Story: Der Bauchladen oder Trittbrettfahrer der Weltwirtschaftskrise

Wenn man sich heute in Zeiten der Weltwirtschaftskrise (WWK) große Konzerne anschaut, die immer noch schwarze Zahlen schreiben, dann möchte man doch gerne als Trittbrettfahrer von deren Erfolg profitieren.

Wer sich wegen der WWK keinen externen Analytiker leisten kann, der kann seinen Wunsch nach mehr Wachstum auch so ans Universum schicken. Das ist wenigstens kostenlos und hat wahrscheinlich den gleichen Effekt.

Aber scheinbar verlieren nicht alle beim großen Spiel um die Dollars. Einigen geht es ganz gut, da sie gelernt haben, wie man auch noch angeschlagene Kühe melken kann. Wie aber genau stellt man das an? Zunächst muss man seine Hausaufgaben gemacht haben!

Die folgende satirische Story mag als Beispiel gelten, wie man als Trittbrettfahrer noch ein paar Krümel vom verbliebenen Kuchen abstauben kann ...


Mit hängenden Schultern verlässt unser Manager aus der zweiten Reihe seinen Arbeitsplatz. Er setzt sich in seinen Mittelklasse-Firmenwagen und fährt los. Oberklasse ist nicht mehr drin - man muss schließlich auch in der Firma sparen.

Der Blick auf die Tankanzeige verkündet, dass sein etwas biederer Flitzer Sprit braucht. Also fährt er an die nächste Tankstelle und tankt. Beim Anstehen zum Bezahlen riecht er frischen Kaffeeduft.

„Hmmm, lecker, frischer Kaffee!“ Den Nachmittagskaffee im Büro hat er sich heute geschenkt. Oder gab's nur einen vor dem Mittagessen?

Er nennt dem Tankwart die Nummer seiner Zapfsäule, ordert verträumt noch einen „Latte macchiato Grande mit Haselnusssirup“. „Alles auf Karte?“, fragt der Tankwart knapp. „Nein, nur den Sprit! Den Kaffee zahle ich extra!“

Dabei bemerkt er, dass er seinen letzten 10,-- Euro-Schein für das Jubiläumsgeschenk von Frau Schnabel-Tasse großzügig weggegeben hat. Die Karte ist bereits durchgezogen und er entschuldigt sich kurz bei dem Tankwart. Der deutet nur auf den EC-Automaten am anderen Ende des Einkaufsraums. Mit dem frischen Kaffee in der Hand geht er zum EC-Automaten und zieht sich 200,-- Euro.

Wie es der Status verlangt, wird der Kaffee Latte Grande mit einem Hunderter bezahlt. Dabei erwartet er eine spitze Bemerkung des Tankwartes, wird aber mit der lakonischen Bemerkung „Wollen Sie auch noch ein Croissant!“ enttäuscht.

Er betont "Croissant" ein wenig falsch. Klingt nach Volksschulabschluss - aber es kann eben nicht jeder mehrere Sprachen fließend beherrschen. Während unser Manager noch grübelt, schickt der Tankwart sein zweites Angebot hinterher - „Oder eine Zimtschnecke?“

Irgendwie ahnt er wohl schon, dass ihn zu Hause kein frischgebackener Kuchen erwartet - so nimmt er das Angebot an. Seine Frau hätte als Hausfrau zwar genügend Zeit ihn derart zu verwöhnen, schließlich sind die Kinder vormittags in der Schule. Leider liegt die Betonung auf "hätte" und ein "hätte" kann man bekanntlich nicht essen.

Mit seiner Beute verlässt er die Tankstelle. Er steigt ein, lässt den Motor kurz nostalgisch aufheulen, eben wie zu Teenagerzeiten mit seinem Golf GTI an der Ampel, wenn neben ihm ein hübsches Ding stand.

