Käthe Kollwitz - Kunstschaffende zwischen Mutterliebe und dem "Geheimnisvollen, Anderen"

Teaser: Die berühmte Graphikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz lebte von 1867 bis 1945. In einem biographischen Stil wird ein wichtiger Ausschnitt - um die Zeit des 1.Weltkriegs - der berühmten Künstlerin näher beleuchtet. Lesen Sie mehr über die Visionen, Schlüsselerlebnisse und dramatischen Wendungen, welche die Küntlerin bewegten.

Das Jahr 2005 war das 60. Todesjahr von Käthe Kollwitz. Das gesamte Leben und Schaffen dieser Künstlerin aufzuarbeiten, würde den Rahmen eines Aufsatzes sprengen. Ich will mich darauf beschränken, an ihrem Beispiel aufzuzeigen, was sich im 1. Weltkrieg sowie am seinem Anfang und Ende in der deutschen Heimat, namentlich in Berlin, abspielte.

"Noch einmal eine solche Zeit durchleben - glaub ich - könnt ich nicht mehr. Dies eine Mal hab ich sie durchlebt, aber unter was für Qualen ...!" schreibt Käthe Kollwitz im Februar 1925 in ihr Tagebuch. Sie denkt dabei an die Zeit des 1. Weltkrieges zurück.

deutsche KünstlerinWer war Käthe Kollwitz, von der die berühmte Plastik der "Pietà" in der "Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" in der "Neuen Wache" Unter den Linden in Berlin aufgestellt ist und eine Nachbildung davon auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch?

Die Plastik stellt eine Mutter mit ihrem toten Sohn dar, der gleichsam in ihren Schoß zurückgekehrt ist. Tatsächlich dargestellt sind Käthe Kollwitz und ihr Sohn Peter, der am 2. Tag, nachdem er als Kriegsfreiwilliger in Flandern an die Front gekommen war, am 22. Oktober 1914 mit 18 Jahren den Tod fand.

"Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es", hatte Peter im August 1914, gleich nach Kriegsbeginn also, zu seinen Eltern gesagt und seine Mutter, Käthe Kollwitz, daran erinnert: "Mutter, als Du mich umarmtest, sagtest du: "glaube nicht, daß ich feige bin, wir sind bereit" ... Ich stehe auf", schreibt sie, "Peter folgt mir, wir stehen an der Türe und umarmen uns und küssen uns und ich bitte Karl" - ihren Mann - "für Peter", der ja noch nicht mündig ist, sich unbedingt als Kriegsfreiwilliger melden will und dazu die Erlaubnis der Eltern braucht. "Diese einzige Stunde. Dieses Opfer, zu dem er mich hinriß und zu dem wir Karl hinrissen."

Mit dem Kassenarzt Karl Kollwitz ist die Künstlerin Käthe geb. Schmidt seit 1891 verheiratet. Beide waren Sozialdemokraten. Sie wohnten und arbeiteten in Berlin-Spandau in einem mehrstöckigen Haus, in dem sie zeitweilig ein halbes Stockwerk, zeitweilig 3 Stockwerke zur Unterbringung der Arztpraxis und der Künstlerwerkstatt gemietet hatten. Karl starb darin 1940, Käthe zog 1943 kurz vor der Zerbombung des Hauses zu einer Nichte nach Moritzburg bei Dresden. 52 Jahre lang war die Nummer 25 in der Weißenburger Straße am Wörther Platz ihr Zuhause gewesen.

Käthe war 1867 in Königsberg/Preußen schon in ein sozialdemokratisch eingestelltes Elternhaus geboren worden. Das hat sie geprägt.

Nun aber hatte es geheißen: "Drohende Kriegsgefahr", und das Volk stand zusammen, gleich, ob Sozialdemokrat, Katholik, Protestant, Atheist, bereit, für den Erhalt des Vaterlandes einzustehen.

