Story: Antonios Leben vor dem Tod

Teaser: In dieser Story begegnen wir einem Menschen, der durch ungewöhnliche Umstände mit einem Leben vor seiner Geburt konfrontiert wird. Durch ein Nahtod-Erlebnis wird er kurzfristig in eine ältere Inkarnation versetzt und erlebt so die Umstände eines früheren Todes.

Es war ein angenehm lauer Sommerabend und eine milde Brise spielte mit den Blättern der alten Obstbäume. Thorben und Ulan verließen mit geschulterten Sporttaschen die alte Kate, die Ulan in eine Trainingshalle umfunktioniert hatte. Neben der Katentür verbreitete ein ausgedienter Stromgenerator, den das Unkraut fast vollständig überwuchert hatte, immer noch einen leichten Dunst vom ranzigen Motorenöl.

Thorben war etwa einen Kopf kleiner als Ulan und wirkte von seiner Statur eher gedrungen. Sein eng anliegendes Hemd ließ einen muskulösen Körper erahnen. Seine grauen langen Haare hatte er zu einem Zopf zusammengebunden, damit sie ihn beim Kampf nicht beeinträchtigten.

Ulan wirkte neben Thorben wie ein hünenhafter Krieger. Sein kahlgeschorener Schädel, verlieh den ansonsten weichen Gesichtszügen einen markanten und kantigen Ausdruck. Sein katzenhafter Gang ließ ahnen, daß er sich auch mit seiner großen Körpermasse blitzschnell bewegen konnte.

So schlenderten sie gemeinsam hinüber in den gläsernen Wintergarten des Haupthauses, um dort noch einen Tee zu trinken. Als beide an dem grob verzierten Eichenholztisch Platz genommen hatten, saßen sie sich einige Minuten schweigend gegenüber und sahen sich in die Augen. Ulan hatte sich etwas vorgebeugt und stütze seinen kahlen Schädel auf die gefalteten Fäuste, während er nachdenklich anfing zu sprechen.

„Willst du mir sagen, was mit dir los ist? Im Training bist du zweimal kreidebleich angelaufen, außerdem wirkst du heute so auf mich, als wärst du nicht richtig bei der Sache. Mir scheint als würde dich irgend etwas bewegen.“

Auf Thorbens Mund zeigte sich ein amüsiertes Lächeln, er hätte sich denken können, vor seinem alten Freund keine Geheimnisse verbergen zu können. Ulans Augen wirkten ruhig wie ein spiegelglatter See der begierig war alles Neue in seine Tiefen aufzunehmen.

„Nun Bruder, es gab in den letzten drei Tagen einige Begebenheiten, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich habe den Eindruck, daß sehr bald einige ungewöhnliche Dinge passieren werden. Dinge, die ich selbst noch nicht verstehen und einordnen kann.“

Ulan runzelte ein wenig die Stirn, da er Thorben selten so ernst gesehen hatte. Er stütze seinen mächtigen Kiefer auf beide Fäuste und lauschte Thorbens weiteren Worten. „Alles begann damit, daß ich vor drei Tagen einen Brief ohne Absender erhielt. Der Brief enthielt nur den Vers:

„Der dem Grab entstieg,
die bleichen Knochen mit frischem Fleisch bedeckt.
Verschlungen sind seine Wege
zwischen den Zeiten
wacht der Namenlose
ihn zu führen
ihn heim zu geleiten.“

Thorben sprach langsam und bedächtig und seine Augen waren geschlossen. Man konnte den Eindruck gewinnen, als versuche er die Ereignisse der vergangenen Tage in seinem Geist zu ordnen.

„Als ich an diesem Tag nach Hause kam, lief im Radio gerade ein Spanischkurs für Anfänger. Ich machte mein Abendessen zurecht und fing aus Jux an, einige spanische Sätze laut mitzusprechen. Während ich so vor mich hinmurmelte, ordnete Lisa gerade ihre Sachen. Sie gab mir noch einen Kuß bevor sie das Haus verließ und witzelte beim Hinausgehen noch, daß ich in meiner schwarzen Lederkluft wie ein Spanier aussehe.

Als ich mich im Spiegel betrachtete konnte ich ihre Assoziation zu einem "spanischen Edelmann in Lederzeug" nachvollziehen. Mir fiel auch mein Schlüssel auf, an den ich ein geflochtenes Lederband befestigt habe. Wenn man nicht genau hinsah, hätte man ihn mit einer Reitpeitsche verwechseln können.“

Thorben unterbrach seine Ausführungen kurz, um einen Schluck Tee zu trinken. Er nahm ein angebrochenes Päckchen Tabak und drehte sich bedächtig eine Zigarette während er fortfuhr.

