Seite 2: Metrik: Ästhetische Definition von Metriken in Gedichten

Versmaß: Der Alexandriner

Ich habe mich entschieden nur eine Versart- bzw. -form genauer darzustellen, um ein Beispiel eines konkreten, abstrakten Schemas zu geben. Das reicht für unsere Zwecke, was die Analyse zeigen wird, vollständig aus. Der Alexandriner wurde recht vielseitig verwendet. Er eignete sich sowohl für pathetische, als auch für humorvolle, leichte Inhalte. Der Alexandriner ist ein Viertakter, der aber nur drei Hebungen sprachlich verwirklicht. Er besteht, pro Zeile aus 2 mal 4 Takten, wobei jedoch der 4. Takt pausiert wird. Es gibt allerdings gewisse Übergangsformen, was bei jeder Versart der Fall ist. Auch Formen entwickeln sich weiter.

Der Alexandriner hat folgende Struktur:

U __ U __ U __ (vierter Takt: Pause): U __ U __ U __ (Pause).

O. g. Struktur nennt man vollständig. Der Alexandriner setzt sich aus vollständigen und übervollständigen Zeilen zusammen. In welcher Reihenfolge die Zeilen angeordnet werden, bleibt dem Dichter selbst überlassen. Es sollten jedoch beide darin vorkommen. Eine übervollständige Zeile sieht folgendermaßen aus:

U __ U __ U __ (vierter Takt: Pause): U __ U __ U __ U (Pause).

In der Literatur findet man viele Arten von Alexandrinern. Manche haben nur zwei Zeilen, was sich besonders gut für kurze Sinnsprüche eignet. Viele bestehen aus vier Zeilen pro Strophe. Der klassische Alexandriner hat 6 Zeilen mit folgendem Reimschema: a a b c c b, wobei sich die erste Zeile (a) mit der zweiten Zeile (a) reimt, die dritte Zeile (b) mit der sechsten (b) und die vierte (c) mit der fünften (c).

Beispiel:


Metrik Definition Gedicht Verslehre Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut.
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen;
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.
(Gryphius, Tränen des Vaterlandes)

Man erhält folgendes Schema:

U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ Pause
U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ Pause
U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ U Pause
U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ Pause
U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ Pause
U __ U __ U __ Pause: U __ U __ U __ U Pause

Oben beschriebenes Reimschema wird eingehalten.

Im Weiteren stelle ich eine kleine Analyse der Dichtkunst anhand verschiedener Kriterien vor.

Systematizität: Form und Inhalt

Metrik Verslehre SprachrhythmusDer Begriff Systematizität bezeichnet hier die Kunst "die Vielheit zur Einheit" zu bringen - bildet also die Struktur. Hier müssen beide Bestandteile des Verses, sein metrischer Rahmen (die Form) und der jeweilige sprachliche Inhalt, eine in sich verschmolzene Einheit bilden. Wird das nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, eines inhaltlich seelenlosen Geklapper nichtssagender Verse bzw. einer allzu glatten, schmierigen Versschmiederei leerer metrischer Schemata.

Ein weniger extremes Beispiel: Rote Rosen zieren meinen Garten.

Beim lautem Vorlesen dieser Zeile stellt man leicht fest, dass er klappert. Werden weitere Zeilen genauso fortgeführt, ist es wahrscheinlich, jemanden eher in den Schlaf zu sprechen, als Interesse zu wecken. Das Geklapper kann leicht aufgelöst werden: Rote Rosen blüh’n in meinem Garten. "Zieren" wird einfach ersetzt durch "blüh’n in". Die Wirkung ist nun eine völlig andere. Der Inhalt kommt wesentlich lebendiger rüber und macht neugierig auf Kommendes. In beiden Fällen wurde der gleiche metrische Rahmen eingehalten! Die Unterschiede sprechen für sich. Damit will ich nicht behaupten, dass klappernde Verse in der Dichtung niemals vorkommen dürfen. In einigen Gedichten heben klappernde Verse den Inhalt erst hervor, man denke z. B. an den Erlkönig von Goethe:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind
Es ist der Vater mit seinem Kind...

Man kann den schnellen Galopp des Pferdes direkt hören und nachempfinden, auch, dass es sich um keinen sportlichen Spazierritt handelt, sondern um einen besorgten Vater, der sein Pferd im scharfen Galopp reitet und zur Eile drängt. Auch hier gilt, dass Inhalt und Form nur zusammen die gewünschte Wirkung erzielen. Es sollte daher in der Metrik darum gehen, die Gesetze des Verses behutsam aufzudecken und bewusst zu machen. Nur so kann die Kenntnis des metrischen Rahmens in Verbindung mit dem Inhalt, den ästhetischen Genuss fördern.

Rhythmik in der Metrik

Auch der Vers bildet in sich eine Einheit und darf nicht einfach auseinandergerissen werden, da die besondere Rhythmik, welche erst mit dem Inhalt (der Füllung) verschmolzen, ein geschlossenes Bild oder besser Komposition abgibt, nicht mehr erkannt werden kann und folglich das Verständnis bzw. die Interpretationen wesentlich oberflächlicher bzw. nicht mehr im Sinne des Dichters erfasst wird.

Beispiel: Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.

