Seite 2: Problem Diagnose ADHS: Gefahren aus der Sicht von Kindern

Peter Schipek Immer mehr Kindern wird Ritalin® oder ein ähnliches Medikament verabreicht. Da kann das Kind kaum umhin, zu verstehen: "Erträglich bin ich nur, wenn ich Pillen schlucke."

Welche Therapiealternativen gibt es? Können nicht veränderte Lebensbedingungen und veränderte Beziehungen zu Menschen das Verhalten des Kindes günstig beeinflussen?

Waltraut Barnowski-Geiser Udo Baer und ich haben in unseren Arbeiten und Befragungen sehr gute Erfahrungen mit kreativen Verfahren gemacht. Eine Therapie, die über Worte hinausgeht, die Spielräume und Veränderung erfahrbar macht, eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sich der inneren Welt der Kinder zu nähern. Nach meinen Erfahrungen sind Musiktherapie und Beziehung ein unschlagbares Duo!

Natürlich eröffnen veränderte Lebensbedingungen und Beziehungen neue Chancen - Kinder erzählen in ihrem Verhalten auch etwas über die Erfahrungen, die sie alltäglich machen. Da besuche ich, auf Einladung verzweifelter Klassenlehrer als Schultherapeutin einen Jungen während seines Klassenunterrichts, der keine Sekunde aufhört, andere Kinder anzupacken - scheinbar ist er grenzenlos und „ärgert“ andere Kinder.

Tatsächlich greift er bei einer Mutter, die psychisch erkrankt ist, alltäglich ins Leere und sucht und sucht ... Die Lehrerin versucht ihn zu ignorieren – er greift nun zu aus tiefer Verzweiflung. Auch zeigte sich hier, wie so oft, dass es hilfreich ist, wenn mehrere Menschen mit den unterschiedlichen Teilsystemen der Familie arbeiten und multimodal angesetzt wird.

Dieser Junge, von dem ich gerade erzählte, brauchte neuartige Beziehungserfahrungen, mit greifbaren und präsenten Gegenübern – dies konnte zunächst die Therapeutin für ihn sein. Oftmals werden Beziehungskonflikte, wie im Beispiel eben in der Familie, aber auch in der Klasse, mit dem Lehrer zu einem Spannungspotenzial für Kinder, das sie ängstigt.

Bleiben diese Probleme unausgesprochen oder tabuisiert, versetzt es sie in höchste Erregung – sie werden sehr unruhig oder ziehen sich in sich zurück. Udo Baer und ich haben mit dem Semnoskonzept versucht, dem Individuellen und dem Würdigenden einen entsprechenden Platz zu geben. Kreative Therapie und Beziehung zeigte sich als unschlagbares Duo, das es zu nutzen gilt.

Eltern sind unersetzlich: Eltern, die den Kontaktfaden halten und sichern, haben die tägliche Chance der Veränderung. Manchmal brauchen sie darin Hilfe und Unterstützung, etwas, das sie als Kinder selber nicht erfahren haben. Eltern und Lehrer können würdigen und retten, aber auch beschämen, entwerten und vernichten. Das Kind nur als „hyperaktiv“ einzustufen, wird ihm wenig gerecht - es kann entwürdigend sein.

Peter Schipek Warum sprechen wir denn überhaupt von einem "aufmerksamkeitsgestörten" Kind, das doch in bestimmten Situationen sehr wohl über Aufmerksamkeitsfähigkeit verfügt?
Waltraut Barnowski-Geiser Aufmerksamkeit braucht Motivation und Richtung. Mir begegnen viele Kinder, die so voll sind mit Gefühlen und belastenden Erfahrungen, dass in ihrer Bewertung, dessen, was ihnen wichtig ist, etwas ganz anderes ihre Aufmerksamkeit findet als das, was der Lehrer gerade erzählt.

Sie benötigen vielleicht dringend gerade einen Freund, sind etwa Außenseiter in der Klasse. Das ist in ihrer subjektiven Bewertung vielleicht viel wichtiger, deshalb beschäftigen sie sich mit ihrem wichtigsten Bedürfnis - da interessiert der Lehrstoff wenig. Hier gilt es zunächst, die Ursache der fehlenden Aufmerksamkeit zu finden.

