Seite 3: Käthe Kollwitz - Kunstschaffende zwischen Mutterliebe und dem "Geheimnisvollen, Anderen"

Wir erleben hier einen deutschen Menschen in seinem Entsetzen vor den umstürzenden Ereignissen, in seinem Hin- und Hergerissensein, einen Menschen stellvertretend für Millionen, denen die internationalen treibenden Zerstörungskräfte verborgen bleiben.

Mitte Oktober vermerkt sie: "Georg Stern hat ein Flugblatt in die Hand bekommen, worin zur Revolution aufgefordert wird. In Österreich ist ein Streik der tschechischen Sozialdemokraten ausgebrochen. ... Wilsons Antwort. Böse Enttäuschung. Die Stimmung für Verteidigungskrieg bis zum Ende wächst. Ich schreibe dagegen."

Ende Oktober: "Heut in einer Unabhängigen-Versammlung gewesen. Ledebour sprach. Ich kann ihn nicht leiden. Ein Demagog ist er, ein Hetzer. Ich kann überhaupt nicht mit den Unabhängigen mitgehn. Doch wünsche ich sehr, daß die Sozialisten in der Regierung nicht noch weiter nach rechts gingen. Alles spitzt sich jetzt ungeheuer zu. ... Österreich kapituliert."

Am 1. November: "Versammlung, in der Heine, Naumann, Wyneken zur Jugend sprechen wollen und über den Haufen gerannt werden. Die Jugend randaliert und ist ungebärdig. Den größten Beifall hat der ekelhafte Pfemfert und die Unabhängigen. ... 6. November 1918: Ausweisung der russischen Botschaft wegen bolschewistischer Agitation. ... Freitag, 8. November 1918 Forderung der Sozialdemokraten : Abdankung des Kaisers. Bis Mittag 12 Uhr. ... Sonnabend, 9. November 1918 Heut ist es wahr. Mittags nach 1 Uhr kam ich durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor, wo gerade die Flugblätter mit der Abdankung verteilt waren. Aus dem Tor zog ein Demonstrationszug. Ich trat mit ein."

Die Waffenstillstandsbedingungen findet sie "furchtbar". "Der Kaiser, Kronprinz, sollen nach Holland geflohen sein. Hindenburg soll geblieben sein und sich dem Soldatenrat unterstellt haben, um das Chaos möglichst zu verhindern. Bravo, alter Hindenburg!"

Eine befreundete Journalistin "ist in der Urlauber- und Deserteurversammlung gewesen", schreibt Käthe Kollwitz weiter. "Liebknecht soll sehr gut gesprochen haben. Die Deserteure - 26 an der Zahl - sind wie in der Heilsarmee die Bekehrten nacheinander aufs Podium gegangen und haben erzählt, wann und wie sie desertiert wären. Stürmischer Beifall. Dem Hans (ihrem Sohn) dreht sich rein der Magen um.

Die Stadt ist geschmückt für die heimkehrenden Soldaten. Wir haben lang über die Fahne gesprochen. Heut am Sonntag hängen Hans und ich sie raus. Die deutsche allgemeine schwarz-weiß-rote Fahne. Die liebe deutsche Fahne."

Am 6. Dezember notiert sie: "Überhaupt die fürchterliche Zerrissenheit jetzt! Nord- und Süddeutschland fällt auseinander, Westdeutschland löst sich los vom Ganzen und ist von der Entente besetzt. Im deutschen Österreich Hungersnot und Kälte. Bei uns droht dasselbe in einigen Monaten..."

Ludendorff zitiert in seinen "Kriegserinnerungen" Winston Churchill, der nach dem 1. Weltkrieg klarstellte: "Es war ein gleiches Wettrennen bis zum Ende. Aber am Ende sind wir sicher durchgekommen, weil die ganze Nation unverwandelt zusammenarbeitete."

Und Ludendorff erklärt: "Die Regierung hatte unseren Eintritt in die Oberste Heeresleitung begrüßt. Wir kamen ihr mit offenem Vertrauen entgegen. Bald aber begannen zwei Gedankenwelten miteinander zu ringen, vertreten durch die Anschauungen der Regierung und die unsrigen. Dieser Gegensatz war für uns eine schwere Enttäuschung und zugleich eine ungeheure Belastung.

In Berlin konnte man sich nicht zu unserer Auffassung über die Kriegsnotwendigkeiten bekennen und nicht den eisernen Willen finden, der das ganze Volk erfaßt und dessen Leben und Denken auf den einen Gedanken: Krieg und Sieg einstellt. Die großen Demokratien der Entente haben dies vermocht. Gambetta 1870/71, Clemenceau und Lloyd George in diesem Kriege stellten mit harter Willenskraft ihre Völker in den Dienst des Sieges. Dieses zielbewußte Streben, der machtvolle Vernichtungswille der Entente, wurden von der Regierung nicht in voller Schärfe erkannt. Nie war daran zu zweifeln gewesen.

