Seite 2: Käthe Kollwitz - Kunstschaffende zwischen Mutterliebe und dem "Geheimnisvollen, Anderen"

Und wir erleben durch diese Sozialistin anschaulich mit, was in der Heimat vorgeht, während das deutsche Heer darum ringt, Deutschland vor dem Untergang zu bewahren.

Käthe Kollwitz geht zu Vorträgen und Versammlungen, wo weitab von den schweren Kämpfen an den Fronten revolutionäre Gedanken gepflegt werden. Ein Herr Landauer stellt den Internationalisten Goethe vor. Kollwitz liebt Goethe ganz besonders. Und so hören sich ihre Tagebuch-Eintragungen bejahend an:

"Macht die Schlacht von Valmy mit. Erlebt den Sieg der Revolutionstruppen über Herzog von Braunschweig. Sieht in ungeheurer Disziplin der französischen Truppen Geist und Folge der Revolution ..."", zitiert sie Goethe. Was das deutsche Volk dabei zu bluten hatte, davon ist nicht die Rede, angesichts der Revolution wird über Blutvergießen nicht geklagt, wohl aber die Disziplin der französischen Truppen gelobt.

Bei einer anderen Versammlung liest der "Kapellmeister Levy" "sein pazifistisches Lehrdrama vor." Sie nennt einige Namen der dort versammelten und sprechenden A-Nationalisten, die "die Berechtigung auch des Verteidigungskrieges leugnen": Levy, Fränkl, Bernstein, Pfemfert, Berger. Diese "ausgesucht häßlichen und absonderlich aussehenden Menschen" erlebt sie "ganz verbittert, ordentlich erschreckend wirkend, fanatisch, schreiend". "Sehen in Sozialdemokratie, auch den Unabhängigen, eine verrottete Bande ... Ziel ist Anationalismus."

Auch bei Tolstoi liest sie, "daß Patriotismus ein überlebtes Gefühl ist, das schädlich und hemmend ist."

Immer wieder aber erinnert sie sich an das "ganz Geheimnisvolle, Andere", was sie mit den jungen Männern bei Kriegsbeginn erlebt hat. Ihr Mann Karl entwickelt einmal bei Tisch den Gedanken von dem Recht und der Pflicht des Menschen, sich zu entfalten, und daß "Ideologien wie Staat, Vaterland" dieses Recht nicht beschneiden dürften. "... der Staat hat kein Anrecht auf das Leben seines Angehörigen." Sie entgegnet ihm "langweilig und konventionell", wie sie findet: "daß die Menschheit nicht vorangekommen wäre, wenn das Leben des Einzelnen immer an erster Stelle gestanden hätte. Über dem Leben steht das Leben für die Idee, dadurch nur bekommt das Leben Inhalt und Sinn. Wenn besondere Umstände es fordern, muß das persönliche Leben hingegeben werden."

Klar erkennend vermerkt sie im Oktober 1917, "daß in Prag Revolten gewesen seien und daß ohne Militär die Deutschen wohl alle niedergemacht worden wären. Einem großen nordslawischen Staat streben die Tschechen zu, südlich Deutsch-Österreichs einem zweiten slawischen Staat. Österreich in der Mitte soll zerrieben werden. Also die Ziele der Entente."

Ebenso hat sie ihre "Verstimmung über die Antwort aus den Entente-Ländern" auf das deutsche Friedensangebot im Dezember 1916 notiert. Und als sie einmal wieder Briefe aus den ersten Kriegswochen liest, ist es ihr wichtig, ins Tagebuch zu schreiben:

"Am Ende des Briefes schrieb ich von dem Glück, wenn es ein Wiedersehn nach dem Kriege geben könnte. Ich weiß, daß ich damals schon empfand, ich hätte das nicht schreiben sollen, es war etwas zu weich Menschliches, zu weich Machendes."

So ist sie hin- und hergerissen. Eine unbändige Friedenssehnsucht hat sie und viele, viele Menschen in Deutschland ergriffen. Für Frieden zu sein, mit dem Völkermorden aufzuhören, wer könnte dagegen etwas einwenden, es zeichnet den Gutmenschen ja geradezu aus. Wer will nicht Frieden?

Bei einem Vortragsabend erlebt sie die große Schauspielerin Durieux, die eine Geschichte von Leonhard Frank vorliest, in der geschildert wird, wie eine sozialdemokratische Versammlung auf die Straße geht und anwächst, ein "enormes Volksgetöse" entsteht, Glocken läuten und "Frieden! Frieden! Frieden!" gerufen wird. "Es war gar nicht zum Aushalten. Als sie aufhörte, rief eine Männerstimme immer laut weiter: "Frieden! Frieden!" - es soll Blochs Bruder gewesen sein."