Und zugleich macht mich meine langjährige Erfahrung als Lehrerin wirklich demütig. In der Einzeltherapie spielt das Phänomen der fehlenden Aufmerksamkeit oft eine untergeordnete Rolle, da sie hier gut vorhanden ist, aber in einer Klasse mit 30 Kindern fordern die Kinder ohne Aufmerksamkeit in besonderem Maße heraus.

Sie können aufmerksam sein, wenn es sie interessiert, aber 90% eines Schulalltags sind es oftmals nicht. Das führt zu massiven sozialen Problemen mit anderen Kindern und Lehrern. Ich hatte schon Kinder in der Therapie, die geweint haben: Ich halte nicht aus, wenn ich neben dem hyperaktiven x sitzen muss. Es kommen zunehmend Lehrer in Therapie, die unter unruhigen Kindern leiden.

Auch diese Kinder und ihre Lehrer wollen ernst genommen werden. Ich denke, wir können nur helfen, indem wir dem Kind mit dem Aufmerksamkeitsproblem eine ihm gerechte Struktur anbieten und andererseits aufmerksam sind, was das Kind besonders bewegt, etwa in einer Einzelförderung oder in einer Therapie. Wir müssen Raum anbieten, in dem fehlende Aufmerksamkeit nachgeholt werden kann und Platz für die kindliche Seele ist.

Peter Schipek Ist nicht die Schule ein besonderes Risiko für die kindliche Entwicklung? Die Schule möchte ja nach wie vor ein "schulgerechtes" Kind, anstatt den Kindern eine "kindgerechte Schule" zu bieten.

Dazu möchte ich gerne für die Leser eine Antwort haben auf die letzte Frage in Ihrem Buch: "Mein Kind kommt in die Schule, was nun?"

Waltraut Barnowski-Geiser Gut - wie werden uns immer bewegen in einem Spannungsfeld zwischen Autonomie und Sozialisation. Da braucht es viel Fingerspitzengefühl und viel guten Willen auf allen Seiten. Sowohl Eltern müssen lernen, dass ein Kind nicht völlig „Sein Ding“, wie die Schüler es sagen würden, leben kann, aber auch Lehrerinnen und Lehrer müssen Kinder endlich als Menschen mit Leib und Seele begreifen und nicht als Lernmaschinen.

Kinder wollen als individuelle Wesen geachtet sein. Beziehungsarbeit von feinfühligen Pädagogen eröffnen große Chancen - sie setzt aber voraus, das Pädagoginnen nicht nur wissen, was ADHS ist, also kognitiv ein paar Fakten über das Krankheitsbild kennen, sondern sich in Kinder wirklich einfühlen können. Erst das macht Beziehung möglich: Einfühlung und Identifikation.

Das kommt in der Lehrerausbildung bislang kaum vor. Zudem braucht es in Schulen ein Zusammenwirken von Expertenteams, Kreativtherapeuten, Sozialarbeiter. Lehrer müssen Kindern in der Schule vor Ort ein schnell eingreifendes Netzwerk der Hilfe anbieten.

Ja, Schule, was nun? Nach Schulen und Institutionen suchen, in denen Beziehung und Würdigung einen hohen Stellenwert haben, in denen spürbar wird, dass den Erziehenden Kinder wirklich am Herzen liegen. Nur in einer Schule, in der sich ein Kind wohlfühlt, kann es angemessen lernen. Und dann braucht das Kind seine Eltern nun ganz besonders, als Begleiter und als Rückenstärker, aber auch als Übersetzer seiner Probleme an Lehrerinnen.

Peter Schipek Zum Schluss unseres Gespräches noch ein Satz eines Jungen aus Ihrem Buch: "Rettet den bedrohten Ole". Was sollen Eltern und Lehrer eines betroffenen Kindes beachten, bzw vermeiden?
Waltraut Barnowski-Geiser Mach ich es mal kurz und prägnant. Zu vermeiden - dreimal A:
  • Abstempeln
  • Allein lassen
  • Abwerten

Zu Beachten ist: Zuneigung und echtes Interesse zeigen, offene Ohren haben, besonders auch für den im Kind verborgenen Subtext, seine Innenwelt, ganz und gar da sein und immer wieder gut für sich selbst sorgen. Spannung und Druck abbauen hilft - auch den Kindern.

Peter Schipek Frau Dr. Barnowski-Geiser - herzlichen Dank für das interessante und ausführliche Gespräch.

© Peter Schipek – www.lernwelt.at

21.06.2012 © seit 05.2010 Peter Schipek  
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