Erwartungsvoll sieht er sich um, doch da steht nur eine Mutti mit einem Multivan voller Kinder, die etwas genervt den Kopf schüttelt. Was sie ihren Kindern erzählen wird, will er sich gar nicht ausmalen ...

Resigniert fährt er daraufhin ganz unspektakulär los. So unspektakulär, wie ihm sein ganzes Leben erscheint.

Zu Hause angekommen - mit zwei Zimtschnecken im Bauch und einigen Kaffeeflecken auf dem Hemd - schließt er die Haustür auf.

Auf dem Küchentisch informiert ihn ein Zettel über den Verbleib seiner Frau: „Bin mit Uschi schoppen!“

Früher haben ihm solche Nachrichten Spaß gemacht, heute kriegt er die Wut.

Innerlich bereitet er sich darauf vor, wie seine Frau mit dem verbliebenen Vermögen umgehen wird. Dummerweise scheint das Wort "Guthaben" oder "Konto überzogen" nicht zu ihrem Wortschatz zu gehören.

Doch seine Erwartungen an das, was sie eingekauft hat, sollten noch übertroffen werden. Denn etwas später stolziert sie mit zwei riesigen Tüten ins Wohnzimmer. In der einen "Tüte" - wenn dieser Begriff für einen derart großen Container angemessen ist - hätte bequem ihre Freundin Uschi sitzen können.

„Hi, Schatz, ich war mit Uschi beim Tchibo-Sonderverkauf! Super billig sag ich Dir!“

„Wann sollen wir denn den ganzen Kaffee trinken?“, fragt er zynisch.

„Aber Schatz! Schau doch erstmal, was ich eingekauft habe!“, sagt sie selbstbewusst und siegessicher.

Er traut seinen Augen nicht, als sie ihm ihre Jagdtrophäen vorstellt. Man könnte sich wie bei der alten Show „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell vorkommen. Nur hat der Unterhaltungswert dieser Präsentation eine ganz andere Wirkung.

In derselben Geschwindigkeit wie sie spricht, werden die einzelnen Beutestücke vorgestellt. So erfährt er nebenbei, dass neben dem gewünschten Kaffee auch noch Folgendes auf dem Einkaufzettel stand ...

1.) ein Milchschäumer
2.) ein Eierkocher
3.) ein Toaster
4.) eine neue Warmhalteplatte
5.) ein Wasserkocher mit integriertem Wasserfilter und die passenden Filterkatuschen in der Vorratspackung. Immerhin weiß man nicht wie lange die Dinger zu haben sind ...
6.) ein Multiquick Pürierstab mit Icecruscher
7.) mehrere Geschirrhandtücher
8.) zu den Geschirrhandtüchern passende Topflappen
9.) einen Messerblock, den sie aber schuldbewusst beiseitestellt
10.) ein paar Schöpfkellen und dazugehöriges Equipment - also Utensilien einer Gattung, deren Nutzen niemand kennt ...
11.) und last but noch least ein Pfund Kaffee.

Wutschnaubend brüllt er ihr entgegen, dass er keine Küche bestellt habe, sondern eigentlich nur nach Feierabend Kaffee trinken wolle. Aber mit Nervenzusammenbrüchen sollte man vorsichtig sein, denn sie liefern einen hervorragenden Grund, den Störenfried loszuwerden.

Solch bösartigen Vermutungen bestätigen sich spätestens dann, wenn man sich in den Armen von Männern in weißen Kitteln sieht. Kein Wunder, wenn unser Manager in diesem Moment noch an so verrückten Ideen bastelt, wie: "Ich lasse künftig Autos mit integrierter Kaffeemaschine und Heimkino bauen, dann braucht man auch gar nicht mehr nach Hause zu fahren!“

Beruhigend klopft ihm einer der Pfleger auf die Schulter und sagt: „Ich kaufe Ihnen auch einen ab, natürlich nur, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt!“

09.04.2010 © Page Angel  

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Recycler oder Trittbrettfahrer? 2 Antworten Hans Kolpak