Story / Satire: Countdown zu Weihnachten

Unterhält man sich mit anderen über Weihnachten, dann fällt ein Wort besonders häufig - Weihnachtsstress! Man kann darüber klagen oder seinen schwarzen Humor einsetzen - ändern lässt sich daran meist wenig. Lesen Sie in dieser Satire, wie man sich dabei selbst auf die Schippe nehmen kann.

Heute ist der 24. November, kein Grund um in Stress auszubrechen! Oder doch? Die Frage stelle ich mir jedes Jahr aufs Neue und versuche mir mit einem Blick auf meinen Familienplaner, Klarheit zu verschaffen. Ja - ich besitze so ein Ding, denn seit ich nicht mehr als Einzelperson (Single) durchs Leben ziehe, sondern versuche, mich als Familienoberhaupt zu beweisen, ist es unabdingbar, so einen Plan zu führen.

Satire WeihnachtenBesagter Familienplan oder vielleicht doch lieber Rettungsplan oder Familienwahnplaner zeigt mir am 24. November noch nichts außer den bereits vorgeschriebenen Daten.

Wir kennen sie alle, den 24., 25. und den 26. Dezember. Silvester zählt nicht, denn da ist ja schon alles wieder sinnig und vor allem besinnlich. Aber Stopp! Es steht nichts drin im Familienplaner!

Das kann eigentlich so nicht richtig sein, also krame ich aus den Schulranzen der Kinder die Infobriefe an die Eltern. Nun muss ich mich schon mit dem Familienwahnplaner bewaffnet erst mal setzen.

Ich trage brav zwei Termine für das „Weihnachtsbasteln am Nachmittag“, zwei Termine für „Kekse backen“ und zwei Termine fürs „Weihnachtsmärchen“ ein. Das war jetzt der Teil für die Schule. Manchmal hat man ja Glück und einige Termine finden dann während der Schulzeit statt, also ziehe ich gedanklich die Termine fürs Weihnachtsmärchen ab, denn das ist während der Schulzeit.

Wenn nicht …

Ja, wieder keiner da, der die Lieben begleitet, also Freiwillige vor! Die Termine bleiben stehen, ich bin zwar nicht bei beiden Kindern fürs Weihnachtsmärchen eingeplant, aber einmal zum Weihnachtsmärchen und einmal zum Keksbacken.

Ach, ich mach das ja auch gerne. Schließlich findet das Keksbacken nicht in meiner Küche statt und andere freiwillige Mütter haben ja schon den Teig vorbereitet. Es geht nur noch ums Ausstechen und Verzieren des Backwerks und die Sauerei unter den Tischen fegen die Kinder doch schon selber weg. Teig auf den Tischen bleibt meistens nicht übrig, denn alles, was übrig ist, wird schnell aufgemuffelt, bevor eine der freiwilligen Mütter die Brösel mit dem Lappen wegwischt.

Und mal ehrlich Weihnachtsmärchen mit so ´ner ganzen Schulklasse ist doch auch nett. Nachdem man die Hinfahrt ohne Zwischenfälle überstanden hat, außer den paar nörgelnden Rentnern, warum der Bus nun so voll ist und: „Die Bälger müssen doch nicht sitzen, die können doch noch stehen, sind doch noch junge Hüpfer!“

„Ja, mein Herr, die sind noch jung und Hüpfer sind sie auch, und wenn der Busfahrer seinen Fahrstil mal einer Personenbeförderung von jungen wie alten Menschen anpassen würde, dann könnten die auch stehen. Aber bei jedem Bremsmanöver trudeln die jungen Hüpfer quer durch den Bus, wenn man nicht das Glück hat, mit zwei Schulklassen zu fahren, denn dann ist kein Platz zum Trudeln.

Erst dann bleiben die Kleinen unter den Rucksäcken der Großen einfach eingekeilt stehen und dann können Sie gerne den Sitzplatz in Anspruch nehmen, es sei denn, es ist Ihnen nach Massenkuscheln zumute!“ Kuschelig ist es auf jeden Fall in so einem Bus, denn alle tragen ihre Winterkleidung, wir sind ja schließlich auf dem Weg ins Weihnachtsmärchen.

