Schreiben lernen: Professionelle Textanfänge formulieren

Teaser: Haben Sie sich schon einmal gefragt, was einen Text oder eine Kurzgeschichte so richtig spannend macht? Kennen Sie auch Bücher, die man nach den ersten Zeilen einfach nicht mehr weglegen kann? In diesem Artikel zeigen wir Ihnen, worauf Sie beim Formulieren einer spannenden Geschichte achten sollten.

Schreiben lernenWir leben in einer Welt, die von Informationen überfrachtet ist. Zum überwiegenden Teil konsumieren wir diese Botschaften in Form von bewegten Bildern. Fernsehen und Kino präsentieren uns täglich unmittelbare Handlungsabläufe, die sich direkt vor unseren Augen abspielen – so, als säßen wir im Theater und erlebten das Geschehen live mit.

Nachrichtensender sind heutzutage an Kriegsschauplätzen vor Ort präsent. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist mit bewegten Bildern vertraut, wächst mit ihnen auf.

Aus dieser Erkenntnis leiten wir Schriftsteller für unsere Arbeit ab, dass es für geschriebene Texte nützlich (und notwendig) ist, wenn vor dem Auge des Lesers so viel Handlung wie möglich gezeigt und nicht erklärt wird. Erzählende Zusammenfassungen locken den modernen Leser nicht mehr in einen Text hinein.

In diesem Artikel will ich Ihnen zeigen, wie Sie professionelle Textanfänge spannend formulieren können. Beginnen wir mit einem Beispiel zur Veranschaulichung.

Erklärender Text:
Der Wagen, ein alter Ford Taunus, fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit die regennasse Straße entlang. In einer Rechtskurve kam er ins Schleudern, geriet von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum.

Hier entstehen vor dem geistigen Auge des Lesers keine lebendigen Bilder. Leser von heute verlangen jedoch nach unmittelbarer Handlung, um eine Geschichte hautnah erleben zu können, wie sie es vom Fernsehen gewohnt sind.

Bildlich zeigender Text:
Am Straßenrand rasten die Tannen mit 173 Stundenkilometer an dem verrosteten Ford Taunus vorbei. Regentropfen klatschten schwer wie Bleikugeln auf die Straße, die im Lichtkegel der Scheinwerfer plötzlich einen Haken nach rechts schlug. Zu spät. Das Heck des Wagens brach aus, schlingerte nach links, dann nach rechts und wieder nach links.

Ein heftiger Schlag knickte die Fahrertür, das linke Vorderrad schnitt in den Straßengraben und der Ford schoss von der Fahrbahn. Ein Baumstamm blitzte kurz vor dem Wagen auf. Ein Knall, dann fraß sich die Tanne bis zum Armaturenbrett durch den Kühler.

Kurzgeschichte schreiben lernenDieser Text führt uns unmittelbare Handlung vor Augen. Der Leser sieht den Unfall förmlich passieren, weil aktiv gehandelt wird. Beim Schreiben geht es nicht darum, dem Leser die Tatsache mitzuteilen, dass es heiß ist, sondern in ihm das Gefühl wachzurufen, dass ihm das Hemd schweißnass auf der Haut klebt.

Diese Erkenntnis, auch wenn sie noch so treffend umgesetzt ist, ist jedoch wertlos, wenn der erste Satz eines Textes misslingt. Die Eröffnung eines Textes gibt immer öfter den Ausschlag dafür, ob sich der gestresste Leser von heute für ein Werk erwärmt oder es weglegt.

Untersuchungen zufolge entscheiden Leser heute innerhalb von nur fünf Sekunden, ob ein Text für sie interessant ist oder nicht. Dabei ist nicht der Klappentext eines Romans oder die Schlagzeile eines Artikels, sondern immer häufiger die Texteröffnung entscheidend. Ein weiteres Beispiel ...

Ted Hastings trat um 23.14 Uhr vor die Bar hinaus, um zu sterben.

Dieser erste Satz erfüllt in jeder Hinsicht die Aufgabe, die erste Worte leisten sollten: Den Leser neugierig machen, Fragen aufwerfen, die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln, den Leser aus dem Alltag in die Welt der Geschichte ziehen.

Neugierig geworden, fragt sich der Leser: Warum tritt Ted Hastings vor die Bar hinaus, wenn er weiß, dass er sterben wird? Weiß er das überhaupt? Wie wird er sterben? Ein Unfall? Ein Mord? Wer ermordet ihn? Warum? Wer ist dieser Ted Hastings?

Diese Eröffnung, sie könnte einen Krimi einleiten, wirft eine Menge Fragen auf, zieht dadurch die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich und holt ihn aus dem Alltag weg in die Welt der Story. Wenn Sie Texte verfassen, sorgen Sie dafür, dass der erste Satz den Leser ködert und er mehr wissen will. Eine weitere Technik besteht darin, eine Person zu zeigen, die ein Ziel um jeden Preis verfolgt.

Solche Figuren interessieren Leser immer:

Als ich ihm das erste und letzte Mal gegenüberstand, nannte er sich Ken - Ken Livingston. Ohne ein weiteres Wort, ohne einen Blick in meine Augen, steckte er die Nachricht in seine Jackentasche und ging. In dieser Nacht hätte er noch umkehren können. Aber Ken stieg trotzdem in diesen Zug.