„Ich war gerade dabei mein Abendessen zu verspeisen, als die Sprecherin im Radio anfing einige Vokabeln der vorherigen Lektion zu wiederholen. Dann geschah etwas seltsames ... Sie wiederholte zwei Vokabeln dreimal hintereinander ... Muerte ... Levantarse. Es hörte sich an, wie ein Sprung in einer Schallplatte. Ich kann zwar nicht sagen warum, aber diese beiden Worte trafen mich wie ein Stromstoß.“

Ulan blinzelte nachdenklich, sein Spanisch war zwar sehr lückenhaft, aber diese beiden Worte konnte er übersetzen: Tod ... aufstehen. Er fühlte, wie sich tief in seinem Inneren etwas dunkles, mächtiges regte. Er bemerkte, wie eine unbekannte Energie anfing durch seinen Körper zu strömen. Die andere Seite wurde aktiv.

„Könnte eine interessante Nacht werden“, bemerkte er nachdenklich, „ich bemerke eine starke Resonanz in meinen Körper, die ich nicht erklären kann. Deine Worte lösen sehr ungewöhnliche Empfindungen bei mir aus.“

Thorben gab ihm mit einem Kopfnicken zu verstehen, daß er die Regung selbst bemerkt hatte.

„Ich habe mich danach in die Meditation gesetzt und meinen Mentor angesprochen. Ich wollte von ihm erfahren, was das alles zu bedeuten hatte. Er riet mir drei Tage zu fasten. Am dritten Tag sollte ich die Auflösung dieses Rätsels erfahren.“

„Also heute...“, brummte Ulan in seiner unnachahmlichen Art. Er ließ seinen Blick in den Garten schweifen, während er sich leicht auf seinem Holzstuhl drehte. Die Sonne stand bereits unter dem Horizont und die Farben waren aus der Natur gewichen. Man konnte nur noch die vagen tiefschwarzen Umrisse der Bäume erkennen, die das verbliebene Sonnenlicht verschluckten. Er stand kurz auf und holte aus dem naheliegenden Regal einige Kerzenhalter, die er im Wintergarten verteilte und entzündete. Die Flammen flackerten leicht in der abendlichen Brise, was der Szenerie etwas archaisches, fast unheimliches gab.

„Das ist noch nicht alles...“, sprach Thorben weiter, „gerade als ich heute mit dem Auto zu dir fahren wollte, hörte ich in meinem Garten aus dem Gebüsch seltsame Geräusche. Es klang so, als würde eine hysterische Katze mit einem Rudel schreiender Raben kämpfen. Es klang wie ein Todeskampf ... als plötzlich ...“, Thorben rieb sich kurz die Augen, als würde er seiner eigenen Wahrnehmung nicht ganz trauen, „als plötzlich ein Rabe auf der Motorhaube meines Mercury landete und mir in die Augen sah. Es kam mir so vor, als würde ich einem Alien gegenüberstehen. Er klopfte mit seinem Schnabel dreimal an meine Windschutzscheibe. Das Ganze wiederholte sich noch zweimal, während er mir in den Pausen tief in die Augen sah und dann so unverhofft verschwand, wie er gekommen war.“

„Dreimal Drei“, murmelte Ulan in Gedanken, während er versuchte die stärker werdenden Bewegungen dieser Energie genauer zu empfinden. „Drei - der Saturn am Lebensbaum. Der Hüter der Schwelle meldet sich.“

Er strich sich nachdenklich über sein Kinn. „Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, daß du heute sterben mußt.“ Thorbens Gesicht hatte einen leicht grimmigen Ausdruck angenommen. „Es gibt viele Arten zu sterben, mein Freund. Da mein Mentor mir keine Warnung zukommen ließ, nehme ich an, daß es eine Initiation sein wird, die nötig ist. Ich habe mich vorbereitet und gefastet – daher mein schwacher Kreislauf. Nun bin ich bereit.“

Ulan fühlte wie die strömenden Energien tief in seinem Inneren rumorten. Es war, als hätte er einen Bienenschwarm im Magen, der sich anschickte auszuschwärmen. Sein Körper fühlte sich an, als würde er sich statisch aufladen und die kleinen Härchen auf seinen mächtigen Unterarmen begannen sich zu sträuben.

Als er Thorben wieder in die Augen sah, lief im ein kalter Schauer über den Rücken. Die Pupillen waren so stark geweitet, daß man in ein tiefschwarzes Loch blickte, das einen zu verschlingen drohte. Irritiert bemerkte er, daß es totenstill im Garten war. Der Wind hatte aufgehört zu wehen und dicke, rußgeschwängerte Wolken verschluckten die letzten Reste des Mondlichtes. Sie saßen beide auf einer einsamen Insel zwischen den Universen, die Welt um sie herum hatte aufgehört zu existieren.