Käthe Kollwitz denkt daran, "ob ich nicht auch etwas zur Friedenspropaganda beisteuern könnte, indem ich Flugblätter zeichnete, die im Volk verbreitet würden."
So wird das Tagebuch der Käthe Kollwitz geradezu zu einem Geschichts-Dokument für den "Dolchstoß", der nach dem Krieg zur "Legende" erklärt wurde. Im Felde steht das deutsche Heer, auch schon beeinflußt von der Stimmung in der Heimat, Drückeberger und Deserteure lassen die Tapferen im Stich, und Hindenburg und Ludendorff hab nicht nur den "Titanenkampf ohnegleichen" gegen eine vielfache Übermacht von Feinden zu führen, sie müssen die Millionen widerstrebenden Deutschen mitziehen, die nur noch Frieden, Frieden um jeden Preis wollen, ja, sie müssen noch weitere junge Männer anfordern, um die gelichteten Reihen des kämpfenden Heeres aufzufüllen.

Wie unpopulär! Die Gutmenschen wollen Frieden, und sie rufen die Jugend zur "Schlachtbank", wie Käthe Kollwitz das nennt. Da ist doch klar ersichtlich, wo Moral und wo Verbrechen liegen! - Armes Volk, das keinen Überblick über seine Lage erhält, das sich nicht ausmalen kann, was auf es zukommt, wenn es den Krieg verliert, das anfängliche Einheitserleben verloren hat und auseinanderdriftet.

"In der Stadtbahn" hatte ein Freund schon ein Jahr vorher "Arbeiter untereinander vom ,Schlächtermeister'" sprechen hören. "Sie meinten Hindenburg. Der Oberschlächtermeister sei der deutsche Kaiser."

Die Vorgänge in Rußland - soweit sie davon erfährt - bewegen sie zutiefst: "Die revolutionären Sozialisten sind an der Regierung. Sie wollen Rußland sozialistisch-kommunistisch verwalten", frohlockt sie am 6. November 1917. "Max Wertheimer erwartet von Rußland aus ein Hinübergreifen auf ganz Europa in demselben Geiste. Er glaubt an eine gewaltige moralische Erhebung."

Während der Krieg in Deutschland nur "immer genommen und genommen" habe, "Menschen genommen und Glauben genommen, Hoffnung genommen. Kraft genommen", habe das Jahr 1917 "neue Ausblicke durch Rußland" gebracht. "Von da ist etwas Neues in die Welt gekommen, was mir entschieden vom Guten zu sein scheint. Eine neue Hoffnung, daß in der Entwicklung der Völker in der Politik nicht wie bis jetzt nur Macht entscheidet, sondern ,von nun an' auch die Gerechtigkeit mitwirken soll." Sie ahnt nicht, was diese Entwicklung außer der Zersetzung der deutschen Front noch weiter über die Menschen bringen wird!

Vorerst sieht sie nur das Elend der arbeitenden Massen, wie sie es in ihrem Zyklus "Bauernkrieg" schon vor dem Weltkrieg dargestellt hat und setzt auf die Revolution in Rußland ihre Hoffnung auf Besserung der Lage für die verelendeten Menschen. Es ist das gute Wollen, das sie leitet, das aber nicht gepaart ist mit politischem Wissen und dem Erkennen des feindlichen Vernichtungswillens.

Der jüdische Schwager Stern und die Schwester von Käthe Kollwitz halten das Friedensangebot an Rußland ohne Gebietsansprüche Deutschlands "für ein Scheinmanöver und meinen, daß Deutschland Rußland übers Ohr haut, weil Rußland sich nicht wehren kann." Und wenige Tage später muß sie erfahren: "Der Frieden mit Rußland, der so nah schien, ist wieder weit weg. Die Russen sagen, daß ,der annektionslose Frieden' Deutschlands Maske war, in Wahrheit wolle Deutschland annektieren. Und ich fürchte, sie haben recht. Es ist so furchtbar deprimierend und beschämend."

Daß es Trotzki war, der diesen Frieden mit seiner Verzögerungstaktik untergrub, wußte sie sicher nicht. Trotzki "verkündete seine bolschewistischen Ideen durch seine Funksprüche der Welt und namentlich der deutschen Arbeiterschaft", schreibt Erich Ludendorff dazu in seinen Kriegserinnerungen. "Die Absicht des Bolschewismus, uns zu revolutionieren und Deutschland so zu Fall zu bringen, wurde für jeden nicht vollständig Blinden immer klarer."

Und etwas weiter unten schreibt Ludendorff: "Am 18. Januar fuhr Trotzki nach Petersburg, wo die Bolschewisten die Konstituante [die verfassunggebende Versammlung] auseinandertrieben. Sie gaben damit der Welt kund, wie sie die Volksfreiheit auffaßten. Der Deutsche wollte aber nicht sehen und nicht lernen."
Am 30. Januar 1918 schreibt Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch: "Seit 3 Tagen Streik der Munitionsarbeiter. ,Frieden - Freiheit - Brot'. Heut ging ein großer Zug vom Bülowplatz aus, wo Schutzleute räumten, durch die Prenzlauer Allee."