Irgendwann nach einer gefühlten 3-Stunden-Fahrt, auch wenn es nur 30 Minuten waren, kommt man dann an, ein paar Schritte noch bis zum Theater. Wer das schon mal mitgemacht hat, holt schnell noch ein paar tiefe Atemzüge und bewaffnet sich mit 3 Wick blau, extra stark und frisch. Denn gleich ist „Stimme“ gefragt, da sich gleichzeitig 6 Klassen mit a` mindestens 30 Kindern incl. der Lehrer und Begleitung den Weg durch den Eingang ins Foyer bahnen. Rucksäcke, Jacken, Mützen, Schals, Kinder fliegen durch die Gegend. Ich hab´ mich auch ganz schnell meiner Jacke entledigt, denn hier herrscht Saunaklima.

Als ich mir den Schal noch wegziehe, treffen meinen Nacken feuchte Spritzer, ich dreh´ mich in die Richtung. Zum Glück! Es war nur eine durchgeschüttelte Brauseflasche, die geöffnet wurde. Klebt zwar genauso wie ein Nieser, aber die Vorstellung, es klebt Brause an meinem Nacken, ist angenehmer. Ich entspanne mich, denn wie durch ein Wunder passt die Herde Kinder durch dieses Nadelöhr von Theaterentree.

Es wird sich klassenweise hingesetzt und nun müssen nur noch ein paar verirrte Schäfchen zur Herde zurück gebrüllt werden, denn hingehen kann man zu ihnen jetzt nicht mehr. Wer jetzt noch mal zum Klo muss, muss sich das verkneifen, denn es wird bereits dunkel und die Bühne ist beleuchtet. Schließlich muss das Theater ja heute noch zweimal das Stück vortragen, nachmittags und abends, da sind die Zeiten genau vorgegeben!

Durchatmen, auftanken, ein wenig von dem Stück mitkriegen. Plötzlich Belagerung von allen Seiten: „Ja, komm nur her, ist doch nicht so schlimm, das ist der Zauberer, der tut nur so, der ist in echt gar nicht böse!“ Das flüstere ich den vier kleinen Mädchen zu, die nun Hilfe suchend auf meinen Schoss klettern. Zum Glück durfte auch ich meine Jacke an der Garderobe abgeben, aber selbst wenn ich hier nackt säße, würde ich noch schwitzen.

Theater für Kinder zu WeihnachtenDer Zauberer ist besiegt und ich kann die Mädels wieder auf ihre Plätze schicken. Kurzes Herumgewühle, denn die Jungs haben sich nun auf den leeren Plätzen ausgebreitet.

Ein kurzes Machtwort und ich merke, es ist mal wieder Zeit für Wick blau und einem heimlichen Schluck aus meiner Seltersflasche, schließlich will ich nicht als schlechtes Beispiel vorangehen.

Sott gehabt, keiner hat es gemerkt, schnell lass ich meine Flasche wieder in meiner Handtasche verschwinden. Denn im Foyer habe ich den Kindern, die noch nie zuvor ein Theater betreten haben, erklärt, dass man auf gar keinen Fall im Theater essen oder trinken darf!

Pause!

Der Run auf die Toiletten gleicht einem Desaster, aber als es das dritte Mal gongt, sind alle wie durch ein Wunder wieder zur Stelle. Das Stück scheint zu gefallen. Es kann also weiter gehen mit dem Weihnachtsmärchen.

Tosender Beifall, das Stück ist zu Ende und ich würde am liebsten jetzt hier und sofort auf einem fliegenden Teppich davon düsen, aber leider kann ich nicht so komfortabel reisen, der Rückweg steht wieder mit dem Bus an. Was soll ich sagen, natürlich zu einer Uhrzeit, wo die anderen Kinder aus der Schule kommen. Nun teilen wir uns zwar nicht mit weiteren kompletten Klassen den Bus, aber von der Anzahl der Fahrgäste muss es sich nun um vier Schulklassen handeln.

