Sir-Karl-Popper-Schule: Ein "Schulversuch für Hochbegabte"

Teaser: Wie oft hören wir in den Medien etwas über die Defizite unseres Schulsystems? In diesem Artikel wollen wir Ihnen ein Beispiel vorstellen, wie eine Schule konstruktiv nach neuen Wegen forscht, das "Lernen auf eine neue Art zu vermitteln." Vielleicht helfen uns solche "Pilot-Projekte" zu verstehen, wie eine erfolgreiche Wissensvermittlung in Zukunft aussehen könnte.

Vorwort der Redaktion

Wenn man den populären Medien und Meinungen glauben darf, läuft bei unserem Schulsystem eine Menge schief. Es bestehen nicht nur Zweifel daran, daß die Art der Wissensvermittlung veraltet ist, auch die pädagogische Praxis wirkt wie ein Relikt aus der Nachkriegszeit, welches unseren heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen scheint. Wen wundert es da, wenn Artikel wie "Der Notruf aus der Rütli-Schule" einschlagen wie eine Bombe. Viele sehen darin nur eine Bestätigung, daß wir es versäumt haben unser Schulsystem erfolgreich zu reformieren.

Vorbildliche SchulenInteressant in diesem Kontext ist, daß wir unseren Blick häufig auf die "Schlußlichter des Bildungssystems" werfen, aber den positiven oder kreativen Ansätzen von manchen Lehrinstituten kaum Beachtung schenken. Dabei sollte es eigentlich einleuchtend sein, daß wir uns an den besten Schulen orientieren müssen, wenn wir einen neuen bzw. erfolgreichen Weg für die Bildung der Zukunft finden wollen.

Lernen ist in unserer "Informationsgesellschaft" schon lange nichts mehr, das mit der Schulzeit oder Ausbildung endet, sondern immer mehr zum "Normalzustand" wird, wenn wir im Beruf "Up-to-date" bleiben wollen.

Die Fähigkeit zu Lernen wird immer mehr zur Grundvoraussetzung, um sich in einer immer schneller verändernden Welt zurecht zu finden. So muß man kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß die Zukunft den Menschen gehören wird, die das "Lernen lernen" verinnerlicht haben.

Leider ist das Vorurteil, daß Lernen etwas mit Streß, Angst oder unsinnigen Pauken zu tun hat, immer noch weit verbreitet. Daher freut es mich besonders hier einen Artikel über eine Schule vorstellen zu dürfen, die einen neuen und konstruktiven Ansatz zum Thema "Lernen und Lehren" verfolgt. Ich kann nur hoffen, daß sich viele Menschen, die in einem Lehrberuf tätig sind, diese Anregungen zu Herzen nehmen. Vielleicht findet sich so ein Weg, Schülern wieder beizubringen, daß Lernen Spaß macht.

Tony Kühn - Philognosie Redaktion

Die "Sir-Karl-Popper-Schule“ - ein "Schulversuch für Hochbegabte"

Über wen sprechen wir hier? Lassen Sie mich zunächst die Schule vorstellen, über die wir im Weiteren berichten werden. Die „Sir-Karl-Popper-Schule“ ist ein als "Schulversuch für Hochbegabte" geführter Teil des Wiedner Gymnasiums, also einer öffentlichen AHS - der mit je einer gymnasialen und einer realgymnasialen Klasse von der 5. bis zur 8. Klasse (d.h. aus insgesamt acht Klassen bestehend) parallel zu den "normalen" Oberstufenklassen dieser Schule läuft.

Sir Karl Raimund Popper (geboren 28. Juli 1902 in Wien, gestorben 17. September 1994 in London) war ein österreich-britischer Philosoph, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und politischen Philosophie den Kritischen Rationalismus begründet hat. 1965 wurde Popper von Queen Elisabeth II. für sein Lebenswerk zum Ritter geschlagen.

Das einzige umgesetzte Projekt für Begabtenförderung in Österreich wurde nach Sir Karl Popper benannt und widmet sich als Vorzeigeprojekt auf Oberstufenebene der Begabtenförderung mit dem Grundsatz: „Nicht Quantität an Wissen, sondern Qualität von Erkenntnis und Verständnis zählen“.

Soweit zu den Eckdaten, die diese Schule betreffen. Desweiteren will ich Ihnen zunächst die Leitlinien dieser Schule vorstellen und den Artikel mit einem Interview mit dem Hofrat Dir. Dr. Günter Schmid abrunden.

