Märchen für Kinder: Das Tal der Wichtel

Teaser: "Tal der Wichtel" ist nicht nur ein schönes Märchen, das man Kindern zum Zeitvertreib vorlesen kann. Es birgt auch ein spannendes Geheimnis - den Blütenhonigkuchen der Wichtel. In diesem Märchen erfahren Sie das Geheimnis, wie die Wichtel diesen leckeren Kuchen backen, so daß Sie das Rezept selbst ausprobieren können.

Märchen für Kinder WichtelWenn es Frühling wird und die Erde sich neu erfindet, feiern die Wichtel ein großes Fest. Sie putzen ihre Hütten und ziehen ihre schönsten Kleider an, die sie aus feinstem Feenhaar spinnen, das die Feen während ihrer Tänze über die Wiesen in der Nacht verloren haben. Die Wichtelkinder sammeln diese bis zu zwei Meter langen Haare jeden Morgen noch vorm Frühstück ein, denn ihre Eltern legen sehr viel Wert auf Disziplin.

Zum Dank für ihren Fleiß weben sie ihnen daraus hübsche Hosen, Röcke und Jacken, um den Wind, der vom Norden herweht, ein wenig fern zu halten.

Die Vorbereitungen für das Fest waren schon seit Tagen in vollem Gange. Podeste wurden errichtet, um Ehrungen auszusprechen und einen festen Untergrund für die besten Tänzer und Tänzerinnen des kleinen Volkes zu bieten, deren jährlicher Wettbewerb um das beste Tanzpaar nicht selten in einer handfesten Auseinandersetzung endete.

Aber das gehörte dazu. Niemand wurde ernsthaft verletzt und am Ende vertrugen sich alle wieder recht gut miteinander. Fast alle.

Denn auch in diesem Jahr wurde um die Zeit, wenn die Vögel anfingen neue Nester zu bauen und sich gegenseitig umwarben, die alte Fehde ausgekramt. Die sorgte schon seit mehreren hundert Jahren für Zwietracht im Wichteldorf. Denn vor mehr als dreihundert Jahren hatte der Wichtelbäcker vom großen Dorf den Wichtelbäcker vom kleinen Dorf beim Backwettbewerb um den schönsten Blütenhonigkuchen geschlagen.

Das war ein Bruch mit einer alten Tradition, denn bislang hatten immer die Wichtelbäcker des kleinen Dorfes diesen Wettbewerb zu ihren Gunsten austragen können. Wenn man aus einem kleinen Dorf kommt, hat man es sowieso nicht leicht, denn die Wichtel aus den großen Dörfern verachten alle Kleindörfler. Sie sagen, sie seien aus bescheidenen Verhältnissen - und das sagt schon alles.

Um diese Schmach aus der Welt zu schaffen, setzten die Verlierer alles daran, ihren vormaligen Sieg zu erneuern. Doch seit mehr als dreihundert Jahren war ihnen das nicht mehr gelungen. Das war schlimm. Ein Plan mußte her!

Wichtel Tim beschloß den Elfenrat aufzusuchen, denn Elfen sind weise Geschöpfe. Sie wissen um das Wesen der Bienenvölker, denn sie besitzen selbst zahlreiche Bienenvölker in den dunklen Kastanienwäldern des Elfenforstes, der nur einen Steinwurf vom Kleinwichteldorf entfernt liegt. Tim setzte seine Hoffnung auf die Hilfsbereitschaft der ehrwürdigen, geflügelten Wesen und bat um eine Audienz bei ihrer Königin Chryseldis.

Chryseldis gewährte normalerweise nur ihren eigenen Leuten und anderen Elfen diese Gunst. Aber als die Wächter den tränenüberströmten Tim am Eingang des Baumschlosses knien sahen, erweichte sein Schluchzen ihr Herz. Sie führten ihn in einer günstigen Minute zu der Königin, die gerade eine sehr gute Neuigkeit über die Geburt ihres vierhundertfünfundsiebzigsten Enkels erfahren hatte und deshalb in ausgezeichneter Verfassung war.