Allein aus der Sprachgebung, ohne die Kenntnis metrischer Formen, ist es schwer, den richtigen Rhythmus herauszufinden. Natürlich spürt jeder, der die Zeilen laut liest, eine gewisse Rhythmik heraus, doch die Unsicherheit beginnt bereits mit der ersten Silbe. Betont man schon das erste Wort „Eine“ (Welt)?, oder soll man, was in der Prosa natürlicher wäre, erst „Welt“ betonen? „Eine Welt zwar bist du …“ Vorausgesetzt, es sind Verse, wäre eine Zeilenabteilung denkbar, wie sie in freien Rhythmen vorkommen könnte - man rupfe die Zeilen auseinander:

Eine Welt zwar bist du,
o Rom,
doch ohne die Liebe
wäre die Welt nicht die Welt,
wäre denn Rom auch nicht Rom.

Einzelne Verszeilen dürfen nicht künstlich isoliert werden, weil ein Vers niemals für sich allein steht, sondern seine genaue Ausformung immer erst im Ganzen erhält. In Wirklichkeit ordnet sich o. g. Beispiel in zwei Verszeilen ein, nämlich einem Hexameter und einem Pentameter, die zusammen ein Distichon bilden:
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
(Goethe, Aus: Römische Elegien)

Kreatizität in der Metrik

Der Begriff Kreatizität benennt das "Neue" oder die kreativen Elemente eines bestimmten Werks. Gäbe es dieses Kriterium nicht, würden wir Kopien von wirklich eigenständigen Werken (Originalen) nicht unterscheiden können.

Metrik Versmaß Anwendung Gedicht DefinitionEs gibt viele moderne Dichter, die sich in kein metrisches Korsett mehr zwängen wollen. Daher bevorzugen sie die Form der freien Verse, da sie mehr Möglichkeiten sehen, sich auszudrücken. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, ob bei einem festen metrischen Rahmen noch Neues entstehen kann und, ob es wirklich stimmt, dass freiere Formen mehr Möglichkeiten offenhalten. Ich habe mir viele Gedichte laut vorgelesen, die einen festen metrischen Rahmen haben und konnte nicht feststellen, dass z. B. bei Goethe der Inhalt langweilig, redundant und starr wirkte. Im Gegenteil - er lebte, fast vergleichbar mit einem Tanz, in welchem die Partner zwar eingeübte Schritte (das Schema) einhielten, jedoch eine eigene individuelle Art der Bewegung mit integrierten und damit eine Menge von möglichen Variationen.

Ich möchte nicht behaupten, dass eine freie Verswahl weniger Variationsmöglichkeiten bietet als eine vorgegebene Rhythmik. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Es empfiehlt sich jedoch für jeden, der die Dichtkunst erlernen will, sich an metrischen Formen zu orientieren. Um im Beispiel zu bleiben: Eine freie Form des Tanzes zu kreieren, ist wesentlich komplexer und anspruchsvoller, als sich an bestehende Regeln zu halten. Diese Regeln sind eine Voraussetzung für das Erschaffen neuer und variabler Tänze. Die Partner, in unserem Fall der Inhalt und die Form müssen sehr geübt sein, um ein geschlossenes Bild abgeben zu können. Diese Art zu tanzen, ist nur für Fortgeschrittene, welche die Regeln des Tanzes kennen, möglich. Ein Anfänger hat hier keine Chance.

Ich stelle hier ein Gedicht von Theodor Storm vor, dem es gelingt im Rhythmus der ersten Strophe den einförmigen und in seiner Stimmung leicht bedrückenden Wellenschlag des ständig anrauschenden Meeres einzufangen, was bei einem freien Rhythmus nicht möglich wäre:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Hier wechseln sich Hebung und Senkung regelmäßig ab. Jede Zeile endet mit einer Hebung, während die darauf folgende mit einer Senkung beginnt, sodass die Zeilen miteinander verbunden werden und dadurch die Monotonie der Gesamtstimmung stark unterstrichen wird. Doch es tauchen gewisse Störungen auf, welche in der Natur vorkommen: Nicht jede Welle rollt gleichmäßig an, bricht und verebbt dann wieder. Das fällt vor allem bei der letzten Zeile auf.

Normalerweise beginnt das Wort Eintönig mit einer Hebung und endet mit einer Senkung (__ U U). Im vorliegendem Gedicht jedoch fällt die Betonung auf die zweite Silbe (U __ U). Beseitigt man die kleine metrische Unregelmäßigkeit, indem man „Eintönig“ einfach durch andere Worte ersetzt: „Und durch die Stille braust das Meer ganz ruhig um die Stadt“, kann die Kunst des Dichters erfasst werden. Durch diese kleine metrische Änderung verlieren die Verse viel von ihrer ursprünglichen Ausdruckskraft. Betrachtet man nun die gesamte Rhythmik des Verses, steigt sie beim lauten Lesen bis zum Wort Meer (in der vorletzten Zeile), ständig an, bleibt mit „ein-„ noch in der Schwebe und von „-tönig“ an, löst sich die Spannung, die Strophe klingt voll aus, die Welle bricht sich und verebbt am Strand.

Doch das Gedicht ist hier nicht zuende. Es folgen zwei weitere Strophen:

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Obwohl ein neuer Inhalt hinzugekommen ist, lässt sich in beiden Strophen das Meeresrauschen immer noch heraushören, wenn auch in abgeschwächter Form. Hier wird deutlich, dass der Grundrhythmus nicht einfach mechanisch wiederholt wird, sondern mit einer neuen inhaltlichen Komponente variiert und sich der neuen Stimmung anpasst. Das Gesamtbild der grauen Stadt wird vervollständigt. Die anfänglich monotone Stimmung wird von Vers zu Vers gelöster, obwohl die Grundstimmung beibehalten wird. Die letzte Strophe klingt fast verspielt, trotz der noch immer verbleibenden Eintönigkeit im Hintergrund.

14.06.2016 © seit 08.2005 Cassandra B.  
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