Story: Kinder werden erwachsen oder "So ist das Leben"

9 Monate lang habe ich dich unter meinem Herzen getragen, 9 Monate lang waren wir ein Fleisch und Blut. Ich habe dich durchs Leben getragen, du noch ungeboren, in sanfter und warmer Harmonie hinschwelgend, tief, tief in mir geborgen. Wie selig warst du eingebettet, nichts ahnend vom Leben, von den Dingen, die sind und die noch kommen werden, noch voller Unschuld und Reinheit, so zart warst du und zerbrechlich.

SchwangerIch fühlte dich nicht nur mit meinem Körper, sondern mit ganzer Seele und ganzem Herzen und ich liebte dich schon jetzt, da du ein Teil von mir bist, ein Teil von meinem Leben, ein Teil von jenem Wunder, dass das Leben zu einem Geheimnis macht. Durch Liebe bist du zu mir gekommen, durch Liebe erblühst du zum Leben und getragen von der sanften Hand des Guten wirst du das Licht der Welt erblicken.

Das Licht, das dir deinen Weg erleuchten möge, durch die Vielschichtigkeit des Lebens. Einer Spur, der du folgen kannst, wie ein leises Rufen in dir, wenn Wolken dein Leben dann und wann verdunkeln. Du bist in Liebe gekommen, sie ist deine Wurzel und deine innere Kraft, ein kleiner Funke in deinem Herzen, der nie verlöschen wird. Und dann kamst du. Schmerz war es mir, dich ins Leben zu entlassen, Schmerz band mich noch enger an dich und die Erlösung, als ich dich endlich in meinen Armen hielt.

Das Leben ist ein Wunder und ich war wie verzaubert, fasziniert von einem kleinen Wesen, das in mir heran wuchs und den Willen zum Leben hat. Aus Wasser heraus bist du geboren, genau wie jedes Leben einst aus dem Urwasser des Lebens heraus geboren ist. Und du bist Teil von dem Wunder, denn alles ist in dir, die Entstehungsgeschichte des Lebens. Was mochtest du fühlen?

Noch an jenem Ort, der wohlig weich und warm war, nur das dumpfe Gurgeln und Gluckern der Organe, meine Stimme, die du neun Monate wahrnahmst, das regelmäßige Pochen meines Herzschlags. Kein Gefühl von Hier und Jetzt, Oben und Unten, Dir und Mir. Vollständig aufgesogen im seligen Hinschwelgen. Kein Objekt oder Subjekt wahrnehmend, nur fundamentales Fühlen, tiefgehend und doch auch zart.

War mein Schmerz ein geringerer als deiner, als du jenen Ort verlassen musstest? Du hattest Angst, ich fühlte es, denn du kanntest nur zartes und weiches Empfinden, vollständig aufgesogen in seliger Wonne und wurdest dem jäh entrissen. Und die Welt, in die du kamst, war dir fremd, kalt und grell. Dein erster Schrei ist ein Urschrei, ein Schrei des Lebens, und dein erster eigenständiger Impuls ist dein Wille zu leben. Ich habe dich von mir gegeben, damit du deinen ersten Atemzug tust, deinen ersten Schritt gehst, ein eigenes Ich wirst.

Und die Welt wurde um dich reicher. Ich war erfüllt vom Glück, denn meine Liebe wurde zu einem Menschenkind. Ich bewachte und beäugte jeden deiner ersten tapsigen Schritte durch deine eigene kleine Welt. Und ich sah mich in dir, sah deinen Vater in dir und doch warst du ein eigenes kleines Wesen. Wenn du weintest, stach es mir ins Herz, aber ich verbarg es und tröstete dich. Ich war ein Lamm, wurde aber zur Löwin, wenn dir jemand wehtun wollte.

Wenn du zornig warst, schnitt es mir eine Wunde in die Seele, aber meine Liebe wurde nie geringer. Ich muss dich so lassen, wie du bist. Ich empfinde dich als einen Teil von meinem Leben, als ein Teil von mir selbst und doch bist du ein ganz eigener Mensch. Alles, was ich dir mitgebe, dir zeige und hinweise, prägt sich tief in dir ein und du greift unbewusst darauf zurück, denn ich setze in dir eine Wurzel, weil wir Wurzeln im Leben brauchen, damit wir gewappnet dem Leben begegnen können.

