Papstrede und Glaubensstreit - oder die Kunst auf Mißverständnissen zu beharren ...

Teaser: Der islamische Aufruhr nach der Papstrede ist nur eines von vielen Zeichen, die uns zeigen können, daß es im interreligiösen Dialog zwischen dem Islam und den Christen nicht um gegenseitiges Verständnis, sondern um gezieltes "Mißverstehen" geht. Doch unsere abendländische Kultur steht noch auf jungen "freiheitlichen" Füßen. Fragen Sie sich selbst, wann wir anfangen müssen für den Erhalt unsere Werte zu kämpfen.

Schienen die Wogen der Aufregung über die Auslassungen des Papstes, die die islamische Welt verärgerten, schon fast geglättet, so meldet dpa am 2.10.06 im Gegensatz dazu, die "Nummer zwei hinter Bin Laden im Terrornetzwerk" El Kaida, Al-Sawahiri, habe in einem Video-Film zum "Heiligen Krieg" aufgerufen, der die Antwort auf die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. sein solle.

Dieser Hochstapler hat die rote Linie überschritten, als er sagte, daß sich der Islam nicht mit der Vernunft vereinbaren ließe", nimmt der Mullah kein Blatt vor den Mund und zahlt mit gleicher Münze zurück: "Dieser Mensch mit paradoxen Ansichten tut so, als hätte er vergessen, daß sein Christentum von einem gesunden Verstand nicht begriffen werden kann."

Der Papst hatte - offenbar wieder in die Rolle des Theologie-Professors Joseph Ratzinger geschlüpft - am 12. September in Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos angeführt, der vor 600 Jahren einen persisch-moslemischen Theologen gesprächsweise aufgefordert haben soll:

"Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Der Papst nannte dies eine "erstaunlich schroffe" Art, die Frage nach dem "Verhältnis von Religion und Gewalt" zu stellen, wobei er auch auf die "Bestimmungen über den heiligen Krieg" zu sprechen kam, die im Koran niedergelegt sind. Zugleich drückte er seine Freude über den Segen der Aufklärung aus, die das Abendland aus seinem Aberglauben herausgeführt habe.

Was in der ganzen Auseinandersetzung ausgespart bleibt, ist die Tatsache, daß auch die Bibel Anweisungen zu gewaltsamer Glaubensausbreitung enthält. Selbst Jesus fordert: "Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir." Und welche kriegerisch-blutigen Untaten gegen die Gojim-Völker erlaubt Jahweh seinem "auserwählten Volk"! Die Vergangenheit des Christentums unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von den Erscheinungen des Islam. Feuer und Schwert, Unterdrückung, Menschenschändung und Völkermord sind die Markenzeichen christlicher Herrschaft im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein. Und auch die Gewaltpolitik Israels, seit seinem Bestehen bis heute, erinnert stark an die Verheißungen Jahwehs.

Ein Muslime, Mohamed Laabdallaoui, erinnert daran und hält dem Westen den Spiegel vor: "Der Islam ist in der Vorstellung eines großen Teils des europäischen Geistes dem "dunklen" mittelalterlichen Christentum verblüffend ähnlich: Der Islam als das dunkle Alterego der eigenen Vergangenheit. Warum also das eigene Problem über den Umweg der fernen Geschichte angehen, wenn es sich doch an einem gegenwärtigen Phänomen anschaulich darstellen läßt?"

Indessen wird - wie nach den Karikaturen in dänischen Zeitungen - fleißig aufgewiegelt:

  • 500 Teilnehmer der Demonstration im südirakischen Basra verbrannten die deutsche Fahne. In diesem Fall ist das an sich überstaatliche Oberhaupt der katholischen Kirche Deutscher!
  • Irans Religionsführer Ayatollah Ali Chamenei behauptet, die Papstworte seien das "letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug", womit er offensichtlich unterstellt, daß der Papst mit der Bush-Regierung unter einer Decke steckt.
  • In einer möglicherweise von El Kaida stammenden Erklärung im Weltnetz heißt es: "Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage!"
  • Die Führung Irans und die palästinensische Hamas beharren auch nach den Erläuterungen des Papstes auf einer förmlichen Bitte um Entschuldigung, die der Papst aber verweigert.
  • Eine 65-jährige Nonne in Mogadischu wird gemeinsam mit ihrem Leibwächter auf offener Straße erschossen. "Es war wie eine Hinrichtung", sagte der Regionaldirektor der dortigen SOS-Kinderdörfer Willy Huber. Es gibt Vermutungen, daß die Mordtat durch die Papstrede ausgelöst wurde.
  • Auch in Indonesien brennen deutsche Fahnen, dazu ein Papstbild. Demonstranten rufen: "Kreuzigt den Papst!"
  • Im Nahen Osten werden Kirchen angegriffen.
  • Der Fraktionsvize der AKP im Parlament von Ankara Salih Kapusuz sagt dem Papst voraus, er werde wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingehen. Seit seinem Amtsantritt fache Benedikt den Streit gegen den Islam und den Propheten Mohammed an.
  • "Die Worte des Papstes töteten den Frieden", titelt die türkische Zeitung SABAH.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt den Papst in Schutz. "Wer den Papst kritisiert, verkennt die Intention seiner Rede", sagte sie der BILD-Zeitung. "Sie ist eine Einladung zum Dialog der Religionen, und der Papst hat sich ausdrücklich für diesen Dialog eingesetzt, den auch ich befürworte und für dringend notwendig halte."

