Seite 2: Kommu-Hexagramm: Die 6-Aspekte des Verstehens

4. Der Pressionsaspekt

Beim Pressionsaspekt geht es - anders als beim Aufforderungsaspekt - darum, jemanden zum Handeln zu zwingen, indem man mit negativen Konsequenzen droht. Insofern stufe ich den Pressionsaspekt ganz klar als "machtorientierte Kommunikation" ein, denn hier soll der freie Wille einer Person unterdrückt werden.

Kommu-Hexagramm PressionsaspektGewöhnlich reichen die Druckmittel beim Pressionsaspekt von der Androhung negativer Gefühle (ala "wenn du "xy" nicht tust, werde ich traurig / wütend ...) bis hin zur körperlichen Gewalt. Im Grunde ist der Pressionsaspekt nur sinnvoll bei kleinen Kindern oder Tieren anzuwenden, die einen möglichen Schaden durch ihr Handeln (bei sich selbst oder anderen) nicht verstehen können, d. h. noch "unmündig" sind.

In solchen Fällen soll der Pressionsaspekt eine "Schutzfunktion" erfüllen, denn es ist besser das Kind fürchtet sich vor einer ärgerlichen Mutter, als sich die Hand am Ofen zu verbrennen. Insofern kann der Pressionsaspekt temporär - d. h., solange das Kind negative Konsequenzen seines Handelns noch nicht verstehen kann - als "Erziehungsmittel" sinnvoll sein.

Unter mündigen Gesprächspartnern wirkt er jedoch fast in allen Fällen destruktiv, denn jede Form der Androhung von Zwang oder Gewalt vergiftet die Kommunikation.

Eine andere Abart des Pressionsaspekts ist auch die Unterlassung positiver Handlungen. Das ist z. B. dann der Fall, wenn eine Frau aufgrund von (vorgetäuschter) Migräne nicht mit dem Mann schlafen will (Liebesentzug), da er ihr einen Wunsch nicht erfüllte.

Das perfide an dieser Art von Zwang ist, dass er nicht offen (oder ehrlich) ausgesprochen und geklärt wird. Hier kann man oft nur anhand von Indizien schließen, ob der Liebesentzug häufig nach einer Enttäuschung / unerfülltem Bedürfnis usw. ausgeübt wird. Umgekehrt kann es natürlich ebenso problematisch sein, wenn der Mann einen Liebesentzug (als Strafe / Pressionsaspekt) halluziniert, obwohl die Frau tatsächlich krank ist.

5. Der "Ich"-Aspekt

Der "Ich-Aspekt" unterstellt einem Sprecher offen oder insgeheim, mit einer x-beliebigen Aussage über sich selbst zu sprechen. Das betrifft alle Aussagen, die unter dem Motto "so einer bin ich" stehen könnten. Es geht also um den Aspekt der Selbstoffenbarung einer Person.

Kommu-Hexagramm Ich-AspektBei narzistisch veranlagten Menschen kann der Ich-Aspekt recht klar zutage treten. Dabei ist es unerheblich, ob bei der Selbstoffenbarung eine Art Selbstlob oder Selbstverherrlichung dargestellt wird oder man sich selbst eher als Opfer, Leidender oder Loser beschreibt.

Auch beim Ich-Aspekt gibt es eine indirekte Form. Auf einer Party stellt sich beispielsweise jemand als "Macher" dar, indem er "stundenlang" über seine "Erfolge" monologisiert. Dabei geht es ihm darum bei seinen Zuhörern Eindruck zu schinden, um respektiert und anerkannt zu werden.

Aber auch die negative Selbstoffenbarung gehört zum Ich-Aspekt. Wer über Krankheiten klagt, sich als Opfer der Umstände oder als "hilfsbedürftig" darstellt, versucht damit eine Reaktion des Zuhörers auszulösen. Insofern könnte man den Ich-Aspekt auch als Selbstdarstellung sehen, d. h. das Bild, das man anderen von sich vermitteln will.

Problematisch wird der Ich-Aspekt in der Kommunikation dann, wenn er einseitig thematisiert wird, d. h., der Sprecher interessiert sich nur für sich und nicht für andere. Man kann den Ich-Aspekt sehr leicht in einen Pressionsaspekt umwandeln, indem man dem Sprecher die Anerkennung verweigert.

Eine besondere Rolle spielt der Ich-Aspekt in Intimbeziehungen, da hier eine ehrliche Selbstoffenbarung wichtig und nötig ist, um den Partner kennen- und liebenzulernen. Vor allem Menschen mit negativen Beziehungserfahrungen sind oft Anhänger von Glaubenssätzen wie "ich darf nicht sagen, was ich wirklich denke, sonst mag man mich nicht."

In solchen Fällen wird der Ich-Aspekt wie ein "schreckliches Geheimnis" gehütet. Man versucht sein "wahres" Selbstbild vor dem anderen zu verstecken, um weiter geliebt zu werden. Das gilt auch für Tabuthemen wie sexuelle Wünsche, die man vor anderen verbirgt, da man "so etwas Dreckiges" nicht denken / sich wünschen darf.

