Selbstkritik: Konstruktiv mit dem "inneren Kritiker" umgehen

Teaser: Immer wenn wir uns unwohl fühlen oder ein wichtiges Bedürfnis aufgeben, ist der "innere Kritiker" im Spiel. Er weist uns unaufgefordert auf unsere Mängel hin oder warnt uns vor den negativen Folgen unseres Handelns. Die Konsequenz ist - wir fühlen uns schlecht. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie konstruktiv mit Ihrem inneren Kritiker umgehen können.

Ein altes Sprichwort besagt, dass jeder selbst sein härtester Kritiker ist. Diese kleine Lebensweisheit kommt recht unscheinbar daher und wird von vielen Menschen einfach übersehen. Haben Sie sich nicht auch schon einmal gefragt wer eigentlich beurteilt, ob Sie glücklich oder unglücklich sind? Wer urteilt, ob Sie mit Ihren Lebensumständen zufrieden sein können oder "an allem etwas auszusetzen haben"? Solche Urteile fällen wir selbst und sprechen uns dabei - je nach Urteil und Maßstab - das eigene Glück oder Unglück zu.

innerer KritikerIch nenne diese gedankliche Instanz den "inneren Kritiker", den jeder Mensch in unterschiedlicher Ausformung in sich trägt. Was dieser "innere Kritiker" ist und wie man konstruktiv mit ihm umgehen kann, werde ich im folgenden Artikel beschreiben.

Erst als ich mein erstes Buch verfasste, stellte sich mir die Frage, warum ich so spät mit dem Schreiben begann. Obwohl ich den Wunsch schon mindestens zwanzig Jahre mit mir herum trug, hat es lange gedauert ihn zu realisieren. Die Antwort ist einfach: Mein “innerer Kritiker” hatte dies bis dato erfolgreich verhindert.

Wahrscheinlich haben Sie ja auch so einen inneren Kritiker, der laufend an Ihnen herumnörgelt. Egal was Sie im Leben erreicht haben oder wie gut Sie auf einem bestimmten Gebiet sind, der innere Kritiker hat immer etwas daran auszusetzen.

Den inneren Kritiker erkennt man recht leicht an der Form der Kommunikation: Er beobachtet nicht - er urteilt. Er ist mit seinen Bewertungen meist auf die negative Perspektiven einer Sache spezialisiert. In meinem Fall - als frisch gebackener Autor - lässt sich dem inneren Kritiker folgende Stimme geben:

  • “Du hast doch überhaupt nichts Wesentliches mitzuteilen.”
  • “Über das Thema gibt es schon mehrere Bücher.”
  • “Jedes Jahr kommen hundert neue psychologische Ratgeber raus und da glaubst du, dass dein Buch …?
  • “Wann willst du das denn schreiben? Du hast ja jetzt schon zu wenig Zeit.”
  • “Wenn es seriös ist, liest es keiner. Ist es flach, verdirbt es dein Image.”
  • “Du wirst keinen Verlag finden.”
  • “Wenn du schon unbedingt was schreiben willst, dann schreibe wenigstens eine Doktorarbeit.”

Ja, so spricht mein Kritiker - immer felsenfest von der eigenen Meinung überzeugt. Und aus seiner Sicht ist diese Meinung nicht nur eine mögliche Perspektive auf die Dinge, sondern "die Wahrheit" oder ein "unumstößliches Urteil".

Das Schlimme an dieser Art des Kritikers ist, dass man ihn mit nichts und niemanden wirklich zufrieden stellen kann. Er wird immer ein Haar in der Suppe finden, über das er sich auslassen kann. Selbst wenn ich eine Doktorarbeit angefangen hätte, wäre ihm - statt eines Lobes - sicherlich ein schwerer Makel oder ein wichtiges Problem eingefallen.

Woran erkennen Sie den inneren Kritiker?

Vor allem an der Art der Kommunikation. Ein Kritiker gibt Erklärungen ab, die wie unumstößliche Wahrheiten zu gelten haben. Er formuliert keine Beobachtungen oder "mögliche Perspektiven", sondern spezialisiert sich auf feste Urteile und festbetonierte Überzeugungen. Diese graue Eminenz in uns selbst beansprucht - wie der Papst in Glaubensfragen - immer das letzte Wort sprechen zu dürfen.