Eine Schule mit Leitlinien

Unser Menschenbild
Absolventinnen und Absolventen der Sir Karl Popper-Schule sind bereit für lebenslanges Lernen. Sie wissen, daß wir nur Bilder über die Welt haben und daß diese Bilder nicht gleichzeitig die Welt sind, aber sie bleiben neugierig und bestrebt, immer mehr solcher Bilder kennen zu lernen und zu überprüfen.

Unser Bildungsbegriff
Nicht Quantität an Wissen, sondern Qualität von Erkenntnis und Verständnis zählen.

Unser Bild von Schule
Schule ist für uns ein Ort, an dem eine solche Bildung erworben werden kann bzw. an dem die Grundsteine gelegt werden, damit an dieser Bildung lebenslang gearbeitet werden kann.

Unser Bild vom Lernen
Alle Erkenntnisse der Lernpsychologie sollen im Unterricht umgesetzt werden. Die Auswahl dessen, was behalten wird, ist heute mehr denn je überlebensnotwendig. Kriterien für diese Auswahl müssen geliefert/gefunden werden. Wir wollen "breit beleuchten und sparsam beurteilen".

Unser Bild vom Schüler / von der Schülerin
Die Lernenden in der Sir Karl Popper-Schule lassen sich schon durch ihre Entscheidung für diese Schule auf einen Weg ein, der nicht gerade der einfachste ist. Sie messen sich mit Gleichbegabten und geben oft dadurch eine "Pole-position" auf, die sie in anderen Lerngruppen relativ mühelos behalten könnten.

Damit sagen sie prinzipiell "ja" zu einer gewissen Form der Anstrengung, wenn sie dabei auch, vor allem am Beginn, noch viel Unterstützung und Ermunterung brauchen. Sie sind bereit, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, zu reflektieren, ihre Begabungen zu suchen und auszuloten. Sie bringen sich selbst und ihre Ideen in den Unterricht und in das Schulleben im Allgemeinen ein. Sie gestalten mit, sie äußern ihre Kritik in adäquater und konstruktiver Form und können auch die Grenzen akzeptieren, die das System setzt und die (noch?) nicht verrückbar sind.

Ein offener, einladender Raum - Thesen zum Lernen:

  • These 1: Schule ist für Schüler da
  • These 2: Ziel = „Lebensgestaltendes Lernen“ statt Anhäufung von „Wissen“
  • These 3: Der Lernprozeß muß demokratisiert werden
  • These 4: Lehrerqualität ist eine Frage der pädagogischen Haltung
  • These 5: Ultimatives Ziel = Lernerentwicklung

Neuer Lehrertyp - Lehrer, die lernen

Kennzeichen dieses Typus des "begabenden" Lehrers (wie ich ihn geradezu als Gattungsbegriff einführen möchte) ist nicht in erster Linie Fachkompetenz und nicht einmal vordergründig methodische Brillanz. Jede/r Lehrende, der/die in der Lage und willens ist, die Einmaligkeit jedes seiner/ihrer Schützlinge als eines einzigartigen Individuums zu respektieren und dessen uneingeschränktes Recht auf Experimentieren, auf das Stellen bisher noch nicht gestellter Fragen, auf "learning by doing" nach der "trial & error" Methode anzuerkennen, hat die Chance, dieses höchste Gütesiegel, das der Lehrberuf zu vergeben hat, zu erwerben.

Individualisierung des Lernprozesses - Leistung ist ein Glück

Contracting (Unsere Leistungsbeurteilung): Jeder Lehrer der Sir Karl Popper Schule verpflichtet sich am Anfang des Schuljahres mit seiner Klasse ein so genanntes "Contracting" zu vereinbaren. Darin werden die Lernziele, die Erwartungen des Lehrers an die Schüler, sowie die Lernmethoden (Schularbeiten, Tests, Anzahl) festgehalten.

Sind sowohl Schüler als auch der Lehrer damit einverstanden, wird dieses Contracting von beiden Seiten unterzeichnet. Durch dieses Contracting wird gewährleistet, daß es zu keinen "bösen Überraschungen" während des Schuljahres kommt.

Coaching - System

Coaching SystemDer Coach ist ein Mitglied des Lehrerteams, das vier bis fünf Schüler/Schülerinnen individuell betreut und für diese die pädagogischen Aufgaben des traditionellen Klassenvorstands übernimmt. Voraussetzung ist, daß er die Schüler in keinem Fach unterrichtet. Der wesentliche Teil des Coaching-Systems besteht darin, daß die einzelnen Mitglieder der Gruppe in ihrer wöchentlichen Coaching-Stunde mit Unterstützung (durch den Coach und - ganz wesentlich - durch die Mitschüler) ihre Begabungen herausfinden, indem sie reflektieren lernen.