Trotz ihres hohen Alters von achttausendsechshundertdreiundvierzigeinhalb Jahren sah die Elfenkönigin einfach hinreißend aus. Ihr langes graues Haar umschmeichelte ihren rundlichen Körper mit zwei eleganten, durchsichtigen Flügeln, die bis zum Boden reichten. Dies verlieh ihr ein überirdisches Flair. Dabei war sie ganz pragmatisch, wenn es um die Organisation der Aktivitäten ihres Volkes ging - regelrecht bodenständig.

Tim betrat die große Halle begleitet von den Wächtern, denn - man weiß ja nie. Er hätte ja genau so gut einer der frechen Kobolde aus dem Erbsengebirge sein können - maskiert - um der Königin ein graues Haar zu stehlen. Denn die grauen Haare der Elfenkönigin hatten große Kraft. Mit einem einzigen Haar konnten sechs Kobolde hintereinander den höchsten Berggipfel erklimmen ohne abzurutschen.

Und weil die Kobolde nun mal sehr viel kletterten und es auch gerne taten - wenn nicht sogar mit Leidenschaft, ersannen sie immer wieder neue Listen und Tücken um sich der Elfenkönigin zu nähern. Verständlich, daß Chryseldis die Kobolde gar nicht gerne leiden mochte. Wer läßt sich schon gerne Haare ausreißen?

Märchen für Kinder WichtelmännchenAber zurück zu Tims Besuch im Elfenschloß. Es handelte sich um einen teilweise ausgehöhlten Stamm eines alten Mammutbaums, der einen Umfang von fünf Kilometern hatte. Die Wände waren blank poliert und brachten die Maserung so schön zur Geltung, daß die Elfen auf jeden weiteren Wandschmuck verzichtet hatten. Der Raum selbst hatte die Größe eines Fußballfeldes.

In der Mitte befand sich auf einem gemauerten Sockel ein großer Kamin, dessen Rauchabzug in drei Metern Höhe seitlich aus einem Astloch herauslugte, gut verdeckt von dichtbewachsenen Ästen.

Es hatte stets den Anschein, daß sich ein leichter Nebel ausbreitet. Niemand wäre auf die Idee gekommen, daß es sich um Elfenfeuer handeln könnte.

Es war kuschelig warm und gemütlich obendrein, denn überall standen mit frischem grünen Moos gepolsterte, geschnitzte Sessel und Bänke, die zum Ausruhen einluden. Auch an das leibliche Wohl wurde gedacht. Die herrlichsten Speisen aus Feld und Flur standen auf kleinen und großen Tischen immer in Reichweite und für jeden zugänglich. Da konnte Tim, der Wichtel aus dem kleinen Wichteldorf, nicht länger widerstehen.

Er schnappte sich ein gegrilltes Mäusebein und tunkte es ganz tief in die kastanienbraune Soße. Oh, war das lecker und so knusprig. Er hatte es noch nicht ganz verputzt als Chryseldis ihn zu sich rief. Schnell steckte er sich den Rest in seine Tasche und ging gemessenen Schrittes auf den Thron zu.

Der Anblick der Elfenkönigin ließ einen warmen Schauer über seinen Rücken laufen. Er spürte, daß er sehr rot wurde, besonders um die kleine, dicke Nase herum. Das war ihm peinlich. Deshalb senkte er den Blick in der Hoffnung, daß sie seine Nasenspitze so nicht gleich sehen würde und reichte ihr die Hand. Es war noch etwas Soße daran, aber Chryseldis war nicht empfindlich. Sie ergriff sie und schüttelte sie herzlich.

Da wurde dem kleinen Tim ganz warm ums Herz, und er wurde noch viel röter. Aber das war ihm jetzt egal. Er fühlte, daß die Elfenkönigin es gut mit ihm meinte. Deshalb schüttete er ihr sein kleines Herzchen aus, erzählte von den Wichteln aus dem großen Wichteldorf. Er erzählte, daß sie nun schon seit mehr als dreihundert Jahren den besten Blütenhonigkuchen buken und die Wichtel aus dem kleinen Dorf deshalb immer verspotteten. Denn sie behaupteten, es läge nun mal daran, daß sie nur aus einem kleinen Dorf kämen, während die Gewinner ja schließlich aus Großwichteldorf seien und damit automatisch den Anspruch auf den Preis hätten.

