausIch schloss das Auto ab und schlich zur Haustür. Es war dunkel und weit entfernt hörte ich eine Eule schreien. Ansonsten war es totenstill um mich herum. Ich sah mir die Tür an ... mit einer kleinen Kerze in der Hand leuchtete ich auf das Namensschild ... noch immer stand ihr Name an der Tür. Sie wohnte also immer noch hier.

Ich wollte eigentlich schon gehen, um mich im Garten umzuschauen, als ich bemerkte, dass die Tür einen Spalt weit offen stand. Ich drehte mich noch mal zu allen Seiten um. Es war weit und breit niemand zu sehen.

Also öffnete ich zaghaft und mit klopfendem Herzen die Tür. Ich konnte den Geruch des Hauses direkt in mich aufnehmen. Es war noch genauso wie damals. Nichts hatte sich verändert. Da ich jeden Raum auswendig kannte, ging ich langsam und vorsichtig, mit der Kerze leuchtend, geradeaus. Dort war früher die Küche. Wie oft haben wir dort gemeinsam gekocht, gegessen, gelacht?

Ich hörte ein kleines Knacken in einer Ecke des Raumes. Ich leuchtete dorthin und sah ein kleines graues, fast farbloses Männchen. Zusammengekauert saß es da und schaute mich mit großen Augen an.

"Wer bist Du?" flüsterte ich leise. Das kleine Männchen riss die Augen noch weiter auf und sprach dann mit einer Stimme, die ich zuvor nie gehört hatte: "Ich bin ihre Einsamkeit". Ich stutzte, denn mit so einer Antwort hatte ich nicht gerechnet.

Ich fragte die Einsamkeit "Was machst Du hier?" Sie antwortete: "Ich war jahrelang ihr Begleiter. Sie hat sehr viel Zeit mit mir verbracht. Wir haben immer zusammengehalten und ich war der einzige, die sie nie alleine gelassen hat! Und auch sie war immer für mich da. Wir gehörten zusammen. Meine Fee und ich ... Sie hatte sonst niemanden. Außer den anderen Männchen, die Du hier im Haus noch antreffen wirst!"

Zunächst war mir die ganze Sache total unheimlich und ich hatte richtig ein wenig Angst. Doch irgendwas hatte dieses Männchen auch an sich, was mich sehr beruhigte.

Ich sagte "ich werde mich noch ein wenig umschauen" und ging dann in den nächsten Raum. Dort war früher das Wohnzimmer. Ich ging hinein - es waren noch die gleichen Möbel vorhanden ... Ich setzte mich auf die Couch. Wie oft haben wir dort gesessen? Sie legte immer ihren Kopf in meinen Schoss, schloss die Augen und hörte mir zu, wenn ich von mir erzählte.

Wir fühlten uns in diesen Momenten so unsagbar geborgen. Plötzlich merkte ich, dass mich etwas Warmes an meiner Hand berührte. Ich drehte die Kerze in diese Richtung und erneut sah ich ein Männchen. Es sah anders aus als das Männchen in der Küche. Es war hellgelb und hatte ein sehr freundliches Gesicht.

Auch dieses Männchen fragte ich "Wer bist Du?" "Ich bin ihr Lachen" antwortete es. "Ich habe sehr viel Zeit mit ihr verbracht. Manchmal hat sie mich belogen und mich angewandt, obwohl ihr gar nicht danach zumute war.

Aber die meiste Zeit war ich ein treuer Begleiter und sie hat mich sehr genossen. Auch ihre Mitmenschen konnten sich sehr an mir erfreuen und ich steckte sie mit meinem Lachen an. Sie hat gerne andere Menschen zum Lachen gebracht, egal ob es ihr gerade gut oder schlecht ging. Mich hat sie nie verloren".

Irgendwie machte mich das Lachen traurig. Ich wusste nicht genau warum. Das Männchen strahlte zwar sehr viel Fröhlichkeit aus, aber machte es mich traurig, weil ich selber diese Fröhlichkeit so vermisste?