Was den Ich-Aspekt angeht, gibt es keine eindeutige Grenze, wann er positiv oder negativ auf andere wirkt. Man kann aber anstreben, wahrhaftig und authentisch zu leben. Dazu gehört es, sich ein soziales Umfeld zu suchen, das einen so annimmt, wie man ist.

6. Der "Du"-Aspekt

Kommu-Hexagramm DuaspektBeim Du-Aspekt geht es um Aussagen, Urteile oder Bewertungen, die man über andere trifft. Insofern könnte man ihm eine Kategorie zuordnen, die mit "so einer bist du" betitelt wird.

Dabei ist es unerheblich, ob der Sprecher nur über den Zuhörer, Nachbarn, ein Fußballteam, die Firma oder Ausländer spricht.

Negative Beispiele (oder Vorurteile) in Aussagen wie "Ausländer sind faul" sind leicht zu erkennen. Ebenso wenn ausdrücklich positiv (z. B. lobend oder bewundernd) über jemanden gesprochen wird.

Viele dürften auch die Klischees des "Kaffeeklatsches" oder des "Stammtisches" einleuchtend finden, wo gerne über alle möglichen Leute getratscht wird.

Wie wendet man das Aspekte-Modell an?

Eine wichtige Erkenntnis aus diesem Modell ist, dass man eine einzige Aussage auf mindestens 6 verschiedene Weisen verstehen kann, die jeweils zu völlig unterschiedlichen Interpretationen, Bewertungen und Urteilen beim Zuhörer führen.

Im folgenden Beispiel beschreibe ich die verschiedenen Aspekte einer harmlosen Aussage: "Ich kann dich am Samstag nicht treffen ..."

  • Beziehungsaspekt: "Der hat was gegen mich ..."
  • Sachaspekt: "Mein Freund kann am Samstag nicht kommen ..."
  • Aufforderungsaspekt: "Soll ich etwa wieder zu dir kommen?"
  • Pressionsaspekt: "Willst du mir eins auswischen, weil ich neulich nicht vorbei kam?"
  • Ich-Aspekt: "Herr Baron belieben Ihre Zeit wohl wichtigeren Dingen zu widmen ..."
  • Du-Aspekt: ""Er findet mich langweilig ..."

Die hier von mir frei erfundenen Interpretationen sollen zeigen, wie variabel Verstehensmöglichkeiten sind, und mit etwas Kreativität könnte man noch viele weitere Variationen dieser Aspekte formulieren. Für den Zuhörer ist es durchaus wichtig zu überlegen, welche Interpretation zutreffend sein kann, denn je nach Kontext und Gesprächspartner könnte jede Möglichkeit tatsächlich passen.

Eine weitere Erkenntnis könnte darin bestehen, Missverständnisse nicht persönlich zu nehmen, sondern versuchen zu verstehen, auf welchem Aspekt der Zuhörer Ihre Aussage verstanden hat und diese anschließend präziser zu formulieren.

Sie werden entdecken, dass bestimmte Menschen Gewohnheiten entwickelt haben, einen Aspekt zu präferieren, z. B. den Sachaspekt einer Aussage häufig als Appell zu verstehen. Logisch ließe sich kein sinnvoller Zusammenhang erkennen, wenn nach einer sachlichen Feststellung jemand plötzlich anfängt, höchst aktiv zu werden. Die Kenntnis der Aspekte erlaubt es Ihnen, die Quelle von Missverständnissen leichter zu lokalisieren und zu beheben.

Da dieses Modell nur eine leere Hülle ist, bis man es kennt und anwenden kann, will ich Ihnen noch einige hilfreiche Übungen mit auf den Weg geben.

Übungen zu den 6 Aspekten des Verstehens

1. Zunächst ist es wichtig, die Aspekte in einem Gespräch überhaupt wahrnehmen und differenzieren zu können. Nehmen Sie sich in der Woche 2 oder 3 Mal die Zeit, einem Gespräch zu lauschen und sich zu fragen, welche Aspekte gerade thematisiert werden. Sammeln Sie eigene Beispiele, die paradigmatisch für jeden Aspekt stehen könnten.

2. Beobachten Sie bei sich selbst, unter welchem Aspekt Sie ein Gespräch oder eine Aussage interpretieren. Verstehen Sie häufig Aussagen auf einem bestimmten Aspekt? Versuchen Sie selbst eine bestimmte Aussage in den 6 Aspekten zu deuten und werden Sie sich über die Unterschiede bewusst.

3. Versuchen Sie bei einem Missverständnis zu analysieren, wo der Fehler lag. Haben Sie oder ein Zuhörer einen Aspekt des Verstehens gewählt, der gar nicht gemeint war? Wie könnten Sie Ihre Aussage so präzisieren, dass derartige Missverständnisse künftig nicht mehr vorkommen.

4. Diskutieren Sie dieses Modell mit Freunden oder Interessierten und versuchen Sie selbst neue Anwendungsgebiete zu finden, um Ihre Kommunikationskompetenz zu steigern.

Viel Erfolg beim Anwenden des Modells der 6 Aspekte des Verstehens!

14.06.2016 © seit 06.2014 Tony Kühn  
Kommentar schreiben