Seite 2: Castaneda: Die vier Feinde des Menschen

Castaneda: Macht als Feind des Menschen

Die Macht wird von Castaneda als der gefährlichste Feind bezeichnet. Durch jeden Lernprozess, durch jede Erfahrung auf dem Weg gewinnen Sie an Macht. Macht bedeutet verändern, beherrschen, steuern und manipulieren zu können. Sie können um so mehr manipulieren, je mehr Sie die Zusammenhänge erkennen, die die Suche nach Wissen Ihnen liefert. Das Wissen liefert Ihnen das Werkzeug, mit dem Sie die Welt gestalten können. Sie verschaffen sich Ansehen, bekommen für Ihre klugen Kommentare Lob und Ehrungen, dürfen Menschen führen - Ihr Einflussbereich wächst mit Ihrem Wissen.

Doch worum geht es der Macht? Es geht ihr einzig um sich selbst. Macht ist dazu da, Macht zu erhalten oder auszubauen. Man kann ein mächtiger Politiker sein, ein einflussreicher Abteilungsleiter und einfach ein nerviger Hausdrache. Macht sucht immer nach Manipulationsmöglichkeiten andere im eigenen Sinne agieren zu lassen - die Fäden in der Hand zu behalten. Der Wille der Mitmenschen ist dabei zweitrangig - da man selbst "Recht hat" und es ohnehin besser weiß. Daher kann man selbst am besten die wichtigen Entscheidungen fällen. Gegenmeinungen sind störend, werden ignoriert oder tot argumentiert.

Wer der Macht verfallen ist, wird eifersüchtig darauf achten seinen Einflussbereich - wie winzig dieser auch sein mag - zu behalten und nötigenfalls auch mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Recht haben wird zur Machtfrage: Wer hat hier wem etwas zu sagen?

Macht sucht nach Kontrolle, denn man will seinen Einflussbereich nicht verlieren. Gewöhnlich wird der Einflussbereich über die Androhung von Sanktionen aufrechterhalten. Der Mitarbeiter wird entlassen, wenn er sich nicht normgerecht verhält. Das Kind bekommt Taschengeldentzug, wenn es nicht die erwarteten guten Noten nach Hause bringt. Man "straft" den Ehemann mit Liebesentzug oder droht mit schlechten Gefühlen: "Wenn du mir dies antust, wirst du mich unendlich traurig (wütend, ängstlich, böse etc.) machen."

Castaneda Vier Feinde des Menschen Kriegers Je mehr man sich an das "Bestimmen-dürfen" klammert, desto mehr verfällt man dem eigenen Machtstreben. Man jagt immer mehr eigennützigen Zwecken hinterher und vergisst vollkommen, dass die anderen Menschen ebenso wichtige Ansprüche haben. Man sieht eifersüchtig auf mögliche Konkurrenten und versucht schon im Vorfeld die oberen Positionen auf der Hühnerleiter zu verteidigen. Das Spiel um den eigenen Status wird zum Selbstzweck.

Nach diesen Überlegungen ist der entscheidende Faktor, durch den die Macht Sie behindert, erkennbar. Sie wissen genug, um Ihre Welt nach eignen Wünschen zu beeinflussen. Sie schaffen sich Ihre eigene kleine Welt und gehen deshalb nur noch im Kreis.

Kurz vor dem Ziel sind Sie stehen geblieben. Es gibt für Sie keine Möglichkeit mehr, weiter zu gehen, denn das Spiel um die Macht frisst alle Ressourcen auf. Erst, wenn Sie aufhören können, zwanghaft zu manipulieren und Sie die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind, können Sie loslassen und weitergehen.

Ihr Erfolg beim Kampf gegen die Macht hängt davon ab, wie aufrichtig Ihr Wille ist, die Wahrheit zu erfahren. Wenn Sie lernen, dass andere Menschen nicht nur Schachfiguren in Ihrem Leben sind, die man nach Belieben hin und herschieben kann, werden sie deren einmaligen Wert erkennen.

Die anderen sind mehr als Statisten im eigenen Film! Sie sind ebenso wertvoll und anerkennungswürdig, wie Sie Selbst. Der Wille der anderen ist keinen Deut weniger Wert als Ihr eigener.

Wer dies verstanden hat und bereit ist andere Menschen als gleichwertige Partner zu akzeptieren, kann ein Miteinander entdecken. Ein Miteinander, wo vorher nur ein Gegeneinander herrschte.

Jede Form von langfristiger Kooperation beruht darauf, dass sich Menschen aus eigenem Willen einer Sache verschreiben. Nur so werden Sie aktiv handeln bzw. aus sich heraus das Beste tun, dass ein Ziel erreicht wird. Druck erzeugt nur Gegendruck - das mag zwar kurzfristig funktionieren, aber langfristig will jeder seinen "Unterdrücker" los werden - entmachten.