Ein weiteres Indiz auf den inneren Kritiker ist unsere gefühlsmäßige Reaktion. Denn nach einer Kritiker-Attacke fühlt man sich meisten lustlos und niedergeschlagen. Man fühlt sich unzufrieden oder ist wütend auf sich selbst.

Worüber spricht der innerer Kritiker?

Es gibt kein Feld, auf dem sich ein Kritiker nicht zu Wort melden kann. Ähnlich wie es auch im normalen Leben Menschen gibt, die zu allem eine Meinung zum Besten geben, ist auch dem Kritiker kein Thema heilig. Denn Kritiker halten sich für Experten auf jedem Gebiet. Um Ihnen eine ungefähre Vorstellung seines Wirkungskreises zu geben, werde ich im Folgenden zu verschiedenen Themen einen Kritiker simulieren ...

Beispiel - Beruf und Karriere

  • Kritik Gefühle “Du kannst deine Mitarbeiter nicht richtig motivieren.”
  • “Andere Kollegen sind viel beliebter als du.”
  • “Du bist zu wenig ehrgeizig/zu ehrgeizig.”
  • “Mit diesem Dialekt machst du nie Karriere.”
  • “Das ist doch alles nur theoretisches Wissen. Dir fehlt Praxis/Auslandserfahrung/der Doktortitel …”
  • “Okay, du bist ziemlich erfolgreich. Aber du vernachlässigst deine Familie.”
  • “Okay, Beruf und Privatleben kriegst du hin. Aber dein Körper ist in einem miserablen Zustand.”

Beispiel - Aussehen und Ausstrahlung

Hier ist der innere Kritiker vor allem bei Frauen aktiv. Sein Lieblingsort ist das Badezimmer oder die Umkleidekabine.

  • “Du siehst schrecklich aus!”
  • “Gott, bist du fett/aufgedunsen/mager/dürr/klapprig!”
  • “Dein Gesicht ist okay - solange niemand deine Cellulite sieht.”
  • “Du bist zu klein/zu groß/zu durchschnittlich.”
  • “Lächle nicht so breit, sonst sieht man dein Zahnfleisch.”

Beispiel - Beziehungen

  • “Niemand mag dich wirklich.”
  • “Er ist so nett, weil er Mitleid hat/mit dir ins Bett will …”
  • “Wenn die Leute wüssten, wie du in Wirklichkeit bist.”
  • “In Gesellschaft bis du immer so aufdringlich/zurückhaltend/vorlaut/schüchtern …”
  • “Du bist wie deine Mutter - und du wirst auch genauso enden.”

Beispiel - Ernährung und Gesundheit

  • “Schrecklich, wie kann man Leichen essen” (wenn Sie Fleisch mögen).
  • “Du bist so fürchterlich blass. Das kommt vom Eisenmangel” (wenn Sie vegetarisch essen).
  • “Du bist ein Fastfood-Junkie” (wenn Sie Schokolade, Wein, Kaffee, Fastfood etc. mögen).
  • “Du müsstest viel mehr für deine Ausdauer/Kraft/Beweglichkeit/Koordination tun.”

Beispiel - Werte und Lebenssinn

  • “Du hast überhaupt keine/die falschen/ Werte.”
  • “Du solltest meditieren/einen spirituellen Weg einschlagen/dich mehr ins Leben stürzen.”
  • “Karriere oder Kind - du musst entscheiden, was du willst.”
  • “Du hast überhaupt kein Ziel im Leben/du willst alles im Voraus planen.”

Dies sind natürlich nur willkürlich gewählte Beispiele, um das Prinzip des "inneren Kritikers" zu veranschaulichen. Normalerweise hat er in jedem Menschen eine individuelle Ausprägung erfahren, wobei seine Werturteile nicht immer nur vollständig negativ ausfallen müssen. Denn ausgeglichene oder glückliche Menschen haben einen konstruktiven Weg gefunden den inneren Kritiker zu erziehen.

05.03.2013 © seit 05.2009 Roland Kopp-Wichmann  
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Buchtitel: Frauen wollen erwachsene Männer: Warum Männer sich ablösen müssen, um lieben zu können
Autor: Roland Kopp-Wichmann
Broschiert: 200 Seiten
Verlag: Kreuz-Verlag: 1. Auflage (Februar 2009)
ISBN-10: 3783132355