Seite 2: Der Ruin der deutschen Sprache - alles nur Gerede?

7. Die massenweise Übernahme des Buchstabierens von Abkürzungen nach der englischen Lautung (z. B. „i em ai“ für EMI – elektromagnetischer Impuls, „ai es es“ für ISS – internationale Raumstation) oder auch das Ersetzen deutscher Abkürzungen durch englische, z. B. DNS (Desoxyribonukleinsäure) durch DNA (Desoxyribonucleic acid).

8. Die absurde Günther-Oettinger-Auffassung, Deutsch werde als Familien- und Freizeitsprache erhalten bleiben, im Arbeitsprozeß werde jedoch zukünftig englisch gesprochen.

Es ist der peinliche Ausrutscher eines Politikers, der offenbar keine Achtung vor seiner Muttersprache hat. Die Aussage ermuntert die Verfechter der unbegrenzten Aufnahme englischer Vokabeln ins Deutsche und trägt auf diese Weise zur weiteren Verdrängung unserer Sprache bei, und zwar nicht nur im Arbeitsprozeß, sondern auch in Familie und Freizeit. Die Tragweite seiner Aussage ist Günther Oettinger entweder nicht bewußt oder er strebt in einer Art Globalisierungswahn tatsächlich nach der Einführung einer Fremdsprache, die er selbst nicht sicher beherrscht.

9. Die fortwährende Benennung englischer Begriffe mit dem Terminus „neudeutsch“, mit dem sie am Ende als „irgendwie deutsch“ sanktioniert werden. Tatsächlich sind es schlicht und einfach englische Wörter und so sollten sie auch zur Unterscheidung von den deutschen genannt werden.

10. Die Abschaffung der SAS (Schulausgangsschrift) als Schreibschrift in den Schulen und die Einführung der sogenannten Grundschrift, einer Art Blockschrift, die zum Erlernen des Schreibens im Kindesalter völlig ungeeignet ist. Wider besseres Wissen wird diese nachhaltige Meinung der Fachleute beiseite geschoben, um den Willen einer Lobby durchzusetzen.

11. Die fehlende Spracherziehung in den Schulen, zu der es in den letzten 15 bis 20 Jahren immer stärker gekommen ist, erweist sich als eine der Hauptursachen für das Voranschreiten der Sprachzerstörung. Heranwachsende Generationen haben kein Gefühl mehr für die Bedeutung der Muttersprache, ihren grammatischen Aufbau und ihre Orthographie. Es fehlt die Erkenntnis über den großen Wert der Muttersprache als wichtiges Kulturgut des Volkes. Die Beherrschung der Muttersprache wird nicht mehr als ein Maß für Bildung angesehen. Markante Einzelheiten dabei sind:

a) Die sich immer stärker verbreitende Fehlauffassung, Spracherziehung sei das Ressort der Deutschlehrer,

b) Die Unterlassung der Korrektur sprachlicher Fehler in den Facharbeiten und ihrer Bewertung durch die Fachlehrer und damit das Fehlen der Einflußnahme auf die Deutschkenntnisse der Schüler in allen Fächern,

c) Das völlige Fehlen der Erziehung zum Sprachbewußtsein und zum Stolz auf die Muttersprache als Kulturgut der nationalen Identität,

d) Das nachlässige, fehlerhafte und veranglifizierte Sprechen in Teilen des Lehrkörpers – auch im Unterricht.

Die Ergebnisse der fehlenden Spracherziehung kann man in diversen Internetforen nachlesen, in denen man einer Orthographie und Grammatik begegnet, mit der stellenweise bereits die Verständlichkeit verlorengeht.

12. Der Versuch des Etablierens des sogenannten „Kitz-Deutschs“ als neuen deutschen Dialekt

Der Versuch ist aufgekommen und wird vorangetrieben durch die Sprachwissenschaftlerin Prof. Heike Wiese, Universität Potsdam, die dazu ein zweifelhaftes „Forschungsprojekt“ gestartet hat. Danach ist z. B. „isch du bum“ ein neuer deutscher Dialektausdruck für „ich haue dir eine runter“. Die Universitätsführung ist außerstande oder nicht interessiert, diesem offenkundigen Unfug ein Ende zu setzen. Hier wäre das administrative Eingreifen zur Unterbindung der Vergeudung finanzieller Forschungsmittel für einen unbrauchbaren sprachlichen Exzesses ganz sicher angebracht und dringend notwendig.

Ausführlicher unter "Die irrigen Auffassungen einer Sprachprofessorin zur deutschen Sprache und die Folgen"

13. Der fehlende Einfluß auf die sprachzerstörenden Auswüchse in der Werbung

Gerade die Häufigkeit des Aufsagens bestimmter Werbetexte in den Medien ist geeignet, Fehlern in der Sprache zur Festsetzung zu verhelfen. Nach steter Wiederholung werden sie am Ende als richtig empfunden und nicht mehr kritisch betrachtet. Beispiele sind:

a) Die schleichende Unterwanderung der Grammatik mit falschen Wortstellungen in Fragesätzen. Beispiel: „Sie wollen ein neues Gerät kaufen?“ Das ist kein Fragesatz, sondern eine Aussage. Der Fragesatz ist im Deutschen an die Wortstellung „Wollen Sie...“ gebunden. Durch die massenweise Anwendung solcher Fehler setzen sie sich in der Sprache fest und werden nicht mehr bemerkt.

b) Die ausschließliche Werbung in Englisch, besonders in der Elektronikbranche.

c) Die offen aggressive und falsche Argumentation von Werbefachleuten, nicht die Sprache pflegen, sondern ein Produkt verkaufen zu wollen. Dies suggeriert, eines schlösse das andere aus. Es bedarf keiner Erläuterung zu erkennen, daß dies falsch ist. Man kann ein Produkt auch in fehlerfreiem Deutsch bewerben.

