Seite 5: Praxis: Gehirngerecht lernen und lehren - Kurs Teil 2

Wie Kinder lernen

Sie leiden weder an einem schlechten Gedächtnis, noch haben sie Probleme, Neues zu verarbeiten. Innerhalb kurzer Zeit lernen sie die Muttersprache. Sie besitzen die Fähigkeit, Laute zu hören und zu imitieren. Sie speichern die Laute und erkennen auch die grammatikalische Struktur. Welche Leistung dahinter steckt, wird deutlich, wenn Sie ein Grammatikbuch aufschlagen.

spielen und lernenDas, was darin steht, lernt ein Kind mühelos. Am besten lernen Kinder, wenn Lernen mit Spielen verbunden wird. Denn alles, was Kinder sehen, hören und fühlen, wird schnell zum Spiel. Das Bauen eines Turms aus Bauklötzen, das Werfen eines Steins oder das Klettern auf einen Baum - sofort entsteht ein Spiel. Kinder üben unermüdlich, wenn sie etwas lernen wollen.

Das Spiel hat im Leben eines Kindes nichts mit Freizeitgestaltung zu tun. Das Spiel ist der „Hauptberuf“ eines Kindes.

Das Ziel der ersten Lebensjahre ist, das kindliche Gehirn zu vernetzen. Je umfassender das Gehirn dabei angesprochen wird, desto besser erfolgt das Lernen. Dieses Lernen wird spätestens mit Beginn der Schule durch ein systematisches Lernen ergänzt oder ersetzt, das an vorgegebene Lerninhalte gebunden ist.

Nicht immer gelingt es in der Schule, die hohe Lernmotivation der Schulanfänger aufrecht zu erhalten und auf das Lernen in der Schule zu übertragen. Nur im Stillsitzen kann man richtig lernen, sie sollen sich nur auf einen "Gegenstand" konzentrieren , Vokabeln müssen auswendig gelernt werden - vielen solchen Vorurteilen begegnen Kinder, wenn sie in die Schule kommen.

Kinder lernen jedoch auf unterschiedliche Weise und die Kunst des Unterrichts besteht darin, den Kindern verschiedene Zugänge zu den Lerninhalten zu ermöglichen. Das heißt, dass Kinder die Möglichkeit haben sollen, mit allen Sinnen zu lernen. Geschichten, Bilder und eigene Erfahrungen schaffen daher einen geeigneteren Zugang zu einem Thema, als eine reine sach- und faktenorientierte Darstellung.

Was bedeutet das für das Lernen mit Kindern?

Spielen ist Lernen! Kinder brauchen keine neuen „Lernprogramme" und schon gar nicht den Computer. Denn spielend gelernt wird nicht am Computer oder auf irgendwelchen Tischen, sondern dort, wo das Leben pulsiert: In Höhlen, auf Bäumen, in selbst gebauten Hütten, beim Sägen und Hämmern, beim Schätze entdecken, bei geheimnisvollen Erkundungen und in spannenden Projekten. Denn dort spielt sich das wirkliche Leben ab.

„Verpacken“ Sie Fakten in Geschichten, denn mit Geschichten erfahren die Kinder Sinn und Lebendigkeit. Lernen Sie mit Ihrem Kind nicht nur Begriffe und Definitionen. Übersetzen Sie alle Begriffe, so gut Sie können, in die Wirklichkeit. Erzählen Sie, was der Begriff in Wirklichkeit bedeutet, was er wirklich aussagt.

Kinder müssen ohne Angst lernen.
Denn Angst macht krank, unkonzentriert, anpassungsbereit und schweigsam.

Lernen Buben und Mädchen anders?

Ja, sie lernen nachweislich anders. Nach den neuesten Erkenntnissen der Forschung sollten Eltern und Lehrer die geschlechterspezifischen Merkmale unbedingt beachten. Bis zur achten Schwangerschaftswoche sieht das Gehirn bei jedem Embryo weiblich aus. Zu Beginn der achten Woche macht ein riesiger Testosteronschub (= Hormon der männlichen Keimdrüsen) das Gehirn männlich.

Kinder lernenDieses Hormon tötet manche Zellen in den Kommunikationszentren ab und lässt in den Sex- und Aggressionszentren mehr Zellen heranwachsen. Bleibt der Schub aus, geht die weibliche Entwicklung weiter. Im Gehirn des weiblichen Fötus entstehen mehr Verknüpfungen in den Zentren der Kommunikation und Gefühlsverarbeitung.

Schon bei der Reaktion in den ersten Tagen von Neugeborenen sind Unterschiede erkennbar. Mädchen halten einen viel längeren Blickkontakt und hören doppelt so lange aufmerksam Menschenstimmen zu, als Buben.

