Satire: Respekt vor dem Alter

Teaser: Haben Sie schon einmal darauf geachtet, wie manche Floskeln ala "Haben Sie keinen Respekt vor dem Alter?" im Reallife eingesetzt werden? Wenn es so eine Art moralische "Kampffloskeln" gäbe, würde dieser Ausdruck hier gut aufgehoben sein. Lesen Sie in dieser Satire, wie man derlei Floskeln für egoistische Zwecke missbrauchen kann.

Vergangenen Samstag, also am Wochenende, stand ich im örtlichen Supermarkt in der Warteschlange an der Kasse. In der Hand drei kleinere Artikel mit einem Gesamtwert von unter zehn Euro. Für die Älteren dürften das umgerechnet etwa 20 DM sein. 

Doch weil die DM-Zeiten vorüber sind, kramte ich aus meinem Portemonnaie nicht nach einem kulturellen Wertgegenstand, sondern nach dem »innen« (was Neudeutsch für »en vogue« ist) Monopoly-Geld und wurde fündig, als ich direkt hinter mir eine kratzige Männerstimme vernahm, die mir liebevoll ins Ohr schrie, ich solle mal Platz machen.

Erschrocken von dem akustischen Überfall drehte ich mich um und blickte einem älteren Herrn, ich schätze, er war um die 70, nach unten durch sein Fischaugenobjektiv namens Brille in seine übermüdeten Augen und fragte überrascht: »Wie bitte?« Man ist schließlich höflich … »Mach doch mal Platz, du! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit«, wurde mir entgegen gekräht. 

Aha, nun sind wir schon per du, dachte ich. Ich sah an dem Einmeterfünfzig-Senior vorbei und entdeckte seinen vollgepackten Warenkorb, der vor Katzenfutter, Joghurtbechern und Ähnlichem beinahe überquoll. »Ähm, entschuldigen Sie«, brachte ich mit unterdrückter Wut aus mangelndem Respekt vor mir, aber dennoch so respektvoll, wie es mir irgend möglich war, hervor, »ich habe nur drei Artikel und bin bereits am Bezahlen. Das dauert noch höchstens 20 Sekunden.« 

Zugegeben, mit 70 können 20 Sekunden auch schon mal die letzten sein, hörte ich mein Teufelchen mir ins Ohr flüstern, besonders für einen verbitterten Menschen, wie dieser Herr scheinbar einer war. Die Kassiererin machte mich freundlicherweise erneut auf meinen zu zahlenden Kaufpreis aufmerksam. Ich gab ihr einen Zehner und sie mir das stinkende Kleingeld zurück.

»Bitte schön«, gestikulierte ich etwas sarkastisch in die Richtung des älteren Herrn hinter mir, »jetzt sind Sie an der Reihe«. Hätte ich mal bloß die Schnauze gehalten. Denn nun befand ich mich inmitten eines Monologes über die guten alten Zeiten, in denen es so etwas Unverschämtes nie gegeben hätte, und wenn doch, man mich schon längst übers Knie gelegt hätte, um mir die Flausen auszutreiben (sic!).

Das Engelchen beruhigte das Teufelchen. Auf meinen Schultern trug sich der stille Kampf zwischen Gut und Böse aus. »Ich sag ja immer wieder: Keinen Respekt vor dem Alter haben die jungen Leute heute!« Jetzt platzte mir endgültig der Kragen und warf Engel und Teufel von mir ab. Wie hoffnungsvoll, dass das Gute Flügel hat. 

»Was reden Sie da für einen Stuss? Wenn hier einer keinen Respekt hat, dann doch wohl Sie!« Das ledrige Gesicht vor mir spannte sich vor Aufregung. »Sie wollen sich an mir vorbei drängen, indem Sie Stunk machen und scheren mich auch noch über einen Kamm mit solchen Leuten, mit denen ich nichts am Hut habe. Das ist respektlos. Alter ist relativ.«

Die Kassiererin und die umstehenden Kunden waren von der Szene peinlich berührt. Doch da wir in Deutschland leben, ließ sich natürlich niemand das Spektakel entgehen. Die Stunde Talkshow am Nachmittag musste man also nicht mehr haben und für Gesprächsstoff war für die nächsten langweiligen Tage erst einmal gesorgt. Alle zogen die Köpfe ein und spitzten die Ohren für Runde zwei. Gong!

»Kein Respekt. Kein Respekt haben die«, wurde mir nur leise zischelnd und abermals entgegengebracht. Ich sah den Herrn an, der seine Ware auf dem Fließband verteilte. Er sah an mir vorbei, beharrte aber auf seinem Recht. 

Durch die Lautsprecher im Supermarkt ertönte nun eine freundliche Frauenstimme: »Der Fahrer mit dem Wagen (aus Datenschutzgründen zensiert) möge bitte sein Fahrzeug von den beiden Behindertenparkplätzen schnellstmöglich entfernen. Sie besitzen keinen Ausweis, hier parken zu dürfen, und blockieren den restlichen Verkehr. Danke!« 

Plötzlich wechselte der Herr, mittlerweile vor mir, da ich ihm nun nach meinem Einkauf den Platz gönnte, den er anfangs anforderte, die Farbe. »Na, nun lass mich schon durch, Junge! Ich hab keine Zeit.« 

Das schien mir auch so. Denn als ich ihn wenige Augenblicke später von den beiden von ihm und seinem alten Benz okkupierten Behindertenparkplätzen wegfahren sah, wurde mir eines klar: Der hatte keinen Respekt vor der Jugend. Wie gut, dass das alles Einzelfälle sind.

07.05.2014 © seit 08.2010 Thorsten Boose  
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