Angesichts der dreieinhalb Millionen Muslime in Deutschland und der 20 Millionen in Europa geht daran in der Tat kein Weg mehr vorbei. Daß dabei die Religionsführer aller Seiten ihre Glaubensgrundlagen vorurteilslos und ohne Selbsttäuschung mit den Augen von Aufklärung und wahrer Gottschau untersuchen würden, bleibt allerdings ein hehres Wunschziel, auf dessen Erreichung wir bei der Unvollkommenheit des Menschen nicht zu hoffen brauchen.

So glaubt auch die Türkin mit deutschem Paß Lale Akgün, SPD-Abgeordnete und Islambeauftragte im Deutschen Bundestag, es sei dem Papst zwar eine "Herzensfrage", sich für den Dialog mit dem Islam einzusetzen, aber davon ausgehen, daß sein "wissenschaftlicher Text" von jedermann verstanden werde, könne er nicht, und: "wie wollen Sie Leute aufklären, die gar nicht aufgeklärt werden wollen?"

Auch Akgün glaubt, "alle Religionen müssen sich immer wieder selbstkritisch fragen: Wo stehen wir eigentlich, an welchem Punkt sind wir, welche Dinge in unserer Religion müssen eigentlich sich zeitgemäß anders darstellen?" Wie das Christentum, so ist offenbar nach Meinung von Akgün auch der Islam deutungsbedürftig, d.h. längst nicht mehr wörtlich hinnehmbar. Aber gerade "rückständige Menschen meinen, sie könnten die Deutungshoheit über den Islam haben und sie wüßten, was der richtige Islam ist", stellt sie bedauernd die Wirklichkeit im religiösen Leben heraus.

Sie hofft, "daß diejenigen, die eher gleichgültig der Religion gegenüberstehen, die sich eher auch vor Religion scheuen, … mit uns gemeinsam einen Islam in Europa entwickeln, der mit Demokratie kompatibel ist, mit Menschenrechten, mit Frauenrechten." Mit den eher Gleichgültigen meint sie wohl die Nichtfanatiker, die bereit sind, "auch andere Meinungen … stehen zu lassen", darunter sogar Kritik am Islam, für die ja heute noch Menschen durch alle Länder der Erde hindurch verfolgt und von selbsternannten "Richtern" der Scharia mit dem Tode bestraft, d. h. hingerichtet werden.

In diesem Sinne "warnte der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper vor zu hohen Erwartungen an den interreligiösen Dialog. Der Islam verstehe sich als dem Christentum überlegen und verhalte sich bisher nur dort tolerant, wo er in der Minderheit sei, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrats dem "Spiegel". "Wo er die Mehrheit hat, kennt er keine Religionsfreiheit in unserem Sinn."

"Lust am Beleidigtsein" titelt DIE ZEIT am 21.9.06 und zeigt, daß dieses Beleidigtsein Genugtuung herbeisehnt in Form eines neuen muslimischen Sturmes der Empörung gegen die "Erniedrigung durch die Arroganz der Zionisten und Kreuzfahrer". Unablässig bohrt die beleidigende Geschichte des abendländischen Glaubenskampfes gegen den Islam in der Erinnerung, die Geschichte der Kreuzzüge, der Kolonisation des Orients, der gewaltsamen Gründung Israels, der Überfälle der USA und Israels auf Palästina, Irak und Libanon, der einseitigen Unterstützung Israels durch den "Westen".

DIE ZEIT geht so weit zu vermuten, daß al-Qaida nach einem Ebenbild des "Universalschurken und Kreuzzüglers par excellence" Bush in Europa mit Eifer sucht und sich nun den Deutschen auf dem Papstthron ausgeguckt habe.

In der Auffassung, daß die Aufklärung mit ihrer Vernunft und Toleranz ein Segen für das Abendland war, stimmt Benedikt mit der großen Freiheitskämpferin unserer Zeit Ayaan Hirsi Ali überein, die sich aus ihren muslimisch-familiären Ketten geradezu todesmutig selbst befreit hat, nun aber in Europa vor ihren morderpichten Verfolgern keine Sekunde sicher und daher in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert ist. Hirsi Ali wünscht dem Islam ein gleiches Zeitalter der Aufklärung, wie das Abendland es erlebt hat.

Sie wirbt dafür, daß der Westen der moslemischen Welt gegenüber selbstbewußt auftritt. Denn sie sieht mit Sorge, wie er dieser Forderung seit Jahrzehnten entgegen handelt. Seit Jahrzehnten läßt Europa den massenhaften Zustrom von Muslimen und das Errichten von Tausenden von Moscheen als Knotenpunkte des islamistischen Netzwerkes zu, verschließt es die Augen vor der planmäßigen Arbeit der Mullahs zur Durchsetzung des Islam in der gesamten Welt und ist immer bereit, aus Angst vor moslemischer Empfindlichkeit einzuknicken.