Wie durch einen Zauber übersteht man dann auch das und findet sich auf dem Schulhof wieder, wo die Eltern schon zum Abholen bereitstehen. Wer holt mich denn hier jetzt ab und hat ein Mittagessen für mich fertig? Ich weiß! Keiner! Doch mein Familienkombi lächelt mich freundlich auf dem Lehrerparkplatz an und ich schnappe meine Kinder und lasse mich heute von Mister Mc Donald zum Mittagessen verwöhnen. An Nachmittagsaktivitäten ist jetzt nicht mehr zu denken.

Ich lege mich aufs Sofa und wie in Watte höre ich meine Kinder noch sagen: „Sie ist müde, sie war beim Weihnachtsmärchen!“ Bevor ich mich noch wilden Träumen hingeben kann, reißt mich das Klingeln des Telefons von meinem fliegenden Teppich. Meine Mutter ist dran: „Du ich hab´ noch Karten fürs Weihnachtsmärchen bekommen, hier gibt es doch immer so eine nette Kleinkunstbühne und die machen das ja jedes Jahr so schön für die Kinder. Schreib Dir mal auf, es ist am 12. Dezember.“

Bevor ich noch sagen kann, dass die Kinder ja schon mit der Schule im Weihnachtsmärchen waren, hab´ ich heiser und entkräftet: „Danke“ und „Tschüss“ gesagt. Ich eile zu meinem Familienwahnplaner. Zwölfter Dezember, das geht noch, denn am elften ist das Keksbacken auf den Märchenschiffen auf der Alster und am dreizehnten Julklapp bei einer Freundin. Am zwölften muss ich ja auch nur noch abends zur Infoveranstaltung für die weiterführenden Schulen, genauso wie am neunzehnten und am zweiundzwanzigsten.

Geht doch alles, es gibt doch tatsächlich noch ein paar leere Tage auf meinem Kalender. Was da nicht steht, ist, dass ich noch die Adventskalender befüllen muss, dass ich überhaupt erst mal eine Idee brauche, womit, dass ich das noch einkaufen muss, dass ich überhaupt noch Weihnachtsgeschenke einkaufen muss, dass wir noch auf verschiedene Weihnachtsmärkte wollen, dass wir auch noch Weihnachtsgeschenke für die Verwandtschaft selber basteln wollen, dass ich noch die Fotos für die Weihnachtskarten knipsen muss und natürlich die Weihnachtskarten noch schreiben und zur Post bringen muss.

Ach ja und nicht zu vergessen, den Baumschmuck vom Dachboden holen und die Glühlämpchen auswechseln. Ach ja und am 24. November muss man auch schon mal einen Adventskranz besorgen. Nein zum Selbermachen fehlt mir jetzt schon die Kraft. Wo sind denn nun noch die Weihnachts-CDs mit der stimmungsvollen Musik? Und nicht zu vergessen unsere Bücher mit Weihnachtsgeschichten, die kann man ja auch nur vor Weihnachten vorlesen und Weihnachtslieder singen, macht nach Weihnachten auch nicht wirklich mehr Spaß.

Plötzlich fällt es mir ein, ich habe einen wichtigen Termin vergessen: „Nikolaus, den 6. Dezember“! Wieso müssen eigentlich die schönsten Feiertage im Jahr alle auf einmal sein? Wir können ja auch noch Ostern dazu nehmen, dann haben wir für den Rest des Jahres Ruhe - und feiern den ganzen Dezember durch!

Alle Jahre wieder kommt der Weihnachtsstress
auf die Erde nieder,
wo uns die Kraft verlässt.
Emsig eilig Streben nach dem schönsten Fest.
Dicker Bauch und Fieber, weil ich zu viel ess.
Streit mit der Familie unterm Tannenbaum,
denn keiner glaubt mehr an den besinnlichen Weihnachtstraum ...

Trotzdem wünsche ich allen, die das hier gelesen haben ein vor allem fröhliches Weihnachtsfest mit allem was dazugehört!

05.09.2016 © seit 12.2009 Page Angel  

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