Story: Wenn Geister der Vergangenheit lebendig werden ...

Teaser: Manche unscheinbaren Gegenstände haben für uns persönlich eine magische Bedeutung. Sie repräsentieren Highlights oder Tiefpunkte, die unser Leben verändert haben. Wenn wir sie nach langen Jahren wieder entdecken, haben sie die Macht, die Geister der Vergangenheit lebendig werden zu lassen.

Vor Jahren habe mir ein Regal gebaut, um Ordnung in mein Leben zu bringen - eines, das niemand sehen kann. Es ist in mir und beinhaltet all meine Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Erlebnisse. Es gibt große Fächer, kleine Fächer, Schubladen, Körbchen, Eimer, Schüsseln, Flaschen, Vasen..... lauter Gefäße, die man füllen kann, wenn sie sich leer anfühlen. Man kann sie aber auch leeren, wenn sie zu voll sind.

Altes WohnzimmerIm Laufe der Jahre ist jedoch eine sehr große Unordnung entstanden. Erinnerungen wurden heraus genommen, neue Gefühle und Gedanken kamen hinzu. Flaschen stellte ich von einer Ecke in die andere, Eimerchen wurden mal hier hin, mal dorthin geschoben und hinterließen Kratzspuren auf dem Boden des Regals.

Und wie es so ist, stellt man neue Ereignisse auch oft einfach "nach vorne" und die Dinge, die dahinter liegen, geraten in Vergessenheit. Vielleicht haben sie schon Schimmel angesetzt und sind völlig verstaubt.

Irgendwann fängt es an, komisch zu riechen und man erinnert sich an längst vergessene Zeiten. Dann kramt man in all den Erinnerungen, bis man den Grund für den Gestank findet und wirft ihn weg. Jahrelang hat man ihn mit sich herum getragen und gar nicht daran gedacht, dass dieses Objekt tatsächlich Ursache für ein schlechtes Gefühl sein könnte.

Also fing ich an mit dem Großreinemachen und sortierte meine Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte. Ich nahm längst vergessene Liebschaften aus einem sehr verstaubten Körbchen. Ich pustete einmal darüber und erinnerte mich an schöne Zeiten. Ich musste lächeln, als ich mit meinen Fingern über dieses Gefühl strich. Fast zärtlich war es. Doch spürte ich auch, dass es mich belastete.

Ich wollte damit abschließen und nahm dieses Gefühl hinaus, um es in die goldene Schatulle in meinem Herzen zu legen. Was einmal dort drinnen ist, wird nie wieder verschwinden und bis ans Lebensende in mir sein.

Ich nahm eine Flasche und schüttete neue Erlebnisse hinein, Situationen und Momente, die mir gut taten und an die ich gerne dachte - Dinge, die ich so schnell nicht vergessen möchte - Dinge, die mir Kraft geben würden, in dieser Welt zu überleben.

Als ich weiter schaute, was sich noch in meinem Regal befindet, stieß ich auf alte Freundschaften, die es schon lange nicht mehr gab. Menschen, die mich enttäuschten, hatten sich ohne meine Zustimmung in einem Körbchen ganz hinten im Regal eingenistet. Ich spürte den Ballast, der auf meiner Seele lag, als ich das Körbchen in die Hand nahm. Ich schaute noch einmal kurz hinein, um mir die Menschen anzuschauen. Sie lebten noch, aber sie konnten mir nichts Böses mehr tun. Also warf ich das Körbchen in den großen Behälter, mit der Aufschrift „Seelenmüll“.

FlascheDann nahm ich eine Vase in die Hand, in der eine längst verwelkte Rose stand. Vor langer Zeit einmal schenkte sie mir jemand, der sagte, dass er mich liebt. Doch er enttäuschte mich sehr und ich glaubte ihm seine Worte nicht mehr.

