Seite 4: Pädagogik Ausarbeitung: Die Bedeutung des Spielens

Erziehungsziel - was für eine Gesellschaft wollen wir?

One of the things I believe in the pit of my stomach is that we have been educating people for many years to be a certain type of person. We've been educating for a society that may have past. We need more and more creative people in society. We need more and more people who will make things connect, who will go in strange directions. We don't only need good workers. Those days are over.

Sir Simon Rattle (Quellennachweis 43)

Eingangs schrieb ich, dass Spielen für uns "einen bestimmten Stellenwert haben sollte". Immer wenn man solche normativen Aussagen macht, so sollte (!) man dazu den Kontext angeben, wozu es so sein sollte, was ist das Ziel dabei? Und mit welcher Begründung ist dieses Ziel erstrebenswert?

Familie Kinderspiel ErziehungDies gilt auch für Diskussionen über Erziehung, angefangen von "kleineren" Fragen wie die Verwendung eines Tragetuchs statt eines Kinderwagens bis zu solchen Fragen, ob man das Kind auf eine Regelschule schicken sollte oder lieber eine Schule ähnlich wie Summerhill oder Sudbury Valley. (In denen die Kinder selbst bestimmen können, was, wann, wo, wie lange, mit wem sie lernen und spielen wollen.)

Denn welche Erziehungsmethoden man für richtig oder falsch hält, hängt (neben der eigenen Sozialisierung) im wesentlichen davon ab, welches Erziehungsziel dahinter steht. (Ich blende dabei aus, dass man auch noch über die Wirkungen einer Methode streiten kann, und berufe mich darauf, dass die oben beschriebenen Wirkungen des (freien) Spiels auf breiter und fundierter wissenschaftlicher Basis anerkannt sind.)

Selbstverständlich hat der frühere und heutige Umgang mit Spielen und Spielsachen auch einen Nutzen.

So können wir davon ausgehen, dass wenn wir beispielsweise Gewalt, Schulzwang und herkömmliches Leistungssystem, Gehorsam als Prinzip und unreflektierten frühen Konsum befürworten und unterstützen, wir damit tendentiell und auf breiterer Basis von äußerer Zustimmung und Motivation abhängige, die Lösungen in Konsum suchende, Herausforderungen eher als Problem denn als Chance sehende Menschen sozialisieren, die aber bereit sind, ohne langes Hinterfragen sich in bestehende Verhältnisse einzupassen. (Quellennachweis 44)

Leider ist es meist so, dass Kinder gar keine Möglichkeit mehr haben, selber auf Entdeckungs- und Abenteuerreisen zu gehen. (...) Und das ist bitter festzustellen, dass wir statt Menschen zu lehren, ihr Leben selbst zu gestalten, wir sie eher lehren, ihr eigenes Leben zu vergessen und sie zu guten Konsumenten erziehen - das scheint wünschenswert zu sein, das erfreut die Wirtschaft und die Politik, die sich dann darauf verlassen können, dass es auch in Zukunft Menschen geben wird, die nicht an sich selbst denken und keinerlei Initiative an den Tag legen, die sich aber dafür gut manipulieren lassen. (Quellennachweis 45)

Welches Erziehungsziel steht also dahinter, wenn wir sagen, wir sollten ein anderes Verständnis und einen höheren Stellenwert von Spiel in unserer Gesellschaft haben?

"Als das Ziel der menschlichen Entwicklung gilt in meinen Augen die Freiheit als diejenige Eigenschaft, die uns am meisten vom Tier unterscheidet." (Quellennachweis 46)

Nun war Freiheit in der Geschichte der Menschheit zwar schon manches Mal das Ideal von Gesellschaften, in den seltensten Fällen aber (langfristige) Realität. Warum sollte das heute anders sein? Befinden wir uns hier in der Gesellschaft von Idealisten, die ihre Kinder nicht auf die Realität einer Elllbogen-, "Leistungs"- (gängiges Schlagwort, dem m. E. ein Fehlverständnis des Begriffs "Leistung" zugrunde liegt, aber das ist ein anderes Thema) und Konsumgesellschaft vorbereiten?

Wie im obigen Zitat Sir Simon Rattle sind sich heute viele Menschen, auch Wissenschaftler darin einig, dass Ideale wie Freiheit, Eigenverantwortung, Kreativität nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten, sondern für viele Menschen möglich sind.