Ermutigend aber ist, daß eine solche Freiheitskämpferin unserer Tage am 1. Oktober 2006 in Kassel durch einen "Bürgerpreis" geehrt wurde und Gelegenheit geboten bekam, in den Räumen des Südwestdeutschen Rundfunks mit der Schriftstellerin Thea Dorn ein öffentliches Gespräch zu führen. Sie stellte ihr neuestes Buch vor, eine Autobiographie. Den "Kampf der Kulturen" gebe es wirklich, sagte sie, "vor allem innerhalb der Familien." Sie sprach über Korruption und Tyrannei in der arabisch-islamischen Welt, über Scheindemokratien, die es nicht geschafft hätten, "Modelle für die Lösung von Konflikten" zu entwickeln und Wohlstand herbeizuführen. "Je korrupter eine Regierung ist, desto mehr Wert legt sie auf Religion und Tradition."

SPIEGEL-ONLINE meint, diese Aussagen paßten nicht "in das Gutmenschenschema von Opfern und Tätern". Nichts sei schlimmer als die "Opferhaltung", der viele Moslems anheim fallen, während die liberalen europäischen Länder alles Mögliche unternehmen, um den Moslems entgegenzukommen, habe Hirsi Ali geäußert. - Höchste Zeit, daß diese ihre Worte auch noch andern Völkern mit der gleichsam religiösen Abstempelung "Opfer" bzw. "Täter" ins Stammbuch geschrieben werden!
"Eines Tages wird Mohammed Liebe bedeuten und Allah die Vernunft verkörpern." Ein bemerkenswerter Satz, mit dem die Somalierin zeigt, daß selbst sie von liebgewordenen Kindheitssuggestionen noch nicht lassen will und bereit ist, Texte in ihrem Sinne umzudeuten.

"Es sind vor allem muslimische Frauen, die den langen Prozeß beschleunigen könnten", ist "man" bei SPIEGEL ONLINE überzeugt. "Muslima wie Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates und Necla Kelek" seien "die Avantgarde der Aufklärung und Emanzipation. Es waren Männer, die den Islam brutalisiert haben, und es werden Frauen sein, die ihn humanisieren werden."

Hochachtung gebührt dem außergewöhnlichen Mut der drei genannten starken Persönlichkeiten, zu denen aber u. a. auch die Teheraner Rechtsanwältin Shirin Ebadi genannt gehört, die vor der Revolution der Mullahs Gerichtspräsidentin von Teheran gewesen ist. Diese Frauen haben unter andauernder Gefahr für Leib und Leben die Freiheit gewagt, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern im Einsatz für alle Menschen.

An uns liegt es, sie nicht allein zu lassen, sondern ihren Freiheitskampf zu unterstützen und zu vertiefen und dabei auch die Gefahren nicht zu übersehen, die in der westlichen Welt u. a. durch die immer rascher wachsende Bewegung der Evangelikalen heraufziehen. Ihnen allen voran machen sich die Beter im Weißen Haus - Bush, Ashcroft und Genossen - daran, das Werk der Aufklärung zu vernichten und das Rad der Geschichte ins Mittelalter zurückzudrehen.

Die heute errungene Freiheit kann morgen schon wieder verschwunden sein, wenn wir nicht bereit sind, wachsam und tapfer für sie einzustehen, und nicht auf breiter Front anfangen, gründlich und eigenständig über die überlieferten Ideologien und ihr Verhältnis zur Wahrheit und Freiheit nachzudenken, entsprechende Entscheidungen für unser Leben zu treffen und vorurteilslos den Freiheitskämpferinnen und -kämpfern zur Seite zu stehen.

Und vergessen wir nicht: Wenige Jahrzehnte vor den heutigen Ereignissen hat der christliche Klerus dazu beigetragen, daß eine geniale deutsche Denkerin und Freiheitskämpferin wegen angeblichen "Religionsvergehens" - sprich Gefährdung des Christentums durch Aufklärung - vor ein deutsches Gericht gezerrt werden konnte: Mathilde Ludendorff.

Deren Philosophie stimmt mit dem Vernunfterkennen der Wissenschaft überein, macht sich andererseits nicht wie die Verfasser der abrahamitischen Weltreligionen schuldig, die Vernunftgrenzen zu überschreiten, wenn es um das Göttliche geht, muß daher nach wie vor nicht - wie die Religionen - umgedeutet werden und ist geeignet, den Menschen zu helfen, sich aus Verkennung und verzerrter Darstellung des Göttlichen selbst zu erlösen.

Damit wäre die Welt zugleich von ihren Glaubensgegensätzen erlöst, was allerdings eine Idealvorstellung ist, die bis ans Ende der Erdentage unverwirklicht bleiben wird. Doch - frei nach Goethe - sollten wir nicht nachlassen, uns "immer strebend zu bemühen".

06.02.2013 © seit 10.2006 Heidrun Beißwenger

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