14. Die massenhafte Deklarierung deutscher Wörter als „veraltet“

Das ist eine besonders bei Kreuzworträtselautoren überhäuft auftretende Erscheinung. Mehr dazu unter "Wie veraltet ist die deutsche Sprache?".

15. Der schleichende Verfall des Konjunktivs, insbesondere

a) durch die Erklärung, die Konjunktivbildung mit den Flexionsformen der Verben sei veraltet, wie z. B.: „Wir träten dafür ein, sollten wir dazu aufgefordert werden.“ – „Ich kennte diese Beispiele, hätte ich sie nachgelesen.“ – „Ich hülfe ihm sofort, wenn er mich darum bäte.“ Diese Verbformen bilden einen großen Reichtum in der deutschen Sprache.

b) durch die Verwendung des Indikativs anstelle des Konjunktivs an Stellen, an denen dies ein grammatischer Fehler ist. Ein Rundfunkmoderator formulierte: „Wir freuen uns, daß Sie morgen wieder dabei sind“. Ein Fehler in der Verwendung grammatischer Regeln. Es muß heißen: „Wir würden uns freuen, wenn Sie morgen wieder dabei wären“ oder auch „Wir freuten uns, wären Sie morgen wieder dabei“.

16. Der skurrile Versuch des Bochumer Mathematikprofessors Dr. Lothar Gerritzen auf einem am 19. Januar 2004 durchgeführten Kolloquium, die Sprechweise der Zahlen im Deutschen zu verändern und der englischen Sprechweise anzupassen.

Er schlug ernsthaft vor, nicht mehr einundzwanzig, sondern zwanzigeins zu sagen, nicht mehr dreiundvierzig, sondern vierzigdrei und in dieser Weise bei allen Zahlen die Einer hinter den Zehnern zu nennen. Logisch oder nicht, das ist hier nicht die Frage. Es handelt sich um eine Sprache, die man nicht nach dem Wunschdenken Einzelner umgestalten kann. Man schaue sich in der Welt um: Was müßten dann wohl die Franzosen alles ändern, wenn dort jemand auf solche Ideen käme. Zum Glück ist die Idee im allgemeinen fassungslosen Kopfschütteln der Sprachgemeinschaft rasch untergegangen.

Mehr dazu unter "Die grandiose Revolution des Aussprechens der Zahlen".

17. Die glorreiche Idee des Herrn Helmut Kühnel aus dem Jahre 2006, die auf ganz ähnlicher Basis fußt, auf die Verwendung des ß im Deutschen ganz zu verzichten .

Seine Begründung: Es sei ein „uneuropäisches“ Zeichen. Das Projekt ist schon an der Frage zugrunde gegangen, ob es wohl „die europäische“ Sprache gäbe. Es entstand auch die Frage, was dann wohl die Griechen und die Bulgaren mit ihren insgesamt „uneuropäischen“ Zeichensätzen tun sollten.

Mehr dazu unter "Das ß als "uneuropäisches" Zeichen".

18. Das permanente Kleinreden der Probleme durch verantwortliche Stellen und andere Mitwirkende in Sprachdiskussionen. Hier sind zu nennen:

a) Die Einflüsse seien zu gering, um für die Sprache und ihren Bestand eine Bedeutung zu haben (Zeitschrift GEO 11/2012).

b) Das häufige Argument, es gäbe Wichtigeres. Es dient ausschließlich zum Abwiegeln der Kritiker, sonst würde man ja das Wichtigere tun und das Unwichtigere unterlassen.

c) Die Behauptung, die ruinösen Einflüsse seien die „normale“ Sprachentwicklung.

d) Die Behauptung, für verschiedene englische Begriffe gäbe es keine deutschen Entsprechungen.

Wie man erkennen kann, sind die schädigenden Einflüsse auf den Bestand der deutschen Hochsprache ungewöhnlich vielfältig und kaum noch zu überblicken. Während man 16. und 17. als heitere Episoden ablegen kann, sind andere Einflüsse doch sehr ernst. Der Abbau der deutschen Sprache ist bereits in einer Weise fortgeschritten, daß ausschließliche Appelle keine nachhaltige Wirkung mehr haben können.

Dennoch sind Appelle auch in Zukunft unverzichtbar, denn es gibt bereits einen beträchtlichen Teil des Volkes, der die Probleme verstanden hat und sich für eine Umkehr engagiert. Um aber den Verfallsprozeß aufzuhalten, gibt es auf längere Sicht nur einen wirksamen Weg: Die Verbesserung der Ausbildung an unseren Schulen und Lehreinrichtungen im Sinne der Wiederherstellung der Verantwortung des gesamten Lehrkörpers für die Spracherziehung und –bildung.

Nur auf diesem Wege können heranwachsende Generationen zur Achtung und zum Stolz auf die Muttersprache geführt werden, so daß sie sich aus innerer Überzeugung für ihren Erhalt einsetzen. Diese Aufgabe muß von den Kultusministerien aller Ebenen aufgenommen und konsequent ausgeführt werden.

Mit ihrem gegenwärtigen Verhalten sind die staatlichen Organe zur Pflege und Erhaltung unserer Sprache eher kontraproduktiv, denn sie gehorchen einer Lobby, der zur Erzielung maximaler Gewinne am Wohl unserer Sprache nicht gelegen ist.

28.08.2019 © seit 11.2012 Dr. Manfred Pohl  
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