2 Tage drauf: "An den Anschlagsäulen die Bekanntmachung, daß über Berlin und Vororte der verschärfte Belagerungszustand verhängt ist und ... morgen in Kraft tritt. ... mit Sterns und Wertheimer schönes Zusammensein ... Wertheimer ganz lustig. Sagt er wisse aus guter Quelle, daß in London der Generalstreik bevorsteht und in Paris ebenfalls gestreikt wird."

"Am Sonntag 3. März 1918 ist in Brest-Litowsk der Frieden mit Rußland unterzeichnet. ... Ach, heut Frieden mit Rußland - was ist das doch für ein ruhiges beglückendes Gefühl, zu wissen im Osten ist Frieden. Und die Glücklichen, ach die Glücklichen, die jetzt ihre Geliebten aus der Gefangenschaft zurückbekommen."
Am 1. Juli überdenkt sie ihr bisheriges Leben: "Dann kam der Krieg. Das in die Höhegrissenwerden durch die Jungen. Das Opfer Peters. Mein Opfer Peters. Sein Opfertod. Und dann fiel ich auch. Fortgerissen noch durch ihn in Entwicklungen des Schmerzes und der Liebe, sank ich allmählich in dies Leben zurück. Es blieb Schmerz um ihn ...

Ich geh im Halbdunkel, nur selten Sterne, die Sonne lange und ganz untergegangen. Die Füße sind müde und die Glieder schwer und der Kopf hebt sich nicht hoch. Ich hab gemeint und auch daran geglaubt, daß die Zeit von 1914 bis jetzt mich läutern würde. Der Schmerz hat Müdigkeit zurückgelassen. Es ist ja auch nicht allein der Peter. Es ist der Krieg, der einen bis auf den Boden drückt."

Die Lage in der deutschen Heimat spitzt sich allmählich zu. Kollwitz berichtet Ende Juli von einem "außerordentlich interessanten Abend mit (dem Russen) Agaeff. Er ist bei der russischen Botschaft angestellt und erzählt", dort herrsche "fürchterlichste Unordnung", und es sei ein 17jähriger Schüler angestellt worden, "als Spitzel ... Der hat die Angestellten auf ihre antibolschewistischen Äußerungen zu bespitzeln. Stimmung gegen Bolschewismus und seinen Terror. Die Hinrichtung von 130 am Attentat auf Mirbach beteiligten Sozialrevolutionären - darunter die Spiridonowa - hat große Erregung geschaffen. Agaeff sagt, die Spiridonowa war wie eine Heilige in Rußland verehrt. Unter dem Zarismus hat man nicht gewagt sie beiseite zu bringen, die Bolschewisten tun es auf deutschen Befehl. ... Übrigens sagt er, daß auf der Botschaft nur 4 Russen seien, sonst alles russische Juden."

Im Oktober geht es Schlag auf Schlag: "Furchtbar drückende Atmosphäre in der Politik. Niederlagen an der Westfront. Warnung an den Litfaßsäulen vor Verbreitung von niederdrückenden Gerüchten."

Und nun ist es auch mit ihrer Hoffnung auf Moral, die aus Rußland kommen würde, vorbei. "Die fürchterlichsten Zustände in Rußland ... Radeks Plan zur Ausrottung der Bourgeoisie. ... Eintritt der Sozialdemokratie in die Regierung. Deutschland wird parlamentarisch. Es will Demokratie werden. Was wird mit dem Kaiser werden? Wird die Entente verhandeln, solange er Kaiser ist? Wird, wenn seine Absetzung Bedingung wird, das Volk ihn fallenlassen? ... Droht Deutschland eine ähnliche anarchistische Zukunft wie Rußland? Mein Gott, diese Zeit." Eine Ahnung des kommenden Unglücks steigt also in ihr auf, wechselt mit Hoffnung:

"Alles flutet. Unser Kriegsunglück kann neues Leben für Deutschland bedeuten. Als ich heut hörte, daß Legien, Ebert in die Regierung eintreten, hatte ich ein ungeheures Freudegefühl. Aber selbst wenn die Sozialdemokratie das Staatsschiff glücklich zu lenken imstande wäre: Es bleibt dabei, daß Deutschland den Krieg verliert und schweres langes Besiegtenleiden zu tragen haben wird. Geht all das Leiden, das noch kommt und das aus seiner Niederlage kommen wird, über das Leiden dieser 4 Kriegsjahre heraus?"

10.07.2015 © seit 10.2006 Heidrun Beißwenger
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