Tschernobyl reloaded: Filmbericht zu "An einem Samstag"

Teaser: Spätestens seit Fukushima erinnern sich wieder einige Menschen an die gefährliche Geschichte der Atomkraft. In dem vorliegenden Film wird die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wieder neu in Szene gesetzt. Lesen Sie in dieser Filmkritik, was Sie von diesem Film erwarten können.

Seit März 2011 schaut die Welt sowohl fasziniert als auch schockiert ob der geschichtlichen Wiederholung auf Fukushima, Japan. Dort, wo das ansässige Kernkraftwerk aus der Folge von starken Erdbeben zerstört wurde, hatte man wie vor 25 Jahren die radioaktiv-gefährdete Umgebung zu spät evakuiert.

Hat man etwa nichts aus den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe gelernt? Was sich im Frühjahr 1986 in der Ukraine zugetragen hat, will die deutsch-russisch-ukrainische Koproduktion »An einem Samstag« beleuchten und kippt Benzin über die lodernden Flammen der weltweiten Atomdiskussionen.

Menschliches Versagen im AKW Tschernobyl

Am Samstag, den 26. April 1986 – an einem Feiertag – explodiert ein Reaktorblock des Kernkraftwerks Tschernobyl. Was bisher als die modernste und sicherste Technik der Welt galt, wendet sich nun als gefährlichste Waffe gegen ihre Erfinder, die Menschen. Im Film bekommt Valerij Kabysh, ein junger Parteifunktionär, Wind vom Unglück. Für ihn bricht eine Welt zusammen.

Als er herausfindet, wie weitreichend die Folgen sind, sieht er nur noch eine Rettung: Flucht, ganz weit weg vom Unglücksort. Doch das ist unter der damaligen Regierung der UdSSR kein leichtes Unterfangen. Um nicht als Revoluzzer verfolgt zu werden, behält er die noch verschwiegenen Informationen für sich und sucht unter Anstrengung seine Geliebte auf.

Das Paar will sofort auf den nächstbesten Zug springen, doch es kommt anders. Valerij hadert fortan mit seinen Prioritäten, und als er seine ehemaligen Bandkameraden auf einer Hochzeit einheimische Lieder spielen sieht, flammen alte Gefühle wieder auf. Das Chaos ist perfekt und die Flucht rückt immer mehr in den Hintergrund.

Eine verstörend, realistische Warnung

»An einem Samstag« ist kein abendfüllender Spielfilm à la Roland Emmerich, Michael Bay oder Steven Spielberg, der unterhält. Hier geht es um Leben und Tod, um Liebe und Freundschaft und Verrat, hier geht es um einen wahren Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit.

Ein so starkes und großes Thema filmisch zu inszenieren, ist ein schwerer Kraftakt, den man von Produktionen außerhalb Hollywoods selten erwartet. Doch der russische Regisseur und Drehbuchautor Alexander Mindadze hat jahrzehntelange Praxiserfahrung und erzählt eine Geschichte, in der die Menschen und ihre Gefühle die Hauptrollen spielen.

Es gibt keine großen Special-Effects, keine epochalen Dialoge. Die Handkamera führt das Kinopublikum durch eine aufwühlende Zeit. Die Wahl der technischen Ausrüstung ist so minimal wie genial: Der Zuschauer findet sich schnell in die Figuren ein, kann mit der Tragik der Handlung Hauptdarsteller Anton Shagin sofort nachempfinden. Lange Szenen, über mehrere Minuten ohne Schnitte, lassen den Film realistisch wirken.

Schicksal: Die Geschichte wiederholt sich

Alexander Mindadze bewegt sich auf der Route, die auch schon Andrey Tarkovskiy für seine Meisterwerke »Solaris« (1972) und »Stalker« (1979) ging. Psychische Anspannung in jeder Minute, die den Zuschauer einnimmt und selbst, nachdem sich der Vorhang schließt, nicht wieder loslässt.

Es scheint so etwas wie Schicksal zu sein, dass die Unglücke von Tschernobyl und Fukushima jeweils im Frühjahr stattgefunden haben (mit nur einem Monat Abstand). Es dürfte Alexander Mindadze schwer gefallen sein, 1986 nur zwei Tage nach dem ukrainischen Reaktorunfall seinen 37. Geburtstag zu feiern.

Das Startdatum von »An einem Samstag« ist daher ironisch perfekt gewählt. Ein wichtiger Film, der verstört und, ohne in Kitsch zu verfallen, auf emotionaler Ebene aufklärt.

»An einem Samstag«
Drama / 99 Minuten
Russland, BRD, Ukraine
Start: 21. April 2011

Weitere Informationen auf http://www.aneinemsamstag-derfilm.de

Thorsten Boose

10.09.2015 © seit 06.2011 Thorsten Boose  
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