Sie setzen sich mit ihren Leistungen auseinander, mit der Relevanz und Irrelevanz von Noten, mit ihren Vermeidungsmustern, mit ihren eigenen Motivations- und Arbeitsstrategien. Sie sollen mit der Zeit ihre Ziele klarer definieren können und Handlungsweisen entwickeln, um sie zu erreichen.

Für eine andere Pädagogik - unsere pädagogische Haltung

Richtig verstandene Begabungsförderung ist somit nicht eine Frage von (systemischen) Strukturen oder erlernbarem Wissen auf Seiten der Lehrenden, sondern manifestiert sich in einer ganz bestimmten pädagogischen Haltung seitens der handelnden Personen. Diese Haltungsänderung stellt einen Paradigmenwechsel dar: vom Fokus auf das Lehren (der Dominanz der Methodik, deren Qualität am sichtbaren Produkt gemessen wird) zum Fokus auf das Lernen (mit dem zentralen Ziel der Lernerentwicklung, die aus einem maßgeschneiderten Lernprozeß resultiert und erst mittelfristig erkenn- und messbar wird).

Entwicklung geschieht dort, wo kalkulierte Wagnisse eingegangen werden. Der Mut zum Experimentieren (trial) bringt unvermeidlich auch Fehler mit sich (error).
Im Sinne der Falsifikationstheorie von Karl Popper bedeutet aber jeder Fehler, sofern auf die Phase des Experimentierens eine Phase der Reflexion folgt, eine Annäherung an die Wahrheit.

Dieser Grundsatz, in Fehlern prinzipiell potentielle Lernanlässe zu erblicken, hat für den zu fördernden Schüler in gleicher Weise zu gelten wie für den "begabenden" Lehrer oder für die Schule insgesamt in ihrer Eigenschaft als lernende Institution. Wer krampfhaft versucht Fehler zu vermeiden, nimmt sich - und anderen - die Chance zu lernen, wie man aus "Fehlern" Fortschritte macht.

Ein Ort zum erwachsen werden - lebensgestaltendes Lernen

Richtig verstandene Begabungsförderung will aktive Selbststeuerung des Lernprozesses und Eigenverantwortung bei den Lernenden generieren und sie auf diese Weise befähigen, das eigene Leben bewußt zu gestalten. "Lebensgestaltendes Lernen" sollte jeder Schule als ultimatives Ziel vor Augen stehen. Ein so ehrgeiziger Anspruch kann aber nicht einfach durch zusätzliche Angebote oder strukturelle Veränderungen im Kleinen verwirklicht werden. Hier ist ein grundsätzliches Umdenken des gesamten Systems gefragt.

Eine Schule die lernt - Entwicklung und Zukunft sind offen

Unsere Schule lernt, indem sie sich selbst reflektiert. Dazu haben wir einige Instrumente. Das Popper-Forum, Qualitätszirkel und eine Zusammenarbeit - bzw. einen Austausch mit anderen Schulen. Im Popper-Forum treffen sich 3 - 4 mal im Schuljahr das Leitungsteam der Schule mit Schülern und Eltern. Wer Lust hat, kann daran teilnehmen.

Am Qualitätszirkel nehmen ca. 15 Lehrer teil. In diesen Qualitätszirkeln schauen wir, wo unsere Schule steht, wie wir unsere Grundsätze und Leitlinien erfüllen,
wie wir unsere Philosophie leben. Ganz wichtig ist uns der Austausch mit anderen Schulen. So haben wir z.B. eine sehr enge Partnerschaft mit dem Deutschhaus Gymnasium in Würzburg (ein sprachliches und naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium mit Hochbegabtenförderung).

Mehr über diese Schule finden Sie auf deren Webseite: Sir Karl Popper-Schule.

Damit Sie in diesem Artikel nicht nur die "trockenen Facts" über diese Schule vorgesetzt bekommen, habe ich mir erlaubt am Ende ein Interview mit dem Hofrat Dir. Dr. Günter Schmid anzufügen. Hier werden Sie noch weitere Informationen bekommen, wie man die oben vorgestellten Leitlinien in eine lebendige Praxis überführen kann.

06.02.2013 © seit 06.2007 Peter Schipek  
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