In Bezug auf die mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung gibt es nach dem heutigen Stand der Wissenschaft bis zur Pubertät keinen Unterschied zwischen Buben und Mädchen. In der Pubertät wird das weibliche Gehirn von Östrogen (= weibl. Sexualhormon) „überschwemmt“. Daher konzentrieren sich die Mädchen vorwiegend auf Gefühle und Kommunikation.

Bei der Untersuchung von männlichen und weiblichen Gehirnen hat man eine erstaunliche Vielzahl struktureller, chemischer, genetischer, hormoneller und funktioneller Unterschiede festgestellt. Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Stress und Konflikte, Reize (Hören, Sehen, Spüren) und Wahrnehmung. Die Gehirnzentren für Sprache und Hören enthalten bei Frauen elf Prozent mehr Neuronen als bei Männern.

Jeder Mensch erkennt an sich aber auch Aspekte, die dem anderen Geschlecht zugeordnet werden können. Es ist niemand 100% weiblich oder 100 % männlich. Es gibt Frauen, die logisch denken können und Männer die „nörgeln“ (typisch „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften).

Entwicklungsphasen bei Buben und Mädchen

Wie verlaufen die Entwicklungsphasen bei Mädchen und Buben?

Manche Entwicklungen verlaufen bei Buben und Mädchen parallel (z.B. Stehen und Gehen lernen, die Entwicklung der Sprache), manche aber sehr unterschiedlich. Vera F. Birkenbihl unterscheidet folgende Entwicklungsphasen:

1. Fertigkeiten

Mädchen sind im Schnitt ca. 2 Jahre reifer in Bezug auf Fertigkeiten und Handlungs-Kompetenzen - nicht aber in Bezug auf Wissen - als ihre gleichaltrigen männlichen Schulkollegen. Deswegen sind sie nicht unintelligenter – sie lernen einfach „langsamer“ – man muss ihnen Zeit geben. Jedes Kind entwickelt seine Phasen individuell unterschiedlich. Gehen Sie davon aus, dass gleichaltrige Kinder einen unterschiedlichen Wissensstand, Techniken oder Fertigkeiten haben können.

2. Bewegung

fußballWarum bewegen sich Buben mehr als Mädchen? Der vermutete Grund für den vermehrten Bewegungsdrang von Buben ist:

  • Buben entwickeln fast die doppelte Muskelmasse (40% der Körpermasse) als Mädchen (24 %).
  • Notwendige Nervenbahnen für die Koordination der Muskelbewegung müssen dafür angelegt werden.
  • Buben brauchen viele Jahre, um ihren ganzen Muskelapparat aufzubauen. Nicht benutzte Muskeln schrumpfen (atrophieren)

Der Unterschied zu den Mädchen:

  • Mädchen werden neurologisch reifer geboren. Sie haben vorgeburtlich mehr Nervenbahnen für die Muskelarbeit angelegt.
  • Das „Muskeltraining“ bei Mädchen beginnt erst im Zeitabschnitt nach der Pubertät.
  • Das bedeutet aber auch, dass Mädchen mit mehr Muskelmasse auch mehr Bewegung brauchen („burschikose Mädchen“), als „mädchenhafte“ Mädchen.

Es ist für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung sehr wichtig, dass die Kinder den nötigen Bewegungsdrang ausleben dürfen. Den Kindern fehlt nicht nur oft in den Schulen die Möglichkeit, sich zu bewegen. Ihre Freizeit verbringen sie vor Fernseher, Computer, Spielkonsolen. Besser ist es, in der Natur „Räuber und Gendarm“ zu spielen, als mit dem Zeigefinger auf der Computermaus einem „Räuber“ nachzujagen.

3. Grob und Feinmotorik

Hier gibt es eine „Überkreuzentwicklung“ zwischen Buben und Mädchen. Während Mädchen zuerst, d.h. vor der Pubertät, die Feinmotorik ausbilden, so entwickeln die Buben die Grobmotorik. Nach der Pubertät ist es umgekehrt: Die Mädchen sind grobmotorisch und die Buben feinmotorisch zugange.

Mädchen4. Sprache und Handlung

Mädchen entwickeln zuerst die Phasen des Denken/Sprechens, danach die des Handelns. Prinzipiell wollen sie zuerst genaue Anleitungen und beginnen dann zu handeln. Sie lieben es, gemeinsam laut zu denken. Die Buben bevorzugen vor der Pubertät das Handeln. (z.B. Computer - zuerst wird ausprobiert). Buben haben den Experimentierdrang. Buben wollen sich gleich aktiv einbringen dürfen. Buben/Männer wollen immer und jederzeit ein forschendes Ent - deck- en, Mädchen sind aber genauso daran interessiert, wenn sie davor eine „Gebrauchsanweisung“ erhalten.

