Google "Buzz": Bestandsaufnahme eines sozialen Netzwerks

Teaser: Am 09.02.2010 hat Google mit "Buzz" erneut einen Schritt in die Welt der sozialen Netzwerke gewagt. Seitdem wurden viele Wellen geschlagen, ob bzw. wofür dieser Dienst gut ist. Lesen Sie in diesem Artikel eine Bestandsaufnahme über den Sinn und Nutzen des sozialen Netzwerks "Buzz".

Am 09.02.2010 hat Google erneut einen Schritt in die Welt der sozialen Netzwerke gewagt. Gleich zu Beginn der Pressekonferenz, die im heimischen Mountain View stattfand, stellte Manager Todd Jackson sein neustes Spielzeug "Buzz" vor.

Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Twitter, Facebook und Diskussionsforum. Dieser Artikel soll mehr als nur meine Meinung widerspiegeln. Deshalb habe ich viele Buzzer darum gebeten, mir ihre Meinungen zum neuen Dienst mitzuteilen, was dazu führte, dass der Artikel etwas länger geraten ist.

Surfen wir also Google an und loggen uns ein.

Was ist Buzz eigentlich?

Nein, es handelt sich hierbei nicht um den Konsolenspaß aus dem Hause Sony, der wahrscheinlich nur zufällig selbigen Namen bekleidet. Und um eines gleich vorweg zunehmen: Google Buzz ist kein Frontalangriff auf die möglichen Konkurrenten Twitter und Facebook.

Buzz ist in erster Linie ein soziales Netzwerk. "Posten Sie automatisch Updates, Fotos, Videos und mehr. Unterhalten Sie sich über Themen, die Sie interessieren", wird jedem potenziellen Nutzer vor die Nase geworben. Wie jetzt?

Werden über über Buzz neue Google Mail/Gmail-User generiert? Ja. Jeder Nutzer wird dazu genötigt, sich beim hauseigenen E-Mail-Dienst anzumelden, um überhaupt einen Blick auf Buzz zu erhaschen. Das ist ein gravierender und negativer Unterschied zu allen anderen sozialen Netzwerken - auch weil diese bisher noch keinen eigenen E-Mail-Dienst anbieten.

Immerhin wurde auf die Kritik an Google reagiert und der Nutzer kann nun entscheiden, ob er überhaupt Buzz in seinem Postfach haben möchte. Die Entwickler bei Google setzen halt auf offene Standards und vergessen dabei oft die gewünschte Privatsphäre der einzelnen User.

In den USA ist deswegen ein Riesenstreit entfacht. Rechtsanwälte stürzten sich vor gut zwei Wochen mit einer Sammelklage gegen die automatische Integration von Buzz auf den Suchmaschinen-Giganten. Das Ausmaß ist noch nicht skizziert - auch weil Google USA dazu schweigt.

Was fehlt, was stört, was gehört verboten?

Schon zu Beginn störte mich eben diese beschriebene Implementierung in Google Mail/Gmail. Zum Einen hat Google keinen guten Ruf hinsichtlich des Datenschutzes, zum Anderen nerven eingehende Nachrichten: Kommentiere ich irgendjemanden oder poste ich selbst einen Beitrag, fängt das Spektakel auch schon an.

Jedes Mal flattert eine Benachrichtigung ins Postfach. Für jemanden der Buzz als Hardcore-Buzzer nutzen möchte, wird der Posteingang in kürzester Zeit zum unübersichtlichen Albtraum. Ist das Postfach die Anlaufstation des Haupt-E-Mail-Stroms, sind Filter unumgänglich. Für viele Nutzer könnte das Setzen von Filtern aber schon zu viel des Guten sein.

Im Vergleich: Die als "Konkurrenten" bezeichneten Netzwerke Facebook und Twitter schlagen in Textform viel weniger Informationen um und besitzen gegenüber Buzz zudem eine benutzerfreundliche Möglichkeit, der Nachrichtenflut schon zu Beginn der Anmeldung Herr zu werden.

Warum also verknüpft das Unternehmen Buzz mit Google Mail/Gmail? Denkt man googleisch, steckt hinter dieser Art der Verknüpfung Absicht. So beinhaltet jede Buzz-Nachricht im Google-Postfach Meinungen, Anmerkungen, Gefühle, ja eben Informationen - Daten, die fleißig von Google gespeichert werden.

Natürlich sind alle sozialen Netzwerke in erster Linie öffentlich. Doch gerade die Verknüpfung mit dem Google-Postfach deckt nach erfolgreichem Log-in besondere Möglichkeiten auf - natürlich auf Seiten Googles.

Urheberrecht

Doch neben den vermeintlichen Möglichkeiten, Spam und Klagen hinsichtlich einer fragwürdigen Automatisierung der Integration, könnte auch für den zwischen Tastatur und Stuhl Sitzenden bald ein scharfer und juristischer Wind wehen.

So ist meines Erachtens neben fehlendem Datenschutz, schlechter Integration anderer Netzwerke und bescheidener Optik, was mittlerweile den Google-Style ausmacht, gerade die von Google nur dürftig in den Datenschutzbestimmungen beschriebene Erklärung zu den möglichen Urheberrechtsverletzungen ein Dorn im Buzz.

YouTube, Google Reader und gerade Buzz erfreuen sich am Fleiß der User. Schon jetzt wird bei Buzz haufenweise alter Content neu erfunden - geschützte Artikel gepostet, deren Bilder hochgeladen und ggf. mit Videos gefüttert sind. Kommentare werden in Realtime hinzugefügt. Ich persönlich finde das sehr schön. Freies Wissen für alle.