Die Königin hörte sich alles ganz ruhig an. Dann fragte sie ihn nach dem Rezept für den Kuchen. Tim hatte das Rezept natürlich dabei und zog es aus seiner linken Hosentasche - der Seite mit der sauberen Hand - und reichte es ihr. Sie las es durch und seufzte.

Ach, sprach sie - ach ach ach!

Tim wagte nicht zu atmen. Sollte das Rezept fehlerhaft sein? Sollte das die Ursache für die jahrelange Niederlage sein? Er fing an zu zittern.

"So sprecht doch euer Majestät. Was ist mit unserem Rezept? Ist etwas nicht in Ordnung damit? Oh, ich flehe euch an - laßt mich nicht länger warten, denn ich ertrage die Spannung nicht mehr."

" Tja" - sagte Chryseldis - "Ich sehe da folgendes Problem... Mit diesem Rezept werdet ihr wohl nie gewinnen."

"Aber warum denn nicht?" fragte Tim. "Der Kuchen, den wir nach diesem Rezept backen, ist wirklich köstlich."

"Aber das glaube ich dir sofort lieber Tim", sagte Chryseldis. "Nur um beim Blütenhonigkuchenwettbewerb gewinnen zu können, fehlt eine ganz entscheidende Zutat. Sieh mal - in diesem Rezept hast du ...

 

  • 20 g Butter
  • 20 g Zucker
  • 20 g Mehl
  • 6 Eier von Chacha - (... das Lieblingshuhn der kleinen Wichtel, weil es jeden Tag ein dickes braunes Ei für sie legte)
  • und 1 Teelöffel Kastanienhonig
  • 20 g Kastanienmehl
  • und 1 Prise Buchweizenstaub (der läßt den Kuchen schön aufgehen)

Aber was darin fehlt, ist..."

"Ach - ja", rief Tim aus dem kleinen Wichteldorf. "Du hast ja recht eure Majestät. Wir haben ja den Blütenhonig ganz vergessen."

"Siehst du", sagte die Elfenkönigin. "Und wenn ihr den noch dazu tut, dann werdet ihr beim nächsten Wettbewerb ganz sicher wieder gewinnen."

"Aber", sagte der kleine Wichtel, "wir haben ja gar keine Bienenvölker auf den Weiden, denn die sind schon von den großen Wichteln besetzt."

"Da kann ich euch vielleicht helfen", sagte Chryseldis, die der Ehrgeiz gepackt hatte. "Ich habe ein großes Bienenvolk auf einer Wiese voller Vergißmeinnicht hinter dem dunklen Kastanienwald. Knie nieder Wichtel."

"Tim", sprach sie und machte ein sehr hoheitsvolles Gesicht dabei, "ich ernenne dich hiermit zum Blütenhonigernter auf Lebenszeit für dieses Bienenvolk. Erhebe dich."

"Ich nehme die Wahl an", sagte Tim, und vor lauter Rührung über diese großzügige Geste seitens der Elfenkönigin, vergoß er ganz verstohlen ein paar seiner hübschesten Tränchen.

Ja, liebe Freunde - was glaubt ihr wohl, wer den nächsten Wettbewerb beim Blütenhonigkuchenbacken im Tal der Wichtel gewonnen hat? Richtig - das Volk der kleinen Wichtel hat den Preis gewonnen und seine Ehre wieder hergestellt nach über dreihundert langen langen Jahren.

Und diesen Sieg verdankt es dem kleinen Wichtel Tim, der einfach mal die Elfenkönigin um Hilfe gebeten hat. Und natürlich der Elfenkönigin Chryseldis, die ein Herz für kleine Leute hat und gerne hilft, wenn es nötig ist.

Und wenn ihr wollt - liebe Kinder - dann könnt ihr selbst mal das tolle Rezept vom Blütenhonigkuchen ausprobieren!

Viel Spaß beim Backen!

17.12.2012 © seit 02.2008 petra maria scheid  
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