Seite 3: Theorie: Gehirngerecht lernen und lehren - Kurs Teil 1

So lernt das Gehirn

Amygdala

Sie ist etwa so groß wie eine Mandel und ebenso geformt. Daher trägt sie den gelehrten griechischen Namen: Amygdala - Mandelkern. Die Amygdala liegt etwa in der Mitte unseres Kopfes und ist mit zwei Exemplaren vertreten. Alles, was unsere Augen, Ohren und die anderen Sinne aufnehmen, wird an die Wahrnehmungsareale des Gehirns weitergeleitet.

Von diesen Arealen geht alles zur Amygdala und wird von ihr streng geprüft. Nähert sich Unheil oder eine Gefahr, wird sofort die Abwehr mobilisiert. So ist die Amygdala eine sehr empfindliche „Alarmanlage“. Bei Gefahr geraten wir in Erregung, springen zurück oder schlagen blitzschnell zu.

Amygdala - und die Angst lernt mit

Angst ist ein normaler und notwendiger Teil unseres Lebens. Viele Situationen, in denen wir Angst verspüren, werden im Laufe unseres Lebens erlernt, aber Angst kann auch von Nachteil sein. Heute wissen wir aus der Hirnforschung, dass Angst Kreativität ausschließt. Beim Lernen „unter Angst“ lernen wir die Angst gleich mit.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass unbewusste Erinnerungen auch direkt in der Amygdala gespeichert werden können. Werden also unbewusste Erinnerungen wachgerufen, so stellt die Amygdala den Körperzustand wieder her, wie er beim Speichern des ursprünglichen Erlebnisses geherrscht hat (Herzklopfen, schwitzende Hände, schneller Atem usw.).

Was bedeutet das nun für das Lernen?

Angst beim LernenBeim Lernen muss eines stimmen: die emotionale Atmosphäre. Denn negative Emotionen aktivieren den Mandelkern und blockieren den Lernprozess. Wir wissen damit nicht nur, dass Lernen in guter Stimmung und mit Freude am besten funktioniert - wir wissen jetzt auch, warum Lernen in dieser Atmosphäre erfolgen soll. Nur so kann nämlich das Gelernte auch später zum Problemlösen verwendet werden.

Angst hat beim Lernen also nichts zu suchen - schon gar nicht in der Schule.

Übung zum Erinnern des Inhalts

Beschreiben Sie die Funktionen der Amygdala beim Lernen aus dem Gedächtnis und vergleichen Sie Ihre Notizen mit dieser Lektion. An welche Erkenntnisse zum Thema Lernen & Angst können Sie sich noch erinnern?

Über TV und Videospiele

Übers Fernsehen zum Videospiel und wieder zurück ...

... oder die Auswirkungen von Fernsehen und Videospielen.

Kann man sich dumm und aggressiv spielen? Ja, lautet die Antwort. Besonders schlimme Auswirkungen hat das Spielen von gewalthaltigen Computerspielen
auf Kinder und Jugendliche, die stunden- und tagelang vor dem Computer sitzen. Untersuchungen von renommierten Hirnforschern stützen den Verdacht,
dass übermäßiges Videospielen erfolgreiches Lernen verhindert. Denn um neu Gelerntes nachhaltig zu „speichern“ benötigt das Gehirn mindesten 24 Stunden um das Gelernte zu verfestigen und es braucht auch Ruhe.

Videospiele Gehirn lernen Schule Games Der Alltag der Kinder und Jugendlichen sieht heute meist anders aus. Kaum zu Hause, wird der Fernseher angestellt oder am Computer gespielt. Dabei landen die Bilder des Films oder Computerspiels genau in denselben Gehirnarealen wie der „Lernstoff“.

Das Gelernte wird dann von der Flut der Film- und Spielreize überschwemmt. Wiederholt sich diese Reizüberflutung Tag für Tag, fallen die Leistungen beim Lernen sicher ab. Fernsehen und Computerspiele machen unsere Kinder dick, dumm und gewaltbereit.

Das ist auch die Hauptthese des Buchs »Vorsicht Bildschirm«, von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, das sich kritisch mit Fernsehen und Computerspielen auseinander setzt.

Betrachten wir das Thema ein wenig genauer:

Die Gewalt, die Kinder und Jugendliche durch den Fernseher erleben, ist schon hoch genug. Dieser Einfluss wird durch die Wirkung der Computerspiele noch übertroffen. Warum sind Computerspiele noch gefährlicher als Fernsehen? Der Unterschied zwischen Fernsehen und Computerspielen ist dramatisch. Im Fernsehen wird Gewalt konsumiert, in Computerspielen wird sie aktiv trainiert. Warum?

  • Durch Training entstehen neue neuronale Pfade, Verschaltungen zwischen Gehirnzellen, die bei ausgiebigem Gebrauch ausgetretenen „Pfaden“ gleichen und viel eher „begangen“ werden als ungewohnte Wege.
  • Dopamin wird als hirneigene Belohnungssubstanz beim Spielen von Gewaltvideos freigesetzt.