Ich sah das Männchen an und fragte: "Warum bist Du hier?" Das Männchen sagte: "Sie hat mich zurückgelassen wie all die anderen Männchen hier, aber geh nur weiter, Du wirst noch mehr von uns finden".

Mit einer Trauer im Herzen ging ich nun in den Flur zur Treppe, die nach oben führte. Auf dem ersten Treppenabsatz saß erneut ein Männchen zusammengekauert in einer Ecke. Wieder stellte ich die gleiche Frage: "Wer bist Du?" "Ich bin alle Tränen dieser Welt, die sie in ihrem Leben geweint hat. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Ich bin nicht versiegt, denn es war niemand da, der ihre Tränen trocknen konnte.

Im Laufe der Jahre hatte sich ein richtiger kleiner See gebildet. Meistens haben wir die Nächte zusammen verbracht, denn die Tage hat sie mit dem Lachen und noch einigen anderen Männchen verbracht, die Du alle hier finden wirst." Ich schluckte und wurde noch trauriger. "Aber was machst Du hier?" Das Männchen schaute mich mit großen, tränenerfüllten Augen an: "Sie hat mich zurückgelassen. Wie all die anderen Männchen hier".

Mir stiegen nun auch Tränen in die Augen, als ich mich umdrehte und weiter die Treppe hinaufging. Ganz oben auf der letzten Stufe saß wieder ein Männchen. Es war blutrot und starrte mich mit zornigen Augen an. Leicht angsterfüllt fragte ich vorsichtig: "Wer bist Du?"

Das Männchen fauchte wie eine Katze und sagte: "Ich bin ihr Hass! Ich habe einige Zeit mir ihr verbracht. Sie hatte mich nicht auf andere Menschen, sondern meistens auf sich selber. Weil sie ihr Leben manchmal hasste und vor allem sich als Mensch. Dafür, dass sie nichts ändern konnte. Dass sie macht- und hilflos war gegenüber den Dingen, die andere Menschen ihr antaten.

Sie fand sehr viele Dinge, die auf dieser Welt passierten, schrecklich und grauenhaft, hatte aber nicht genügend Kraft sie zu ändern. Ich weiß, was Deine nächste Frage sein wird und gebe Dir deshalb schon die Antwort: Sie hat mich zurückgelassen wie all die anderen Männchen in diesem Haus."

Ich schluckte und merkte, dass mir das Herz bis zum Hals schlug. Hatte sie auch mich manchmal gehasst? Oder fühlte sie sich auch mir gegenüber machtlos? Ich ging weiter durch den Flur und stieß auf das Büro. Dort hatten wir so unzählige Abende vor dem Computer gesessen oder es uns mit einem Buch gemütlich gemacht. Wir haben gern zusammen gelesen. Auch dort saß in der Ecke ein kleines Männchen. Es war grün und ziemlich muskulös.

Ich öffnete gerade den Mund um meine Frage zu stellen, als es sagte "Du brauchst nichts sagen. Ich weiß, was Du wissen möchtest. Ich bin ihre Kraft. Ich habe Zeit ihres Lebens in ihr gewohnt. Sie hat mich so sehr gebraucht. Jeden Tag aufs Neue. Nur mit mir konnte sie dieses Leben überhaupt meistern. Ich hätte sie nie alleine gelassen, aber letztendlich hat sie auch mich hier zurückgelassen. Wie all die anderen Männchen in diesem Haus."

Ich wusste, dass sie innerlich sehr stark war. Ja, ich habe sie immer als eine außergewöhnlich starke Frau empfunden. Und dennoch hatte ich auf einmal das Gefühl, als sei ihre Stärke manchmal gar nicht echt gewesen. Hatte sie mir oft nur die starke Frau vorgespielt? Auch das machte mich jetzt so unsagbar traurig.

Ich ließ das Männchen alleine zurück und ging nach nebenan, ins Schlafzimmer. Der Ort, an dem wir uns natürlich am meisten nahe waren. Wie oft haben wir dort einfach nur gelegen, uns umarmt, innig geküsst und so viel Wärme und Geborgenheit gespürt?

18.06.2012 © seit 06.2010 Andrea Koßmann  
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