Ulan fühlte wie ihm der kalte Schweiß den Rücken hinunter lief. Insgeheim fluchte er innerlich, da er sich wohl nie ganz daran gewöhnen konnte, wenn die andere Seite in die Welt trat. Die Temperatur um die beiden Freunde schien merklich zu fallen, als Thorben flüsternd bemerkte: „Es kommt näher, ich kann es spüren...“

Er kam nie dazu diesen Satz zu vollenden, den plötzlich gab es einen jähen Windstoß, der ein Fenster des Wintergartens mit einem lauten Knall zuschlug. Die Kerze, die auf dem Fensterbrett plaziert war, flog in hohem Bogen durch den Raum und landete polternd auf dem Holztisch. Die beiden Freunde waren aufgesprungen und standen Rücken an Rücken zueinander. Sie standen bereit gegen einen unsichtbaren Gegner anzutreten - nur das dieses "Etwas" keinen Körper besaß.

Erst nachdem einige Minuten keine weitere Phänomene auftraten, entspannten sich die beiden Krieger ein wenig. Ulan versuchte die Bewegungen der anderen Seite zu interpretieren. Das „Etwas“ war immer noch sehr nahe, aber es schien sich still zu verhalten. Ganz so, als würde es abwarten und beobachten was weiter passiert.

Thorben brach als erster das Schweigen, „Was ist eigentlich das hier?“ Er deutete auf einen Stapel Papier, der neben den Teetassen auf dem Holztisch lag. Ulan folgte der Richtung des Zeigefingers und entdeckte seine Tee-Rezeptsammlung, die er aus China mitgebracht hatte. Direkt neben dem Papierstapel war der Kerzenhalter vom Fensterbrett gelandet, die Kerze hatte sich aus der Halterung gelöst und war gebrochen.

Thorben stapfte auf den Tisch zu und warf einen Blick auf die Papiere. Er nahm das oberste Blatt vom Stapel und studierte es konzentriert.

„Die Kerze hat einige Wachsflecken auf deinen Rezepten hinterlassen. Seltsam ist nur, daß die Wachsflecken nur auf einigen Zutaten und Mengenangaben gelandet sind. Ansonsten ist das Papier unversehrt.“ Dann reichte Thorben Ulan den Zettel mit den Rezepten und fragte: „Wenn du nur die Zutaten und Mengenangaben verwendest, die durch die Wachsflecken markiert sind – welche Wirkung hätte dieser Sud?“

Ulan war noch etwas verwirrt als er die Zutaten studierte. Die Mischung war in der Tat sehr seltsam – er versuchte sich seine verstaubten Kenntnisse der Ingredienzen wieder zu vergegenwärtigen, um deren Wirkung vorhersehen zu können.

„Scheint mir eine Art Beruhigungstee zu werden, allerdings mit einer sehr starken Wirkung.“

Thorben sah ihm nur schweigend in die Augen und Ulan verstand den Hinweis intuitiv. „Du meinst ich soll diesen Sud ansetzen?“ – das weitere Schweigen schien seine Vermutung zu bestätigen – „nun gut, aber auf deine Verantwortung. Diese Hammermischung wird deinen Kreislauf ganz schön in den Keller fahren.“

So begann Ulan sich an die Arbeit zu machen. Es dauerte etwa eine Viertelstunde bis Thorben das bitter riechende Gebräu zu sich nehmen konnte. Ulan hielt seinen Atem an und studierte aufmerksam Thorbens Pupillen. Insgeheim überlegte er schon, welche Mittel er im Hause hatte, um seinen Kreislauf im Notfall wieder anzukurbeln.

Thorben hatte die Tasse wieder auf dem Tisch abgestellt und schlenderte langsam auf die Tür des Wintergartens zu. Der Mond verbarg sich weiterhin hinter der dicken Wolkendecke und im Garten herrschte immer noch dieses unheimliche Schweigen. Der ehemalige Mönch spürte abermals, wie die andere Seite sich zu regen begann, aber diesmal waren die Bewegungen sanfter und regelmäßiger.

Doch dann passierte genau das, was Ulan befürchtet hatte. Gerade als Thorben sich ihm wieder zuwenden wollte, verdrehte er plötzlich die Augen nach oben und krächzte noch: „Es holt mich ...“ als sein Körper wie ein schlaffer Sack zusammenbrach. Ulan war so schnell beigesprungen, daß er gerade noch verhindern konnte, daß der Körper seines Freundes auf den Boden schlug. Hektisch fummelte er an seinem Hemd, um Atmung und Herzschlag zu prüfen.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag ins Gesicht – Thorben war tot.

08.09.2017 © seit 06.2008 Tony Sperber  
Kommentar schreiben