Seite 2: Deutsche Sprachpflege in Vergangenheit und Gegenwart

Deutsche Sprachpflege von 1919 bis 1945

Auch die Zeit der 20er Jahre bis Ende des 2. Weltkrieges war von vielen Theorien und Bemühungen gekennzeichnet. Franz Thierfelder weist 1929 der Sprachpflege 3 Aufgabenbereiche zu. Neben der Aufklärung im Inland und Werbung im Ausland stand die tätige Hilfe im Grenzgebiet. Neu hinzu kommt also die Werbung um die deutsche Sprache. In den 40ern werden diese Aktivitäten unter Sprachpolitik zusammengefaßt, worunter Thierfelder die Bemühungen um Entwicklung und Erhaltung, Einsatz und Wirkung der Sprache sowie die Befriedigung politisch-praktischer Bedürfnisse durch wissenschaftliche Erkenntnisse verstand. Das heißt unter anderem Rechtschreibung, Sprachreinigung, Schriftgestaltung, Sprechererziehung, Unterrichtsmethodik, Sprachwerbung.

Deutsche Sprache Sprachpflege1925 kam es zur Gründung der ersten amtlichen Sprachpflegeinstitution des Deutschen Sprachpflegeamtes, das als Dachverband sämtlicher Sprachorganisationen fungierte. Abteilungen waren u. a. Wesen der Sprache, Sprache des Auslandsdeutschtum, Sprachbeobachtungen, behördliche Sprachpflege. Daß Sprache auch in Dienst einer Ideologie treten kann, sollte jedem bewußt sein.

Aber daß der Fremdwortgebrauch an der Niederlage im 1. Weltkrieg verantwortlich ist, ist ebenso Unsinn, wie die Behauptung, daß der Gebrauch von Wörtern jüdischen Ursprungs für Volksgenossen unwürdig sei. Viele Gelehrte, Theoretiker etc. beschweren sich über die radikale Tilgung von Fremdwörtern, die übermäßige Eindeutschung, nennen jene, die das tun, Puristen.

Ein Fremdwort-Verdeutschungsverbot gefiel ihnen auch nicht. Es wird behauptet, die Nazis bräuchten die Fremdworte, deren Zweck es war, das Denken und Verhalten der Menschen im Sinne der Nationalsozialisten wirksam zu beeinflussen, z. B. durch das Propagandaministerium. Der Reichsminister schreibt an den Sprachverein 1940: "[...] Der Führer wünscht nicht derartige gewaltsame Eindeutungen und billigt nicht die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdwörter durch nicht aus dem Geist der deutschen Sprache geborenen und den Sinn der Fremdworte meist nur unvollkommen wiedergebende Wörter".

Allgemein ist nach 1933 eine Verlagerung vom geschriebenen zum gesprochenen Wort vollzogen worden (Volksempfänger). Aber die Behauptung, daß die Machthaber weder an Sprachförderung noch an "vereinsmäßigem Purismus" Interesse hatten, da beide "die auf der Verdummung der Menschen basierende Manipulation stören können", möchte ich als unwissenschaftlich hinstellen.

Sprachpflege nach 1945

Trotz der Teilung Deutschlands nach dem Krieg waren in den ersten Jahrzehnten die sprachpflegerischen Aktivitäten in beiden Staaten aus Sorge um die Einheit und Reinheit der gemeinsamen deutschen Sprache gleich. Erst als Anfang der 70er Jahre die DDR unter dem Begriff Sprachkultur mit der Ausarbeitung einer sozialistischen Sprachkultur begann, änderte sich dies. Zahlreiche Institute, Akademien, Gesellschaften und Publikationsorgane wurden mit unterschiedlichen Zielsetzungen gegründet. Tradition hatte schon die Sprachpflege in Form von Sprachberatung in der Duden-Redaktion.