Die Familie sitzt mit jungen Freunden und Freundinnen noch zusammen, sie lesen "eine Kriegsnovelle von Lilienkron" und sind "nach dem Lesen alle ganz stumm. Dann singen sie ... Die Männer, die in den Krieg gehen, hinterlassen meist Frau und Kinder", schreibt Käthe Kollwitz weiter am 13. August 1914. "Ihr Herz ist geteilt. Die Jungen sind in ihrem Herzen ungeteilt. Sie geben sich mit Jauchzen, sie geben sich wie eine reine schlackenlose Flamme, die steil zum Himmel steigt. - Diese an diesem Abend zu sehn, ... ist mir sehr weh und auch wunder-wunderschön."

Dies "Wunder-Wunderschöne", das sie alle erfüllt und emporhebt, ist dies "ganz Geheimnisvolle, Andere", wie sie schreibt, "was durch Peter sprach und das eben das eine einzige Mal in meinem Leben war" - offenbar das Einheitserleben des bedrohten Volkes, das das ganze deutsche Volk bei Ausbruch des 1. Weltkrieges ergriff, das die jungen Männer drängte, sich freiwillig zum Heer zu melden, und die Angehörigen bereit fand, ihre Söhne, Brüder und Ehemänner in den Krieg ziehen zu lassen.

Doch schon Ende August 1914 schreibt Käthe Kollwitz ins Tagebuch:

"In dem heroisch Starrenden dieser Kriegszeit, in dem fast widernatürlich heraufgeschraubten Seelenzustand berührt es wie himmlische Klänge, süß weinende Friedensklänge, wenn man liest, daß französische Soldaten verwundete deutsche Soldaten schonen, ja, ihnen helfen, daß deutsche Soldaten in den Franctireurdörfern an Häusern Aufschriften machen wie: "schonen! hier wohnt alte Frau - haben mir Gutes erwiesen - nur alte Leute - Wöchnerin - usw."

Der Sedan-Jubel am 1. September 1914 unter den Linden widert sie an, "diese oberflächliche Jubelstimmung, die so schlecht paßt zu den grausamen Schlachten an beiden Grenzen, zu all dem Scheußlichen und Barbarischen, das man aus Ostpreußen und Belgien hört ..."

Dann wieder sieht sie am Bahnhof einen jungen Offizier, "ganz jung, rosiges Gesicht, wie alle ausziehenden Soldaten in dieser heiteren selbstverständlichen Ruhe." Und einer der jungen Freunde ihrer beiden Söhne, der sie Ende September auf Urlaub besucht, sei "noch etwas wie ein Knabe. Noch ganz der unverdünnte herrliche Idealismus der ersten Wochen. Mit einem Wiederkommen rechnet er nicht, will er kaum, dann wäre die Gabe verkürzt. Opfer kann man das kaum nennen, ein Opfer setzt Überwindung voraus. Dies ist eben ein strahlend stolzes Darbieten des Lebens."

So hört sich der Erlebnis-Bericht einer Sozialdemokratin des Jahres 1914 an. Eine spätere, nicht dabeigewesene Linke sollte dann meinen, dieses "strahlend stolze Darbieten des Lebens" als törichte Kriegsbegeisterung verächtlich machen zu müssen.

Wenige Tage später notiert sie, und der mütterliche Wille, die Kinder vor Todesgefahren zu bewahren, ist wohl treibende Kraft: "Das Ganze nur so wüst und hirnverbrannt. Mitunter den dummen Gedanken: sie werden in einem solchen Tollwerden doch nicht mittun - und sofort, wie ein kalter Strahl: sie müssen, müssen. Alles ist gleich vor dem Tod, runter mit all der Jugend. Dann könnte man verzweifeln. Nur ein Zustand macht alles erträglich: die Aufnahme des Opfers in den Willen. Aber wie kann man diesen Zustand sich erhalten?"