KleinkindSo gebe ich dir einen Teil von mir mit, ich gebe dir das Beste, auch wenn ich nicht immer weiß, ob es das Richtige ist. Das musst du selbst herausfinden. Ich sehe dich immer noch als mein Fleisch und Blut an, als das Liebste, das es in meinen Leben gibt und doch gehörst du mir nicht. Du siehst mich anders. Dir fällt an mir auf, was ich nicht bedenke und gerade weil du dir eine eigene Meinung bildest, kannst du dich von mir lösen, um unabhängig zu werden.

Ich werde immer von dir in einer Weise abhängig sein, weil du ein Teil von mir bleibst. Und doch muss ich dich loslassen, denn Loslassen bedeutet den anderen leben zu lassen. Und ich habe Angst vor diesem Moment. Du begegnest dem Leben voll erregendem Enthusiasmus, jede Erfahrung ist neu, aufregend und eröffnet dir ganz ungeahnte Gefühle und Möglichkeiten.

Du wirst auch Schmerz erfahren, den ich dir gern ersparen möchte. Aber so ist das Leben, alles gehört dazu und du wächst auch daran innerlich. Das Leben ist eine Reise und man weiß nie so genau, wohin einen die Wege führen. Aber alles dient dir, ein ganz besonderer Mensch zu werden, der aus seinem Leben das macht, was er innerlich ist, denn das macht dich letztendlich glücklich.

Und dazu gehören viele, viele Erfahrungen und das Beste, was du aus ihnen ziehen kannst, ist das Wissen um dich selbst, wie du in deinem Wesen bist. Und das ist der Kern in dir, den du immer mehr entfaltest im Laufe deines Lebens, der nicht anerzogen ist, nicht von der Gesellschaft vorgegeben ist, der dein ganz eigenes ist und den Sinn deines Leben ausmacht.

Aber der Sinn im Leben ist für jeden ein anderer, du musst ihn für dich selbst herausfinden. Du wirst auch manch dunkle Stunde in deinem Leben erfahren. Doch oft ist es so, dass man durch das Dunkle auch ans Licht gelangt. Es ist die Stärke, die du darin entwickelst, den verborgenen Sinn dahinter zu erkennen und in deinem Leben zu integrieren, dass du letztendlich durch Weisheit handelst, auch wenn es manchmal schwierig ist.

Tür TrennungsschmerzDas Wichtigste im Leben ist Liebe, denn Liebe ist das höchste Gut, wonach wir alle letztendlich hinstreben, denn dann sind wir wirklich erfüllt und glücklich. Kein Mensch kann ohne den andern sein. Nun gehst du bald und führst dein eigenes Leben. Ich muss dich gehen lassen, ein Teil von mir wird mit dir gehen. Eine seltsame Leere entsteht, eine Einsamkeit, die ich vorher nicht kannte.

17 Jahre lebten wir zusammen, du hast mein Leben bereichert und erfüllt. Nun ist es nicht mehr da. Ein tiefer Einschnitt entsteht in meinem Leben und ich muss ein neues Leben ohne dich finden. Wir haben oft Übergänge in unserem Leben, wo wir uns neu orientieren müssen. Meisten leitet eine Krise diesen Übergang ein. Im gewissen Sinn stirbt etwas von mir, damit etwas Neues entsteht.

Und ich habe Angst vor dem Schmerz, denn du nabelst dich zum zweiten Mal von mir ab, endgültig. Nun bin ich mit mir selbst konfrontiert, ich war mir nie so nah wie jetzt, und merke, wie wenig Sicherheit ich in mir habe. Alles was vorher solide schien, scheint zu schwanken, ja zu bröckeln. Ich merke, wie wenig ich mich kenne, meine Gefühle kenne und beginne mich neu zu definieren.

Ich mache eine Erfahrung, die mich an einen Grenzweg führt, die im gewissen Sinn einer Geburt gleicht, denn ich war aufgesogen in der Aufgabe und Hingabe dir eine Mutter zu sein. Ich fühlte mich geborgen und erfüllt darin, denn du hast mein Leben bereichert. Nun lasse ich dich los und weiß nicht, welches Leben mich danach erwartet.

Im gewissen Sinne fühle ich mich nackt und schutzlos, so wie du, als du geboren wurdest. So muss auch ich jetzt ein eigenständiges Leben finden, wie du als kleiner Mensch und jetzt als Erwachsene. Lieben bedeutet Loslassen; so ist das Leben und es ist gut so.

29.04.2009 © Jamina Diley

Gesamtstatistik der Bewertungen

  4.3 Fun

Stimmen: 3

Legende

5 Sterne: super!
4 Sterne: gut gelungen!
3 Sterne: O.K.
2 Sterne: geht so
1 Stern: erträglich

dieses Fun-Teil: Bewerten | Drucken

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.