Das bibliographische Institut der DDR befand sich in Leipzig und im Westen seit 1958 in Wiesbaden. Durch die Kultusminister der Länder wurde 1955 die Verbindlichkeit des Duden in Zweifelsfällen festgelegt. Wichtig sind noch die Gesellschaft für Deutsche Sprache (1947) und das Institut für Deutsche Sprache (1964). Selbst der Bundestag hat einen Redaktionsstab mit dem Ziel, eine größtmögliche Durchsichtigkeit der Gesetzestexte zu schaffen, ohne daß der fachspezifische Sachverhalt verloren geht.

Praktische Beispiele

Hiermit möchte ich den historischen Teil abschließen und mit zwei praktischen, aktuellen Themenkomplexen fortfahren. Einmal möchte ich auf die Praxis der "politischen Korrektheit" eingehen, dann auf die neue Rechtschreibreform.

Politische Korrektheit

Die Verwendung politisch korrekter Wörter betrifft die Sachverhalte Politik/Geschichte und Minderheiten. Der Begriff kommt aus den USA und soll den Anwendern der "politisch korrekten Sprache" helfen, soziale, geschlechtsspezifische, rassistische und andere Diskriminierung, Intoleranz und Vorurteile zu bekämpfen und zu überwinden.

Geschichte der deutschen SpracheEin kleinwüchsiger Mensch wird sprachlich zum "vertikal Herausgeforderten", ein Behinderter zum "anders Befähigten". Allerdings verkennen diese Sprachanwender, daß sich Schwule und Behinderte mit dem Sprachgebrauch identifizieren. So nennen sie ihre Vereine selbstbewußt "Tuntonia" oder "Krüppelinitiative".

Verpönt sind bei den Anwendern der politisch korrekten Sprache Worte wie Neger oder Zigeuner, da sie auf eine ethische Zugehörigkeit hinweisen. Als Ersatz für Neger gab es mal Schwarzer, Farbiger, Afro-Afrikaner. Politische korrekt ist in Amerika nun "Amerikaner afrikanischer Abstammung". Folge dieser Hysterie war: Bücher wie "Onkel Toms Hütte", oder Mark Twains "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" wurden verboten, da das Wort Nigger darin vorkommt.

In Deutschland gibt es sogar einen Bundestagsabgeordneten, der Neger für nicht korrekt hält, da es sich von Nigger ableite, was natürlich von Unkenntnis zeugt. "Rassistische" Bezeichnungen für Süßigkeiten sollen nach einigen Initiativen in Deutschland und Frankreich ebenso verboten werden. Da wird der leckere Negerkuß oder Mohrenkopf in Schokokuß umbenannt. Zigeuner darf man nur noch im Zusammenhang mit -Baron oder -Schnitzel sagen. Mahnmale für Sinti und Roma sind politisch korrekt. Dabei werden aber durch sie, weil sie historisch und ethnisch ungebildet sind, andere Volksgruppen, die auch zu den Zigeunern gehören. (Boschas = armenische Zigeuner) diskriminiert.

Im politisch-historischen Bereich wurde aus der Reichskristallnacht eine Reichspogromnacht, aus dem Asylant ein Asylbewerber. Politisch korrekt ist auch nicht Vaterland, denn die evangelische Kirche schreibt in ihren Liederbüchern nur noch "O Land" bzw. strich in dem Lied "Wach auf, wach auf..." den 7. Vers. Dort stand eben "Wach auf Deutschland".

Die neue deutsche Rechtschreibreform

Auch hier will ich kurz und allgemein bleiben. Seit einigen Jahren streiten Bundestag, Verfassungsrechtler, Eltern und Gelehrte für und wider eine Reform der deutschen Sprache. Inzwischen ist es die Reform der Reform der ursprünglichen Reform. Betroffen sind über 2000 Wörter, Kommaregeln und dergleichen. Die Sprache, so die Fürsprecher, soll vereinfacht werden. Abgesehen davon, daß eine Sprache von selbst der Vereinfachung entgegen strebt, scheint die vermeintliche Vereinfachung alles zu verkomplizieren. Keiner weiß mehr, wie jetzt etwas geschrieben wird, da die Reform eine künstliche ist und die Entwicklung der Sprache nicht berücksichtigt.