Anfangs hatte ich noch viel Hoffnung in mir und goss die Rose täglich, so dass sie noch eine zeitlang in voller Blüte stand. Doch verflüchtigte sich irgendwann die Hoffnung auf Wiederkehr und ich vergaß die Rose zu gießen. Nun war sie vertrocknet und hatte an Farbe verloren. Ich spürte, dass ich sie nicht mehr brauchte und so fand auch sie den Weg in den Seelenmüll.

Ich pustete ein wenig Staub beiseite und fand eine kleine Dose ganz hinten am Ende des Regals. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, sie jemals dorthin gelegt zu haben. Ich öffnete sie und erschrak. In ihr waren Wünsche, die ich vor Jahren hatte - Wünsche, die sich bis zum heutigen Tage nicht erfüllt hatten - Wünsche nach Liebe, nach Geborgenheit. Ich spürte, dass es mir weh tat, diese Wünsche zu sehen, ihnen Auge in Auge gegenüber zu stehen.

Ich hatte sie so viele Jahre erfolgreich verdrängt. Viel zu hoch war die Mauer, die ich um mich herum gebaut hatte, als dass sie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätten, noch beachtet zu werden.

Ich bekam eine Gänsehaut auf meiner Seele und musste weinen. Ich hatte die Wünsche also immer noch in mir, habe sie nur nicht mehr gespürt. Und jetzt, wo ich sie sah, war wieder diese Sehnsucht in mir, die ich von früher kannte. Ich wollte noch immer diese Wünsche leben. Ich wollte meine Träume leben. Also befreite ich die Dose vom Staub und stellte sie ganz vorne ins Regal, damit sie nicht wieder in Vergessenheit geraten konnten.

Es gab auch noch viele winzige Behälter, die ich nach und nach öffnete. In ihnen fand ich Verletzungen, unterdrückte Gefühle und Seelenschmerzen, die ich in all den Jahren immer wieder beiseite geräumt hatte. Jetzt war die Zeit dafür, sie zu vernichten und so nahm ich gleich alle auf einmal in die Hände und beförderte sie in den Seelenmüll. Es war befreiend, zu sehen, wie leer das Regal geworden war.

Und was ich feststellte, war die Tatsache, dass nur noch schöne Dinge auf den Brettern standen. In dem Regal befanden sich nur noch Dinge, die mir gut taten - gute Gedanken, die keinen Platz mehr hatten für Pessimismus - Kraft, die ich positiv nutzen konnte.

Da waren schöne Erinnerungen an liebe, längst verstorbene Menschen - Erinnerungen an Erlebnisse, die ich gerne noch einmal erleben würde - Träume und Wünsche, von denen ich mir vornahm, sie mir in diesem Leben zu erfüllen.

KüssenUnd ganz vorne auf dem Regal, kaum zu übersehen, war fast unmerklich ein riesiger großer Platz frei geblieben. Ich hatte automatisch alle anderen Dinge so hingestellt, dass genau dieser Fleck frei blieb. Ich dachte nach und schaute in mich hinein. Hatte ich es bewusst so getan oder hatte das Unterbewusstsein mir einen Streich gespielt?

Ich musste gar nicht lange nachdenken, was ich mit diesem freien Platz nun anfangen sollte. Denn es konnte nur eines in Frage kommen, was dort in dem Regal seinen Platz finden konnte: Ich nahm das Foto von Dir und stellte es genau dorthin.

Ich habe in meiner Seele den Platz frei gemacht für Dich. Ich habe alle Bedenken, schlechten Gedanken und Befürchtungen in den Seelenmüll gesteckt und nur unsere Wünsche und Träume dagelassen, die wir uns mit Hilfe der anderen schönen Dinge erfüllen können.

Erst jetzt kann ich sagen, dass ich mich aufgeräumt habe. Ich bin jetzt sortiert und vollkommen, weil DU in mir bist.

© Andrea Koßmann

13.05.2015 © seit 02.2008 Andrea Koßmann  
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