Am 12. Oktober 1914 besucht sie ihren Sohn Peter an seinem Ausbildungsstandort und nimmt Abschied von ihm, "den wirklich letzten. Wir küssen uns und sagen uns, wie lieb wir uns haben, und er sagt, er kommt sicher wieder. Du geliebter, geliebter Junge." 10 Tage später ist er tot.

Ihr Sohn Hans ist als junger Mediziner in der Etappe und ist damit unzufrieden. "Wenn ich nun aber überzeugt bin, daß ich nachher nur etwas leisten kann, wenn ich durch den Krieg gegangen bin?" Ich sage: "Gehst du nicht durch den Krieg, ob du Kranke verbindest oder an der Front stehst? Sind Karl und ich nicht hundertmal mehr durch den Krieg gegangen als manche, die von Granaten umflogen sind?"

"Mein Vaterland zu lieben auf meine Art ... und diese Liebe zu betätigen. Auf die Jugend zu sehn und ihr liebevoll treu zu bleiben", das ist das Wollen der Käthe Kollwitz, wie sie es am Jahresende 1914 ins Tagebuch schreibt, als sie ihren Sohn schon verloren hat.

Doch dann wieder: "Ein Kind gebären und groß zu ziehn und nach achtzehn köstlichen Jahren zu sehen, wie alle Anlagen sich entfalten, wie reich der Baum Frucht tragen will - und dann aus." 1917 kann sie nur noch die zu Boden herabgedrückten Eltern sehen.

"Ich habe eine Arbeit im Sinn, Peter zu Ehren." Um dessen Form ringt sie jahrelang. Nach 4 Jahren, 1919, läßt sie sie erst einmal ruhen. Nach weiteren 5 Jahren geht sie wieder daran, mit vielen Depressionsphasen begleitet, und erst nochmals 7 Jahre später ist das Mahnmal "Die Eltern" vollendet und wird 1932, ein Jahr bevor Hitler an die Macht kommt, auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Roggevelde nahe Dixmuiden in Flandern aufgestellt, dort, wo auch ihr Sohn Peter ruht.

"Nun dauert der Krieg zwei Jahre, und fünf Millionen junge Männer sind tot, und mehr als nochmal soviel Menschen sind unglücklich geworden und zerstört, gibt es noch irgendetwas, was das rechtfertigt?" Zweifel nagen immer stärker an ihrer Seele, das eigene Denken sucht nach Klarheit. "Ich bin zerschlissen" - und sie fürchtet, daß sie ihre Kraft verliert, in der Kunst solche Gegensätze "zusammenzufassen" wie Mutterliebe einerseits und Pflicht zur Geschlossenheit des Volkes in seinem schweren Abwehrringen andererseits.

Das Empfinden "von der Mobilmachung an bis zu Peters Tod und dann nachglänzend durch zwei Jahre in seinen Freunden", "das ist jetzt (Oktober 1916) beschlossen. Ist vorüber." Was jetzt in ihr lebt, das will sie durch ihre Kunst bezeugen. "Aber Zeugen jener Zeit?" fragt sie. "Das ganz Geheimnisvolle, Andere, was durch Peter sprach und das eben das eine einzige Mal in meinem Leben war", das sei nun vorüber, das kann sie wohl nicht mehr bezeugen.

"Das ganz Geheimnisvolle, Andere", dieses "geheimnisvoll Glänzende", wie sie jenes Einheitserleben des Volkes auch nennt, ist 1916 in Käthe Kollwitz erloschen, hat sich in ihrer Seele über die lange Zeit nicht aufrechterhalten. Und sie spricht hier wohl nicht nur für sich, sondern für viele. Der Mutter Käthe Kollwitz steht das Hinopfern von Abermillionen von jungen Menschen nun in keinem Verhältnis mehr zu dem Ziel, das Volk zu verteidigen.

10.07.2015 © seit 10.2006 Heidrun Beißwenger
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