Seite 4: Theorie: Gehirngerecht lernen und lehren - Kurs Teil 1

„Karten“ im Kopf

Das Lernen hinterlässt im menschlichen Gehirn messbare Spuren. Dabei spricht man von „Karten" (kortikale Karten) im Gehirn.

Karten im KopfDie Großhirnrinde (der Cortex) ist der wesentliche Ort dieser Repräsentationen. Aufgrund der Art, wie Neuronen im Cortex miteinander verschaltet sind, sind die dort eingehenden Signale nach Häufigkeit und Ähnlichkeit repräsentiert. Dies wird dann als kortikale Karte bezeichnet.

Die Bereiche der Körperoberfläche sind im Gehirn auf der kortikalen Karte sinnvoll angeordnet. Wichtige Bereiche der Körperoberfläche nehmen auf der Karte mehr Platz ein.

Da z.B. Hände, Lippen und Zunge für das Tasten sehr wichtig sind, nehmen sie auch sehr viel Platz auf dieser Karte ein.

Was heißt das nun für das Lernen?

Lernt jemand z.B. Geige spielen, so vergrößert sich dadurch, dass er mit der linken Hand immer wieder die Saite der Geige greift, jenes Areal in der Großhirnrinde, das für die Finger seiner linken Hand zuständig ist. Weiter wurde nachgewiesen, dass bei Musikern insgesamt die akustische Landkarte im Cortex etwa ein Viertel größer ist, als bei Nichtmusikern - immer vorausgesetzt, das Musizieren beginnt in der Kindheit und es wird viel geübt.

Lernen im Schlaf

Die entzauberte Nacht oder Lernen im Schlaf

Wer sein Englisch-Buch unter das Kopfpolster legt, hat zwar hart geschlafen, aber nicht mehr gelernt. Doch neu Gelerntes überschlafen, kann durchaus sinnvoll sein. Denn wir brauchen den Schlaf, um Erlerntes dauerhaft im Gedächtnis zu speichern.

Lernen im SchlafDie Frage, wie das Gehirn Erinnerungen speichert, ist nach wie vor nur in Ansätzen geklärt. Viele Hirnforscher halten die Konsolidierungstheorie für den bislang besten Erklärungsansatz. Diese Theorie besagt, dass frische Eindrücke zuerst im Hippocampus als Kurzzeitgedächtnis abgelegt werden. Der Hippocampus ist dabei unentbehrlich. Im Hippocampus werden sämtliche am Tag gesammelten Eindrücke, Erlebnisse, Informationen - z.B. Lerninhalte - erst einmal „zwischengespeichert".

Da der Hippocampus aber nur eine begrenzte Kapazität besitzt, müssen diese Informationen in die Großhirnrinde (den Sitz des Langzeitgedächtnisses) überspielt werden. Dort werden sie mit bereits vorhandenen Inhalten verknüpft und dauerhaft „gespeichert". Dieser Prozess der Gedächtniskonsolidierung findet vor allem im Schlaf statt.

Schlaf ist aber nicht gleich Schlaf

Schlaf ist kein gleichförmiger Vorgang. Wir durchlaufen abwechselnd unterschiedliche Phasen. Wichtig sind die Tiefschlafphase und die Traumphase (REM-Phase). Man geht heute davon aus, dass im Tiefschlaf die „Verschiebearbeit" vom Hippocampus in die Großhirnrinde erfolgt. Das Ordnen, Sortieren und Strukturieren erfolgt dann in der REM-Phase. Auch Tageserlebnisse werden jetzt bewertet und unbewusst unseren Erfahrungen zugeordnet.

In der REM-Phase werden nicht nur neu aufgenommene Eindrücke verarbeitet, sondern auch jene, die schon länger zurückliegen. Wenn neue Inhalte hinzukommen, werden bestehende Strukturen im Gehirn verändert oder umorganisiert.

Was bedeutet das nun für das Lernen?

Wenn wir uns z.B. für eine Prüfung vorbereiten, ist es nicht ratsam die ganze Nacht vorher noch angestrengt zu lernen. Warum? Weil das unser Gehirn daran hindert, das Gelernte in der Nacht zu konsolidieren. Auch wer am Abend - nach dem Lernen - z.B. Computerspiele spielt, die ihn in den Bann ziehen, bei dem könnte viel von dem verdrängt werden, was er zuvor gelernt hat. Denn wir lernen erwiesenermaßen im Schlaf, möglicherweise aber das Falsche, wenn wir die aufregenden Computerspiele vor dem Einschlafen nicht vermeiden.