Doch rechtlich gesehen ist das mehr als fragwürdig - und gerade die, die es nicht besser wissen, sind am Ende vielleicht die, die tief in die Tasche greifen müssen. Google distanziert sich wie üblich von diesem Thema.

"Man sei nur der technische Dienstleister". Jeder haftet deshalb selbst dafür, was er postet, je nach Amtsrichter sogar für die Kommentare, die auf dem öffentlichen Profil veröffentlicht werden. Frei nach dem Motto: Steht der Ärger erst einmal vor der Tür, muss man auch mit einem Klopfen rechnen.

Buzz: Diskussionsforum mit vielen Vorteilen

Doch bei den vielen kleinen Wehwehchen sollten wir ein Schmerzmittel einwerfen und jetzt einen Blick auf die eigentliche Stärke von Buzz werfen. Was den Dienst nämlich wirklich ausmacht, ist die Möglichkeit, dort informative Diskussionen zu führen. Fabian Fischer beispielsweise (sein Blog http://nodomain.cc/) führte mit mir und anderen Buzzern eine dieser Runden.

Auch er ist sich sicher, dass Buzz andere Funktionen bekleidet, als die großen Netzwerke Twitter und Co. "Buzz eignet sich weniger dazu, vielen Leuten zu folgen. Der Grund: Bei Twitter schaffe ich es mühelos, die Timeline eines Tages mit meinen ca. 140 "Verfolgten" durchzuscannen. Bei Buzz macht das glaube ich keinen Spaß", so der Power-User.

Er spricht damit Super-Super-Power-User wie @Kosmar, @Sascha Lobo und @Mario Sixtus an. Deren Postings erreichen oftmals die Maximalgröße von 500 Kommentaren. "Sicher ist, dass das für mich persönlich zu viele Informationen auf einen Schlag sind", buzzert Fabian weiter. Und er hat recht: Denn gerade diese Power-User sind teilweise so nervig, auch weil ein zwanghaftes Kommentieren der anderen vorherrscht, egal ob das Thema interessant ist oder "meistens" absoluten Schwachsinn darstellt. Ich schließe mich da selbst auch nicht aus.

Klaus Eck beispielsweise, ebenfalls ein Power-User, ist sich sicher, dass Buzz eines "eigenen Inhalt bedarf" und Tweets etwa "nur in Maßen" ihren Platz einnehmen sollten. Er spricht damit die vielen Netzwerke und deren Kanäle an. Oftmals nutzen die vielen Lobos für eine Nachricht alle Kanäle gleichzeitig.

Da sprudeln dann mögliche Neuigkeiten erst bei Twitter rein, dann in Facebook um schließlich noch in Buzz gelesen zu werden - das aber stark zeitverzögert. Ok, wenn es wirklich gute News sind, freue ich mich über die Lawinen. Doch ob der eine oder andere gerade auf Klo sitzt, ist nicht wirklich relevant.

Dennoch handelt es sich oft um brauchbare Informationen, die Buzz so besonders machen, mich persönlich fast schon buzzisch anziehen. Denn hat man erst einen Stamm an Mitlesern gewonnen, ein interessantes Thema für diesen veröffentlicht, sind - dank der nicht begrenzten Anzahl von Wörtern und der Möglichkeit, Bilder und Videos wirklich "fast" komfortabel in den Text einzubinden - keine Grenzen gesetzt. Hinsichtlich der Bilder ist es leider nur möglich, insgesamt fünf Bilder zu einem Beitrag hinzuzufügen.

Melden wir uns also erneut im Google-Postfach an.

Denn obwohl ich es eben noch kritisierte, hat die Integration im Postfach tatsächlich auch seine Vorteile.

Klickt man auf die eingegangene Nachricht von Buzz, gelangt der User automatisch zur gesamten Korrespondenz des Themas und kann sofort und sogar in Realtime antworten.

Nachteil: Die besagte Realtime beim Posten jedoch bleibt das einzige Real, was der Dienst zu bieten hat.

Was bei der Präsentation noch ein Fluss in Sachen Integration von Videos und Bildern war, gleicht in der Realität eher dem Zeitraffer.

Hier hat Google stillschweigend ein wenig geschummelt. So sind bisher lediglich die eigenen Dienste wie Picasa und Google Reader sehr gut skaliert.

Beispiel: Sende ich per Twitter eine Nachricht an Buzz, dauert das bis zu zwei Stunden, bis diese dort angezeigt wird. Auch Bilder, die ich in mehreren Tests mobil über Flickr an Buzz versendet habe, drehten unhaltbare Ehrenrunden im Netz.

Warum das so ist, fragte ich Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland und selbst aktiver Freund von sozialen Netzwerken. "Es ist richtig, dass Buzz noch besser werden kann und soll. Die Integration anderer, externer Dienste ist ein gutes Beispiel dafür. Buzz ist nun einen Monat alt und wir sind sehr bemüht, den Service kontinuierlich zu verbessern und auszubauen."

Der Service könnte auch in naher Zukunft die Stärke Googles werden. So baut der Riese aus Mountain View auf offene Standards und kann daher gegenüber den anderen Netzwerken klar punkten. Standards, die bei Twitter und Co. noch fehlen und unbedingt verbessert werden müssen. Denn wie auch die User selbst müssen sich die Unternehmen hinter den Netzwerken selbst verknüpfen und endlich kantenlos werden.

01.10.2013 © seit 03.2010 Markus Henkel  
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