Das "postindustrielle" oder auch sogenannte "Informationszeitalter"

befreit einen immer größer werdenden Prozentsatz der Menschheit davon, sich gänzlich auf die nötigsten Überlebensbedürfnisse zu konzentrieren. Ein kleiner Bruchteil der Arbeit, die man tut, wird benötigt, um grundlegende Bedürfnisse nach Essen, Kleidung und Unterkunft zu befriedigen.

Das Zeitalter der Muße für jedermann ist greifbar. ... die Herausforderung des Erwachsenendaseins besteht in der Zukunft darin, seine Muße im vollen Maße seiner Fähigkeiten zu nutzen, fähig zu sein, jedes Bisschen seines Könnens, seines innovativen Potenzials und seiner Kreativität zu nutzen. Spielen ist der Dreh- und Angelpunkt der Zukunft. Es ist kein Randthema. Es ist der Schlüssel zur Zukunft. (Quellennachweis 47 & 48)

Wissen sammeln, speichern, sortieren kann der Computer, vorgegebene Arbeitsabläufe ausführen, monotone oder schwere Arbeit verrichten, das können mehr und mehr Maschinen übernehmen, aber Zusammenhänge, Bedeutung herstellen und "spielerisch Neues, noch nie da Gewesenes fantasieren, denken und ausprobieren" (Quellennachweis 49), das kann keine Maschine dem Menschen abnehmen. In der Wirtschaft kennt man das als die zunehmende Nachfrage nach "Soft Skills" und "Schlüsselqualifikationen".

Die Fähigkeit für diese "Skills" hat jeder Mensch. Ob er sie aber tatsächlich ausbildet und praktisch anwenden kann, wird durch die Sozialisierung in der Kindheit erheblich erleichtert oder erschwert.

Die (...) Verschaltungen zwischen den Nervenzellen, die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen, sind abhängig davon, wie wir unser Hirn benutzen, was wir denken und empfinden. Diese Nervenwege (...) werden 'im Laufe unseres Lebens und in Abhängigkeit davon, wie oft wir sie in unseren Gedanken beschreiten, zu leicht begehbaren Wegen, zu glatten Straßen oder gar zu breiten Autobahnen. Wem es wichtig geworden ist, sein Ziel möglichst schnell durch die Nutzung des existierenden Autobahnnetzes zu erreichen, der übersieht allzu leicht verträumte Pfade, die sonnigen Feldwege und die beschaulichen Nebenstraßen, die ebenfalls dorthin führen. Sie wachsen so allmählich zu und sind irgendwann kaum noch begehbar.' (Quellennachweis 50)

Im Spiel erprobt das Kind "Neues, noch nie Dagewesenes, Dysfunktionales. Es ist hierin schöpferisch und somit bereitet das Spiel, nach Sutton Smith, auf 'die unvorhersehbare, nicht auf die vorhersehbare Zukunft vor.'" (Quellennachweis 51)

Quellennachweise:

43. Rattle, Simon: SIR SIMON RATTLE über MUSIKERZIEHUNG. URL: http://www.rhythmisit.com/de/php/index_noflash.php?HM=2&SM=2&CM=11 [14.09.2010].

44. vgl. Branden, Nathaniel (2005): Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls: Erfolgreich und zufrieden durch ein starkes Selbst. München: Piper, S. 246

45. Csikszentmihalyi, M., a.a.O., S. 122f.

46. Pohl, G., a.a.O., S. 26

47. Greenberg, D., a.a.O., S. 24

48. Vergleiche dazu auch einen Auszug aus der Rede der Soziologie-Professorin Frigga Haug zur Eröffnung des 3. Deutschen Sozialforums im Herbst 2009:

"Denn Arbeitslosigkeit ist ja nicht einfach ein Mangel und Anzeiger für Armut. Sie ist nach der anderen Seite hin nichts anderes als der Nachweis, dass sich die Produktivkräfte der Arbeit soweit entwickelt haben, dass wir die notwendige Arbeitszeit für das Überleben erheblich reduzieren können, sie zeigt also Reichtum an -, freilich nicht für diejenigen, die arbeitslos werden.

Wenn gesellschaftlich weniger Arbeit für das Notwendige gebraucht wird, wären die Menschen freigesetzt, endlich die vielen Tätigkeiten aufzunehmen, zu denen aus purer Not in der Form der Überarbeit bislang die Zeit nicht reichte."

Haug, F. (2009): Teilzeitarbeit für alle. URL: http://www.friggahaug.inkrit.de/documents/hitzacker091016.pdf

49. Pohl, G., a.a.O., S. 113

50. Pohl, G., a.a.O., S. 108

51. Pohl, G., a.a.O., S. 3

05.04.2017 © seit 10.2010 Priska Buchner
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