5. Befolgen von Regeln

Mädchen haben die Bereitschaft zuerst Anweisungen zu erhalten, bis sie wissen, was genau zu tun ist. Sie brauchen Anweisungen, kreativ etwas Neues auszuprobieren. Buben befolgen Anweisungen seltener, da sie ja von Anfang an herumprobieren wollen. Dadurch können Eltern und LehrerInnen vielleicht verstehen, dass ein unbedingtes Einhalten der Regel die Kreativität beeinträchtigen kann.

6. Selbstwertgefühl

Buben werden weit häufiger für ihre Leistung gelobt. Mädchen werden eher für ihr „Brav sein“ gelobt. Bei ihnen werden die Wesenszüge (Betragen, Fleiß, Hilfsbereitschaft, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit) hervorgehoben. Getadelt werden sie eher für mangelnde Leistung. Bei Buben ist dies umgekehrt. Begeht zum Beispiel ein Mädchen einen Lesefehler, so wird sofort (bis zu fünfmal schneller) eingegriffen („helfend“ korrigierend). Bei einem Buben geben Eltern/Lehrer bis zu 5 Mal mehr Zeit zu überlegen.

Welche Unterschiede kennen Sie? Wie verlaufen die Entwicklungsphasen bei Buben und Mädchen?

Lernen im Erwachsenenalter

Früher glaubte man, dass Erwachsene mit zunehmendem Alter immer weniger fähig sind, Neues zu lernen. Heute zeigt die Hirnforschung, dass die Fähigkeit, Neues zu lernen bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Allerdings lernen ältere Menschen anders als Kinder.

Erwachsene lernenErwachsene lernen in der Regel nicht schlechter, sondern anders. Ältere Menschen haben bereits ein umfangreiches Wissen erworben und lernen Neues dann besonders gut, wenn sie an Bekanntem anknüpfen können.

Etwas Neues lernen, bedeutet für Ältere aber auch oft umlernen. Das ist oft schwieriger, als etwas neu zu lernen.

Erwachsene lernen nicht schlechter, aber anders. Was bedeutet nun „anders"?

  • Ältere lernen bei sinnlosem, bzw. ihnen sinnlos erscheinendem Lehrmaterial schlechter. Bei sinnvollem Material - bei Einsicht in die Zusammenhänge - sind ihre Leistungen mit denen Jüngerer durchaus vergleichbar.
  • Ältere brauchen teilweise mehr Zeit beim Lösen einer Aufgabe, aber sie lösen Aufgaben nicht schlechter.
  • Meist verfügen sie über weniger Lerntechniken als Jüngere.
  • Wenn das Lernmaterial übersichtlich und gut strukturiert ist, lernen sie besser.
  • Besonders wichtig ist, dass sich Erwachsene selbst etwas aktiv erarbeiten und nicht einfach etwas vorgesetzt bekommen.
  • Schlechtere „Lernleistungen" sind oft weniger ein Zeichen nachlassender Lernfähigkeit, sondern ein Zeichen von Unsicherheit, von mangelndem Zutrauen zu sich selbst.

Welche Fähigkeiten werden vom Alter beeinflusst?

Fähigkeiten, die sich im Erwachsenenalter verringern sind z.B. Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung und Sinnesleistungen (Sehen, Hören). Andere Fähigkeiten werden vom Alter kaum beeinflusst z.B. Wissensumfang, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, Lernfähigkeit und geistige Beweglichkeit. Es gibt natürlich auch Fähigkeiten, die mit dem Alter wachsen. Das sind: Erfassen von Sinnzusammenhängen, Selbständigkeit, Urteilsfähigkeit, Fähigkeit mit Menschen umzugehen und Kontakt- und Konfliktlösungsfähigkeit.

Was bedeutet das für das Lernen im Erwachsenenalter?

  • Lernen Sie nicht nur Fakten - bereiten Sie Lernmaterial sinnvoll auf - lernen Sie in Zusammenhängen.
  • Nehmen Sie sich Zeit - finden Sie Ihr eigenes Lerntempo.
  • Nutzen Sie Lerntechniken - entwickeln Sie Ihre eigenen Lernstrategien. Eine erfolgreiche Lerntechnik hilft Ihnen, den Lernstoff vollständig und nachhaltig zu verstehen und ihn im Langzeitgedächtnis zu behalten.
  • Strukturieren Sie Ihr Lernmaterial.
  • Arbeiten Sie selbst an den Themen, eignen Sie sich selbst aktiv Wissen an. Lernen Sie dabei das eigene Lernen zu lernen.

Was ist die Konsequenz daraus? Jeder ist für sein Gehirn selbst verantwortlich. Jeder ist das, was er aus seinem Gehirn macht.

Damit sind wir mit unserem Kurs zum Ende gekommen. Wir hoffen, dass wir Ihnen neue Anregungen gegeben haben, wie Sie die Vermittlung von Wissen - oder auch das eigene Lernen - optimieren können.

Viel Erfolg!

17.04.2017 © seit 04.2007 Peter Schipek - Gerhild Löchli  
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