Die Tatsache, dass Ken entschlossen in den Zug steigt, charakterisiert ihn als entschlossene Person. Er würdigt sein Gegenüber keines Blickes, was Ken als kalt erscheinen lässt. Und Ken scheint sich nicht immer so zu nennen. Der Erzähler sieht ihn zum ersten und letzten Mal. Warum? Was wird geschehen?

Hier bahnt sich schon mit den ersten Worten Konflikt an – ein weiteres Mittel, den Leser in Ihren Text zu holen. Egal, ob es sich um einen fiktionalen Text handelt, der Emotionen wachrufen will oder um einen Sachtext, der Informationen vermittelt.

Wer sich das Prinzip der Spannung bewusst macht, kann sich der Aufmerksamkeit der Leser sicher sein. Der Grundsatz der Spannung heißt Ungewissheit. Was kommt als nächstes? Diese Fragestellung müssen Sie im Leser provozieren, dann hat der Fisch den Köder geschnappt und zappelt an Ihrem Haken. Hooks (Haken) sorgen dafür, dass die Stimmung einer Story schlagartig interessant ist.

Hooks sind somit alle Formen spannender Momente:

  • Geheimnisse
  • Schwelender Konflikt
  • Rätsel
  • Offene Fragen
  • Zielorientierte Figuren
  • Gefahr
  • Überraschungen

Kurz: Alles, was neugierig auf mehr macht und reizt. Der Dialog ist ebenfalls unmittelbar. Er vergegenwärtigt Geschehnisse, eignet sich somit hervorragend, um Texte zu beginnen:

„Geben sie dir den Ausweis nicht zurück?“, fragte seine Mutter nervös. „Nein“, antwortete Nick. „Mach dir keine Sorgen, Mam.“ Er sagte diese Worte mechanisch, war zu sehr mit seiner Angst beschäftigt. „Du kannst noch aussteigen, Junge,“ „Dazu ist es zu spät. Gestern wäre das noch möglich gewesen.“

Mrs Larson schluchzte in ihrem Kummer. „Wenn nur dein Bruder hier wäre, er würde diesen Wahnsinn sofort aufhalten.“ „Erik ist aber nicht hier. Ich liebe dich, Mam, aber es ist das beste so. Egal, wer es überlebt.“ Als Nick Larson am 19. Juli die Torschwelle überschritt, wusste er, dass dies vielleicht die letzten Worte waren, die er je mit seiner Mutter gewechselt hatte.

Den Ausweis nicht zurück zu erhalten ist ungewöhnlich. Wer gibt ihn nicht zurück und warum? Die Mutter fragt nervös. Weshalb ist Sie nervös?

Die ganze Dialogszene spielt sich direkt vor unseren Augen ab und wir spüren, dass sich etwas Schlimmes anbahnt.

Nick hat Angst. Wovor? Welcher Wahnsinn soll aufgehalten werden? Und wer soll was überleben?

Fragen über Fragen, Ungewissheiten über Ungewissheiten.

Bemühen Sie sich darum, die Neugier des Lesers vom ersten Wort an zu wecken.

Das ist der Fall, wenn der erste Satz eine interessante Person oder eine ungewisse Handlung einführt, wenn Überraschendes, Schockierendes oder Ungewöhnliches passiert; ebenso wenn Sie Unheil verkünden oder die Vorahnung erzeugen, dass gleich irgend etwas geschehen wird.

Erst im zweiten Absatz oder auf Seite drei interessant zu werden, ist heutzutage zu spät. Eröffnen Sie eine Geschichte, egal, ob fiktionaler Text oder Sachtext, mit einer Szene, die sich der Leser bildhaft vorstellen kann. Der Leser nimmt Informationen dann am intensivsten auf, wenn sie in ihm Gefühle wachrufen, die als Bilder transportiert bei ihm ankommen.

Und diese Szene sollte wenigstens einen Menschen beinhalten. Personen und ihr Schicksal berühren uns am stärksten. Zeichnen Sie mittels aktiven Verben, Bilder im Kopf des Lesers, meiden Sie die passive Leideform mit „wird“, „wurde“.

Sprechen Sie beim Leser alle Sinne an, indem Sie auch Geräusche, Gerüche und Geschmäcker mit einbeziehen und eine Figur in den Mittelpunkt des Geschehens rücken. Dann ist Ihrem Text die Aufmerksamkeit des Lesers so gut wie sicher.

Mr. Ward schubste die kleinwüchsige Terry auf den endlos langen Laufsteg hinaus. Das grellweiße Licht der Scheinwerfer bohrte sich in ihre Augen, blendete sie. Terry zitterte wie ein verängstigter Zwerg, dennoch drehte sie sich zur Seite, um zu zeigen, wie schlank sie war.

Bilder, Bilder, Bilder.

Damit bin ich am Ende meines Artikels. Falls Ihnen dieses Thema gefallen hat, finden Sie auf meiner Homepage "profi-tabel-schreiben.com" weitere Anregungen.

Martin Selle, Schriftsteller

13.10.2013 © seit 09.2009 Martin Selle  
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