Seite 3: Praxis: Gehirngerecht lernen und lehren - Kurs Teil 2

Lernen mit Geschichten

Nicht nur trockene Fakten sind für das Lernen wichtig. Erzählen Sie Geschichten und stellen Sie so einzelne Fakten in einen größeren Zusammenhang.

Im Fernsehen erfreuen sich Sendungen zum Thema Wissen steigender Beliebtheit. Das Publikum verlangt immer stärker nach Themen, die auf spannende und unterhaltsame Art präsentiert werden.

Geschichten erzählenDie wachsende Beliebtheit solcher Sendungen lässt den Rückschluss auf mangelnde und auch langweilige Wissensvermittlung der Schulen zu. Offenbar traut man den Moderatoren dieser Sendungen eher zu, einen komplizierten Zusammenhang zu erklären als den Lehrern.

Wir lernen nur das wirklich gut, was für uns interessant ist. Einzelfakten sind für uns nur wenig attraktiv und stures Auswendiglernen führt in eine Sackgasse. Denn wir können das Gelernte nicht mit eigenen Erfahrungen verbinden. Fakten sollen in einem Zusammenhang stehen, der uns bewegt und interessiert.

Wie können wir nun Fakten interessant gestalten?

Mit etwas Fantasie können wir auch „trockenes“ Faktenwissen attraktiv präsentieren. Wir müssen unser Gehirn immer wieder auf andere Weise anregen, durch veränderte Aufgaben und interessante Herangehensweisen, die zu einer vielfältigeren Auseinandersetzung mit Themen führen. Unter anderem gelingt das mit Geschichten, denn in Geschichten erfahren wir nicht nur Fakten, sondern stellen sie in Zusammenhänge - wir erfahren Sinn und Lebendigkeit.

Spannende Geschichten verbinden Wörter und Bilder, sie faszinieren Zuhörer und bleiben lange im Gedächtnis.

Fehler sind wichtig

Haben Sie sich heute schon geirrt? Haben Sie eine falsche Entscheidung getroffen, einen Fehler gemacht?

Fehler machenBeim Wort Fehler fällt Ihnen im ersten Moment vielleicht die Schule ein. Ihre Aufgaben waren mit Rotstift korrigiert. Es gab schwere und leichte Fehler und möglicherweise mussten Sie dieselbe Aufgabe noch einmal korrigiert abgeben. Wahrscheinlich verbinden Sie mit den Wörtern „Fehler" und „Korrektur" unangenehme Gefühle. So hat uns der Umgang mit Fehlern nachhaltig geprägt.

Wir haben uns mehr oder weniger angewöhnt, unsere Fehler zu verdecken. Wir täuschen Wissen vor, wo keines ist. Wir sind bestrebt Fehler zu verbergen und zu vermeiden. Gerade dadurch blockieren wir das Lernen.

Als Kinder kannten wir noch keine Fehler. Wir probierten aus und und dabei lernten wir. Würden wir schon als Kinder versuchen, keine Fehler zu machen - wir würden überhaupt nichts lernen. Für unsere Entwicklung scheint das sinnvoll zu sein. Denn Neugierde, Wissensdurst und unser kindlicher Forscherdrang wurden nicht eingeengt. Wir lernten in erster Linie durch unsere Erfahrungen in der Welt.

Ein Thema zu verstehen ist wichtiger, als das Bestreben, keine Fehler zu machen. In jedem Fachgebiet, bei allem, was wir lernen, gibt es die „Reihenfolge":
Wissen, Verstehen, Anwenden.

Wissen bezeichnet die Fakten und Definitionen, also die Dinge, die man nachlesen und „auswendig lernen" kann. Danach kommt das Verständnis. Man versteht Zusammenhänge und weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Erst wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch anwenden. Eine neue Lernkultur bedeutet also auch eine neue Fehlerkultur.

Grundlage einer neuen Fehlerkultur ist, dass wir folgendes akzeptieren: Fehler gehören zu jedem Lern- und Entwicklungsprozess. Fehler gehören zum Leben. Es gibt keinen Grund, sie zu verbergen. Viel wichtiger und realistischer, als der Schein von Perfektionismus, sind die Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst und anderen gegenüber eigene Fehler einzugestehen.

Ansonsten haben wir später, auch im Berufsleben, ein gestörtes Verhältnis zu Fehlern. Dann sind Fehler in Unternehmen „nicht erlaubt". Fehler werden vertuscht oder verschwiegen. Es werden Sündenböcke gesucht, die man bestraft. Das hat fatale Folgen für die Wirtschaft, denn die Angst vor Fehlern, sogar vor noch gar nicht gemachten Fehlern, lähmt und führt zu Stillstand.

„Try and error" sind „Geheimrezepte" erfolgreicher Unternehmenskultur. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Verbesserungen nur möglich sind, wenn auf dem Weg dorthin auch Rückschläge erlaubt sind. Fehlerfreudigkeit bedeutet jedoch nicht Fehlerhäufigkeit. Also - haben Sie keine Angst davor, Fehler zu machen, denn Fehler gehören zum Lernen.

17.04.2017 © seit 04.2007 Peter Schipek - Gerhild Löchli  
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