Insofern meint "Macht besiegen" die Illusion aufzugeben, dass Druck, Sanktionen, Zwang oder Gewalt etwas Positives bewirken können. Echte Begeisterung an einem Ziel, Freude an der Zusammenarbeit oder die "Liebe eines Partners" sind hingegen Antriebskräfte, die nicht nur Berge versetzen können, sondern Sie selbst auch zum "Freund" und nicht zum "Feind" machen.

Castaneda: Alter als Feind des Menschen

Das Alter ist - nach Castaneda - der einzige Feind, den Sie nicht besiegen können. Egal wie lange Sie leben mögen, am Ende stehen der Tod und dessen Bruder das Alter. Das Alter erwartet jeden von uns, nur sehen die meisten Menschen nur die nächstliegende Zukunft. Wer plant schon über Jahre hinaus, oder fragt sich gar ernsthaft, was er als Pensionär oder Greis vom Leben erwartet. Das Alter zu verdrängen, ist hierbei der größte Fehler, den man machen kann. Wer nicht gelernt hat bis zum Ende zu blicken, hat immer nur die nächste Wegkreuzung im Auge.

Das Alter ist unbequem, denn es erinnert uns an die eigene Vergänglichkeit. Warum nicht das Leben genießen, solange man es noch aus vollen Zügen erleben kann?

Heidegger sieht im "Vorlaufen zum Tode" einen möglichen Weg, aus der Verfallenheit an das MAN zurück in die Eigentlichkeit des Daseins zu kommen. Verständlicher mag dies werden, wenn man bedenkt, dass viele Menschen sich erst im Angesicht des Todes fragen, welchen Sinn ihr Leben gehabt hat - oder "hätte haben sollen". Es gibt viele bekannte Geschichten über Menschen, die erst durch eine tödliche Krankheit zu sich selbst zurückfinden und sich fragen, was sie selbst vom Leben wollen.

Das "Vorlaufen zum Tod" kann zu einem Reflexionspunkt werden, an dem man das eigene Leben und Wollen messen kann. Es kommen Fragen auf, an die man vorher nie gedacht hatte. Lebt man wirklich das Leben, das man sich immer gewünscht hat, oder vegetiert man in faulen Kompromissen? Leben Sie Ihr Leben so, dass Sie morgen mit Freude sagen können - "So will ich es!" - oder finden Sie Ausreden dafür, dass Sie nicht DER sind, der Sie gerne sein wollen - nicht das tun, was Sie wirklich gerne tun würden.

Was würden Sie tun, wenn Sie erst im Sterbebett entdecken, dass Ihr Leben keinen Sinn hatte? Viele dieser Fragen können aufkommen, wenn man den Mut hat, bis ans Ende zu denken. Wer bei diesem Gedanken verweilen kann - sich dessen Endgültigkeit bewusst wird - hat die einmalige Chance sich dessen, was er wirklich will, bewusst zu werden.

Jeder Mensch ist einmalig und kann ein erfülltes und glückliches Leben führen. Doch den Sinn im Leben bekommt man nicht geschenkt - man muss ihn selbst erfinden. Und wenn man seinem Leben einen Sinn gegeben hat, mag einem auch das Alter nicht am "Glücklich-sein" hindern. Denn Ihren eigenen "Sinn des Lebens" vermag Ihnen niemand zu nehmen - auch das Alter oder der Tod nicht!

Es könnte sein, dass diese Gedanken Ihr Leben verändern. Sie müssen nur den Mut aufbringen sich den vier Feinden zu stellen. Tun Sie es nicht, haben Sie schon verloren. Doch wenn Sie anfangen zu kämpfen, haben Sie eine echte Chance Ihr Leben zu gestalten. Die Wahl liegt bei Ihnen - nutzen Sie sie - Sie haben nichts zu verlieren.

Übersicht über Castanedas "Feinde des Menschen /Kriegers"

Der 1. Feind
Furcht
Der 2. Feind
Wissen
Der 3. Feind
Macht
Der 4. Feind
Alter
Der Feind taucht auf, weil Sie ... · Ihr Modell der Welt infrage stellen
· Neue Verhaltensgewohnheiten lernen wollen
· Furcht überwinden
· Glauben oder Vorurteile bekämpfen
· Andere einschätzen/ Reaktionen vorhersagen können
· Andere manipulieren können
· Älter werden, egal was Sie tun
· Begrenzt Zeit haben
Wirkung Lähmende Angst, Langeweile, Trägheit, u. ä. Illusion, die wichtigen Schritte schon gemacht zu haben Sie schaffen Ihre Welt, in der Menschen und Dinge nach Ihren Vorstellungen funktionieren sollen Schwächung, alles wird langsamer bis zum Tod
Folgen Passives Verharren Überheblichkeit Überall Bestätigung, Statuskampf, keine Lernmöglichkeiten Verlust der Lebenskraft, Degeneration
Was tun? Handeln Sie! Stellen Sie Ihr Wissen immer neu infrage! Versuchen Sie Ihren Wahren Willen zu entdecken! Carpe Diem et memento mori!
(Nutze den Tag und gedenke des Todes!)
23.05.2016 © seit 09.2004 Tony Sperber  
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