Seite 2: Muttersprache: Wohin geht das heutige Deutsch?

Deutsche SpracheDas Ausweichen auf Partizipien, z. B. der Studierende anstelle der Student, der Lernende anstelle der Schüler ändert nichts an der Misere, es ist lediglich wegen der Formenkongruenz maskuliner und femininer Partizipien mit bestimmtem Artikel und im Plural ohne Artikel nicht sofort sichtbar (der Studierende, die Studierende, Plural: Studierende).

Beschädigt wird durch diesen Partizipismus jedoch das Sprachgefühl, weil suggeriert wird, ein Studierender sei dasselbe wie ein Student, ein Lernender sei dasselbe wie ein Schüler.

In keiner anderen Sprache wie der deutschen findet man in der mündlichen Rede eine ähnliche inflationäre Aufschäumung mit Diskurspartikeln wie ääh oder äähm. Manche Redner malträtieren ihre Zuhörer mit einer so großen Menge davon, daß man nicht mehr zuhören mag. Und dies sind durchaus nicht sprachlich ungebildete Menschen – die Unsitte ergreift alle Schichten:

  • Germanisten,
  • Journalisten,
  • Politiker,
  • Künstler,
  • Wissenschaftler,
  • sogar Moderatoren in den Medien.

Wenn man nichts mehr zu sagen hat, beendet man seine Rede mit ääh, ja. Hinzu kommen oft sehr viele Füllfloskeln und –wörter, wie halt, irgendwie, irgendwo, irgendwas, sag ich mal und andere, die keine Aussage haben, häufig nicht in den Satz passen, lediglich die Rede überfüllen und häßliche Sprachangewohnheiten offenbaren.

Die Ursache dafür ist vermutlich in Großspurigkeit zu finden, im Drang zu reden, wenn man noch gar nicht weiß, was man sagen will, in der Befürchtung, daß einem in einer Denkpause zum Zwecke des Formulierens das Wort abgeschnitten und an einen anderen abgegeben wird.

Eine andere Art der Sprachverballhornung ist die Verwendung einer Vielzahl Grunz-, Blök-, Quiek- und Pieplaute, die offenbar aus dem Tierreich stammen, allenfalls keiner menschlichen Sprache zuzuordnen sind.

Insbesondere nachfolgende Generationen greifen diese lautmalerische Art der Äußerung auf und versuchen damit ihre Zuhörer zu beeindrucken.

Das geht einher mit einer banalen Versimplifizierung der grammatischen Formen, die ordentliche Ausdrucksweisen vermissen läßt. Zum Beispiel wird ein Konjunktiv dort, wo er hingehört, kaum noch verwendet, ein sehr bedauerlicher Prozeß der Sprachentwicklung, ist doch die deutsche Sprache sehr reich an Formen der Konjunktivbildung. So geht alles Bemühen um hohe Sprachkultur verloren zugunsten einer Hick-Hack-Sprache ohne grammatische Feinstruktur.

In Kreuzworträtseln findet man eine Tendenz, Begriffe künstlich als veraltet darzustellen. Sind, um zwei Beispiele zu nennen, etwa Knecht oder Magd veraltete Wörter, die man nicht mehr verwendet? Wie sollen denn die Tätigkeitsfelder früherer landwirtschaftlicher Mitarbeiter benannt werden?

Oftmals wird auch Lehrling als veraltet angegeben, vermutlich wegen des heute allgemein verwendeten Begriffes Azubi. Schlecht beraten ist man damit aber schon deshalb, weil letzteres wohl nicht zu den gelungenen Sprachschöpfungen gezählt werden kann. Mit solchen unüberlegten Einstufungen wird eine willkürliche Sprachverarmung herbeigerufen, mit der Hunderte Wörter als nicht mehr verwendungswürdig abgetan werden sollen.

In diversen Internetforen graust es einem zu lesen. Dort gibt es offenkundig überhaupt keine Rechtschreibung mehr. Die meisten schreiben mit völliger Regellosigkeit, so daß man mitunter Mühe hat zu erkennen, was der Schreiber denn sagen will. Die Beherrschung der Muttersprache wird nicht mehr als ein Maß für die Bildung angesehen. Schlampige Niederschriften sind kein Anlaß mehr für kritische Bemerkungen.

So kann man bereits heute in großer Deutlichkeit erkennen, daß der Fortlauf all dieser Tendenzen in den Untergang, den völligen Verlust unserer Sprache münden muß. Die Menschen deutscher Muttersprache haben den Stolz auf ihre Sprache verloren. Wenn die Abdrift der Sprache voranschreitet wie bisher, werden unsere Nachkommen Goethe und Schiller, aber auch Heine, Kleist oder Grass, nicht mehr lesen können, geschweige denn verstehen.

Sicher werden sie dann die Werke als veraltet einstufen und aus der Literatur entfernen wollen. Deshalb ist dringender denn je an der Entwicklung eines erweiterten Sprachbewußtseins aller Menschen deutscher Muttersprache zu arbeiten.

Dieser Prozeß muß schon im Elternhaus beginnen, und er muß seine Fortsetzung in der Schule finden, indem die Lehrer ihre zum Großteil durch die Rechtschreibreform verlorengegangene grundsätzliche spracherzieherische Funktion wiedererkennen und in ihrer Arbeit realisieren.

08.01.2014 © seit 08.2010 Dr. Manfred Pohl  
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