Seite 5: Pädagogik Ausarbeitung: Die Bedeutung des Spielens

Fazit

Ich habe eingangs den Bogen gespannt zwischen früher Förderung und freiem Spiel und mich auf der Seite der Vertreter des freien Spiels positioniert. Tatsächlich sehe ich eine bedenkliche Tendenz der modernen Gesellschaft zu "Normierung" und "Pädagogisierung" von frühester Kindheit an.

Mit den Normen, die uns beispielsweise die Entwicklungspsychologie liefert, steigt der Druck auf Kinder und Eltern. Ist es ein Glück oder eher ein Fluch, dass man dann für jede "Entwicklungsverzögerung" auch die passende Therapie (Logopädie, Ergotherapie, Spieltherapie usw.) hat?

Elisabeth Beck-Gernsheim beschreibt es in ihrem Buch "Die Kinderfrage" recht treffend:

Das Kind darf immer weniger hingenommen werden, so wie es ist, mit seinen körperlichen und geistigen Eigenheiten, vielleicht auch Mängeln. Es wird vielmehr zum Zielpunkt vielfältiger Bemühungen.

Möglichst alle Mängel sollen korrigiert werden (nur kein Schielen, Stottern, Bettnässen mehr), möglichst alle Anlagen sollen entwickelt werden (Konjunktur für Klavierstunden, Sprachferien, Tennis im Sommer und Skikurs im Winter).

Ein neuer Markt entsteht, mit immer neuen Programmen für das allseitig zu fördernde Kind. Und schnell nehmen die neuen Möglichkeiten den Charakter neuer Pflichten an. Denn die Eltern können nicht nur, Nein: sie sollen nun auch das Kind mit Zahnspange und orthopädischen Einlagen, mit Skikurs und Sprachferien versorgen. (...) dies alles verlangt den fortwährenden Einsatz der Eltern, vor allem der Mütter. (Quellennachweis 52)

Können wir also schlussfolgern, dass der derzeit so populäre Ruf nach mehr und immer früherer Förderung schlecht ist und stattdessen das freie Spielen (All-)Heilmittel für sehr viele Probleme sein könnte?

Kinderspiel Familie Erzieher Ich denke, was noch viel zu wenig in den Medien und auch in der Fachwelt bedacht oder zu bedenken gegeben wird, ist, dass es in einer so ausdifferenzierten Gesellschaft - die aber dennoch auch wissenschaftlich im Wesentlichen in drei Schichten unterteilt wird - kaum eine konkrete Lösung für die anstehenden Herausforderungen geben kann.

Ich gehe derzeit von der Annahme aus, dass wir sowohl die Problembeschreibung als auch die propagierten Lösungen mehr danach differenzieren müssen, ob wir eher die sogenannte "Unterschicht" oder die "Mittel-" und "Oberschicht" betrachten. (Quellennachweis 53)

Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Bei meiner Arbeit in einem offenen Kinderclub in einem sogenannten "sozialen Brennpunkt" fiel mir auf, dass diese Kinder im Alter von 4 - 13 Jahren den ganzen Nachmittag sich selbst überlassen zu sein scheinen. Die Kinder (auch die 4-jährigen) kommen ohne Erziehungsberechtigte irgendwann im Lauf des frühen Nachmittags vorbei, bleiben evtl. durchgehend da oder auch nicht, und gehen schließlich am Ende der Öffnungszeit selbstständig nach Hause (oder jedenfalls wo anders hin).

Da ich selbst einen 4-jährigen Sohn habe, den ich nicht allein über die Straße gehen lasse, habe ich darüber gestaunt.

Von einem Vollzeitstundenplan, ständigem pädagogisierten Spiel unter "Dauerbeobachtung und -protektion" kann hier jedenfalls keine Rede sein.

Wie es scheint, haben die Kinder in diesem Stadtviertel zumindest außerhalb ihrer Wohnungen auf den ersten Blick die Möglichkeit zum freien Spiel. Jedoch haben die Kinder auch zahlreiche Probleme, ein großer Prozentsatz besucht die Förderschule. (Quellennachweis 54)

Wenn man die sehr unterschiedlichen Lebenssituationen der Kinder in unserer Gesellschaft berücksichtigt, scheint die Polarisierung, die ich eingangs formuliert hatte: freies Spielen vs. frühe Förderung natürlich etwas verkürzt und in einigen Fällen nicht treffend.

Dies wären meiner Ansicht nach interessante, weiterführende Fragen:

Kann man den "Bedarf" nach mehr und früherer Förderung je nach Schichtzugehörigkeit differenzieren?

Welche Umgebung und Bedingungen müssen Kinder vorfinden, damit sie im freien Spielen die beschriebenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, anstatt diese in einem institutionalisierten Rahmen gezielt vermittelt zu bekommen?

Wann oder wie verlernen Kinder das freie Spielen?

Inwiefern könnte dann das "freie Spielen" zur "frühen Förderung" werden?

Quellennachweise:

52. Beck-Gernsheim, E. (1997): Die Kinderfrage. München: C. H. Beck, S. 103

53. Üblicherweise gemessen mit den Indikatoren Bildung, Einkommen, Stellung im Beruf.

54. Ob diese Kinder allerdings innerhalb ihrer Familien frei spielen können, bezweifle ich. Ich nehme an, dass häufig ein relativ autoritärer Erziehungsstil zu finden ist, wie ihn Csikszentmihalyi beschreibt: In der Studie "Home Rules" wurden Haushalte in Baltimore (Maryland) untersucht und herausgefunden, dass es 500 - 600 Regeln in jedem Haushalt gibt, die sich alle darauf beziehen, was man nicht tun darf. Das Kind steckt in einem Wald von Verboten - am Ende landet es vor dem Fernseher, dort stört es am wenigsten.

Vgl. Csikszentmihalyi, M., a.a.O., S. 124

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