Das Wesentliche auf einen Blick:

  • Im Hippocampus werden sämtliche am Tag gesammelten Eindrücke, Erlebnisse, Informationen - z.B. Lerninhalte - „zwischengespeichert".
  • Da der Hippocampus nur eine begrenzte Kapazität besitzt, werden diese Informationen in die Großhirnrinde überspielt.
  • Dieser Prozess der Gedächtniskonsolidierung findet vor allem im Schlaf statt.
  • Im Tiefschlaf findet die „Verschiebearbeit" vom Hippocampus in die Großhirnrinde statt.
  • Das Ordnen, Sortieren und Strukturieren erfolgt in der REM-Phase.

Übung zum Erinnern des Inhalts

Versuchen Sie folgende Fragen aus dem Gedächtnis zu beantworten und schreiben Sie die Antworten auf einen Zettel:

  • Was versteht man unter „kortikalen Karten“?
  • Welche Bedeutung hat der Schlaf beim Lernen?

Vergleichen Sie Ihre Antworten mit dem Inhalt von dieser bzw. der letzten Lektion. Dann bekommen Sie ein Feedback, inwieweit Sie den Inhalt schon memorieren.

Aufmerksamkeit lenken ...

Im Scheinwerfer der Aufmerksamkeit

KonzentrationStändig empfangen unsere Sinnesorgane eine große Menge an Informationen. Das Gehirn koordiniert diese nun so, dass nur die gewünschten und benötigten Informationen in das Bewusstsein gelangen. Unbedeutende Reize werden „automatisch aussortiert" und gelangen gar nicht erst zur Verarbeitung ins Gehirn.

Im Unterschied zur allgemeinen Vorstellung von Aufmerksamkeit (Hinwendung zu einem Gegenstand) unterscheidet die Wissenschaft zwei Aspekte:

  • Zum einen die allgemeine Wachheit,
  • zum anderen die selektive Aufmerksamkeit.

Das bedeutet eine klare Zuwendung zu einer Sache und dem gleichzeitigen Ausblenden von anderen Sachverhalten. Beides ist notwendig, damit Lernen funktioniert. Die selektive Aufmerksamkeit bewirkt eine Aktivierung genau derjenigen Gehirnareale, welche die aufmerksam wahrgenommenen Informationen verarbeiten.

Wenn man von der selektiven Aufmerksamkeit spricht, dann könnte der Eindruck entstehen, als gäbe es im Gehirn gewissermaßen ein Entscheidungszentrum, also einen Bereich, der Aufmerksamkeit steuert. Für Aufmerksamkeit gibt es keine zentrale Instanz.

Was als Steuerung erscheint, ist die Folge des Wettbewerbs einer Vielfalt von Eindrücken, die alle zum Zuge kommen wollen. Der jeweils stärkste Reiz, das Interessanteste gewinnt dann auf Kosten aller anderen. Unsere Aufmerksamkeit wendet sich automatisch den Ereignissen zu, die zur höchsten Erregung führen.

Was bedeutet das für das Lernen?

Das Interessanteste gewinnt. Unsere Aufmerksamkeit wendet sich den Ereignissen zu, die zur höchsten Erregung führen. Aufmerksamkeit kann auch durch Bewegung gesteigert werden. Eine Erklärung für die Steigerung der Aufmerksamkeit durch Bewegung kann in der Förderung der Durchblutung des Gehirns liegen. Bewegung regt allgemein den Stoffwechsel an und nimmt außerdem Einfluss auf die Aktivität der Neurotransmitter.

Durch Bewegung werden hormonelle Prozesse beeinflusst, die zum Abbau von Stress und zu einer Steigerung des psychischen und geistigen Wohlbefindens führen.

Das Wesentliche auf einen Blick

  • Unsere Sinnesorgane empfangen ständig eine große Menge an Informationen. Das Gehirn koordiniert diese so, dass nur die gewünschten und benötigten
    Informationen in das Bewusstsein gelangen.
  • Unbedeutende Reize werden „automatisch aussortiert" und gelangen gar nicht erst zur Verarbeitung ins Gehirn.
  • Was als Steuerung erscheint, ist die Folge des Wettbewerbs einer Vielfalt von Eindrücken, die alle zum Zuge kommen wollen.
  • Der stärkste Reiz, das Interessanteste gewinnt.

Damit wären wir mit der Theorie zum Thema "Gehirngerecht lernen und lehren" am Ende. Im zweiten Teil dieser Kursreihe werden wir uns dann der Praxis widmen und beschreiben, wie man diese Theorieelemente anwenden kann.

Viel Erfolg beim Lernen!

17.04.2017 © seit 04.2007 Peter Schipek - Gerhild Löchli  
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