Entscheidend für die Bildung solcher stark gebahnter Nervenverschaltungen („Pfade“) ist nicht nur der Umstand, dass sie immer wieder auf die gleiche Weise trainiert werden. Damit aus den zu Beginn noch sehr feinen Vernetzungen immer stärkere Verschaltungen werden, muss neben der regelmäßigen Nutzung noch etwas Entscheidendes dazukommen: Ein Gefühl, eine emotionale Aktivierung im Gehirn. Es reicht jedoch nicht, dass es ein bisschen aufregend ist. Es muss eine bestimmte Stufe erreichen: Eben ganz besonders aufregend sein.

Für viele Menschen ist die Vorstellung einleuchtend, dass es die Computerspiele sind, die Kinder und Jugendliche gewaltbereit machen. Computerspiele sind es, die Lernstörungen hervorrufen usw.. Dass wir die Erklärung so einleuchtend finden, ist leicht verständlich. Je klarer wir die Ursache benennen, desto leichter lässt sie sich bekämpfen. Oder haben wir am Ende doch etwas übersehen? Sind wir auf der falschen Spur?

joystickWarum sind denn diese Computerspiele für Jugendliche so attraktiv?

Schauen wir uns die Computerspiele doch etwas genauer an. Was bieten sie? Es gibt aufregende Entdeckungen, Abenteuer, Gefahren, Bedrohungen und Ängste, die man überwinden kann. Es müssen klare Regeln vom Spieler befolgt werden, um ans Ziel zu kommen. Man muss selbstständige Entscheidungen treffen, man ist allein verantwortlich dafür, ob man das Spiel gewinnt oder verliert.

Man muss sich Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen. Es gilt Ziele zu erreichen und etwas zu leisten, auf das man stolz sein kann. Sind das etwa Inhalte, die wir Kindern und Jugendlichen nicht mehr ausreichend bieten?

Macht und Ohnmacht der Eltern – einfach abschalten?

Lösungen können weder durch gesetzliche Verbote der Spiele, Filmzensur oder „einfach abschalten“ erreicht werden. Eine Alternative ist, „Kinder- und Jugendschutz von innen“ durch Bildung und Aufklärung. Kinder müssen durch Bildung und Aufklärung lernen, selbständig zu beobachten, kritischer zu sehen und zu denken. Dann lassen sie sich nicht einfach kritiklos in die Bilderwelt des Fernsehens und der Computerspiele „hineinziehen“.

Dopamin – alles was uns Freude macht

Ob wir Freude haben, glücklich oder unglücklich sind, hängt von vier Botenstoffen ab. Vor allem Dopamin spielt bei Freude und beim Glücksgefühl eine zentrale Rolle. Dopamin wird im Gehirn in einem Bereich des Mittelhirns gebildet. Wenn diese Region besonders angesprochen wird, schütten die Nervenzellen dort den Botenstoff aus.

Freude am LernenOhne Dopamin (und andere Botenstoffe) kann unser Gehirn keine Informationen verarbeiten. Es macht die Zellen besonders sensibel für das Empfangen neuer Informationen. Dopamin führt auch dazu, dass Informationen besonders fest im Gedächtnis verankert und auch besonders gut wieder abgerufen werden können.

Hirnforscher nennen Dopamin deshalb auch einen „Modulator“ für das Lernen. Denn er wirkt beim Lernen wie ein Verstärker.

Auf einen bisher unbekannten und interessanten Zusammenhang des Dopamins sind Forscher in Magdeburg und London gestoßen. Sie haben Versuchspersonen beim Lernen von Vokabeln, Bilder von unbekannten Städten und Landschaften gezeigt. Nachdem diese Versuchspersonen die Bilder angesehen hatten, waren sie aufmerksamer und lernten besser.

Die Erklärung der Forscher: In neutralen Bildern sucht das Gehirn nach Belohnung und ist offener für Neues. Die unbekannten Bilder aktivieren das "Belohnungssystem" - Dopamin wird ausgeschüttet.

Was bedeutet das nun für das Lernen?

Die beste Lernsituation ist also jene, in der man interessante Entdeckungen macht, klare Ziele erreichen kann und Leistungen erzielt, auf die man stolz sein kann. Ist eine Aufgabe richtig gelöst, belohnt uns unser Gehirn mit Dopamin. Dopamin wird also bei Erfolg ausgeschüttet. So macht richtiges Lernen nicht nur schlau, sondern auch glücklich.

Übung zum Erinnern des Inhalts

Beschreiben Sie die Eigenschaften von Dopamin aus dem Gedächtnis und vergleichen Sie Ihre Notizen mit dieser Lektion.

17.04.2017 © seit 04.2007 Peter Schipek - Gerhild Löchli  
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