Statt alle vorhandenen Kräfte für den Krieg zu sammeln und im Höchstmaße anzuspannen, um zum Frieden auf dem Schlachtfelde zu kommen, wie dies das Wesen des Krieges bedingte, schlug man in Berlin einen anderen Weg ein; man sprach immer mehr von Versöhnung und Verständigung, ohne gleichzeitig dem eigenen Volk einen starken kriegerischen Impuls zu geben. Man glaubte in Berlin oder täuschte sich dies vor: die feindlichen Völker müßten den Versöhnung verkündenden Worten sehnsüchtig lauschen und würden ihre Regierungen zum Frieden drängen.

So wenig kannte man dort die Geistesrichtung der feindlichen Völker und deren Regierungen mit ihrem starken nationalen Denken und stahlharten Wollen. Berlin hatte aus der Geschichte früherer Zeiten nichts gelernt. Man fühlte hier nur das eigene Unvermögen gegenüber der Psyche des Feindes, man verlor die Hoffnung auf den Sieg und ließ sich treiben ... Man versäumte darüber, das Volk den schweren Weg des Sieges zu führen.

Reichstag und Volk sahen sich ohne solche Führung, die sie zum großen Teil heiß ersehnten, und glitten mit der Regierung auf der abschüssigen Bahn ... Innenpolitisches Denken und das Denken an das eigene Ich überwucherten sie. Das wurde zum Unglück für das Vaterland." (Erich Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen, Berlin 1919, S. 4)

Die Sozialistin Käthe Kollwitz versucht nun in ihren folgenden Jahren, ihr Kriegs- und Nachkriegserleben auf ihre Art zu bewältigen. Dabei erlebt sie in sich ganze Zeiträume innerer Entleerung und Niedergeschlagenheit. Immer wieder kommt ihr die Gestaltungskraft abhanden. Ihre Werke zeigen nach wie vor die Not und das Leiden der Benachteiligten.

Sie beteiligt sich mit Plakaten an Spenden-Aufrufen. Sie fährt nach Moskau zu einer Künstler-Tagung und fällt immer wieder in Niedergeschlagenheit zurück. Sie beweint den Tod Liebknechts in einem Bild, ohne allerdings Anhängerin dieses Extremisten zu sein. Und immer wieder gestaltet sie die Mutterliebe, nicht selten sehr umklammernd.

Die Werke zum Thema Weberaufstand, angeregt durch das Drama von Hauptmann, waren schon vor dem Kriege entstanden. Auch sie klagen an und zeigen ohne Beschönigung mit viel Schwarz Leid und Not der Unterdrückten wie beinahe alle Werke der Käthe Kollwitz.

"Ich möchte hierbei einiges sagen", schreibt sie in ihrem "Rückblick auf frühere Zeit" 1941, "über die Abstempelung zur "sozialen" Künstlerin, die mich ... begleitete. Ganz gewiß ist meine Arbeit schon damals durch die Einstellung meines Vaters, meines Bruders, durch die ganze Literatur jener Zeit auf den Sozialismus hingewie-sen. Das eigentliche Motiv aber, warum ich von jetzt an zur Darstellung fast nur das Arbeiterleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir einfach und bedingungslos das gaben, was ich als schön empfand. Schön war für mich der Königsberger Lastträger, schön waren die polnischen Jimkies auf ihren Witinnen, schön war die Großzügigkeit der Bewegungen im Volke.

Ohne jeden Reiz waren mir Menschen aus dem bürgerlichen Leben. Das ganze bürgerliche Leben erschien mir pedantisch. Dagegen einen großen Wurf hatte das Proletariat. Erst viel später, als ich, besonders durch meinen Mann, die Schwere und Tragik der proletarischen Lebenstiefe kennenlernte, als ich Frauen kennenlernte, die beistandsuchend zu meinem Mann und nebenbei auch zu mir kamen, erfaßte mich mit ganzer Stärke das Schicksal des Proletariats und aller seiner Nebenerscheinungen.

Ungelöste Probleme wie Prostitution, Arbeitslosigkeit, quälten und beunruhigten mich und wirkten mit als Ursache dieser meiner Gebundenheit an die Darstellung des niederen Volkes, und ihre immer wiederholte Darstellung öffnete mir ein Ventil oder eine Möglichkeit, das Leben zu ertragen. ... Mitunter sagten meine Eltern selbst zu mir: "Es gibt doch auch Erfreuliches im Leben. Warum zeigst du nur die düstere Seite?" Darauf konnte ich nichts antworten. Es reizte mich eben nicht. Nur dies will ich noch einmal betonen, daß anfänglich in sehr geringem Maße Mitleid, Mitempfinden mich zur Darstellung des proletarischen Lebens zog, sondern daß ich es einfach als schön empfand."

So wie Deutschland und ganz Europa durch umstürzlerische Ideologien im 20. Jahrhundert innerlich zerrissen wurden, so zerrissen waren die Seelen der einzelnen Menschen. Käthe Kollwitz hat uns das an ihrem Beispiel deutlich vor Augen geführt.

10.07.2015 © seit 10.2006 Heidrun Beißwenger
Kommentar schreiben