Nicht Fachleute unterschiedlicher Wissensrichtungen, Autoren und Verleger, sondern eine einseitige Kommission zeichnet sich dafür verantwortlich. Neben der Schule ist das Elternhaus die wichtigste Sprachinstanz für Kinder und Jugendliche. Eltern werden nun diesbezüglich aus dem Spracherziehungsprozeß ausgeschlossen. Mit allen Mitteln werden Reformgegner unterdrückt. So wurde die Volksabstimmung in Schleßwig-Holstein gänzlich ignoriert, scheiterte in Niedersachsen, weil die Unterschriftenbögen nicht einheitlich waren.

Aber die Befürworter der Reform beherrschen ihre Regeln auch nicht. Nicht nur, daß man inzwischen Mängel und Unklarheiten selbst einsieht, auch in der Anwendung mangelt es. So hat der bayrische Kultusminister Zehetmair in einem Papier zur "Weiterentwicklung des bayrischen Schulwesens" auf wenigen Seiten nicht weniger als 30 mal gegen die von ihm befürworteten Regeln verstoßen, wie die "Welt" zu berichten wußte. Zudem tritt die Reform per Erlaß in einigen Bundesländern zwei Jahre zu früh in Kraft.

Zusammenfassung - Kommentar

Doch genug davon; ich möchte das Haus fertig bauen. Mit der Einleitung habe ich das Fundament gelegt, mit dem geschichtlichen Überblick die Stockwerke hochgezogen, nun ist es Zeit ein Dach zu bauen.

Bewußt habe ich nur eine vorläufige, allgemeine Definition von Sprachpflege gegeben, möchte auch keine Theorie bilden oder durch eine Theoriediskussion den Leser überstrapazieren.

Festhalten sollten wir, daß unsere Schrift und Sprache sich über viele Jahrhunderte entwickelt hat. Sie ist vielfältig im Ausdruck, nicht einfach im Regelwerk, aber für jeden lernbar. Wenn wir mit jemanden sprechen, wollen wir verstanden werden. Auch offenbart sich unser Denken und Handeln durch unsere Worte. Diese sollten wir behutsam und bedacht verwenden, richtig und kritisch. Wir sollten das Sprechen anderer ebenso überdenken und zum richtigen Gebrauch anhalten.

Sie fragen sich vielleicht, wie politische Korrektheit und Rechtschreibreform zu all dem zuvor Gesagten passen?

Zuvor sprach ich von Gelehrten, Dichtern, Sprachvereinen; nun von Minderheiten, Medien und Politikern. Das eine sind Autoritäten, Kompetenzen bezüglich der Sprache, das andere ist eine Lobby, die die Welt manipuliert, die Wirklichkeit verzerrt, überall Diskriminierung und Faschismus wittert, indem sie die Sprache nicht ihrer natürlichen Entwicklung überläßt, sondern stets und überall eingreift.

Die Welt wird schöngefärbt, der Einzelne seiner Sprache, Kultur und Ethnie entfremdet. Jeder und alles ist gleich, nach Ansicht dieser Lobby, die sich human nennt. Jeder Mensch sollte sich für seine Tradition, Kultur und Sprache einsetzen, sie wahren und pflegen dürfen. In diesem Sinne bin auch ich ein Sprachpfleger.

Quellenangaben - Literatur:

Albrecht Greule, Elisabeth Ahlvers: "Germanistische Sprachpflege
Geschichte, Praxis, Zielsetzung", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986
Rosemarie Lühr: "Neuhochdeutsch", 2. Auflage, W. Fink, Verlag, München 1986 [= UTB 1349]

23.05.2006 © Martin Dembowsky  

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