Seite 2: Pädagogik Ausarbeitung: Die Bedeutung des Spielens

Situation heute & Nutzen des Spielens

Die Bedeutung des Spielens für die kindliche Entwicklung ist so weit anerkannt, dass es im Jahr 1989 von den Vereinten Nationen in die UN-Kinderrechtskonvention aufgenommen wurde:

Artikel 31, Absatz 1:
Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.

Wie kam es dazu? Welcher Nutzen wird dem Spielen heute zugeschrieben?

Nutzen des Spielens

Spielen ermöglicht Kindern, ihre Kreativität zu nutzen und dabei ihre Vorstellungskraft, Geschicklichkeit, physische, kognitive und emotionale Stärke zu entwickeln. Das Spiel ist wichtig für die Gehirnentwicklung (Quellennachweis 12) und fördert die Konzentrationsfähigkeit.

Kinder spielen ErziehungMittels Spielen können Kinder in sehr frühem Alter in die Welt um sie herum eingreifen und mit ihr interagiere (Quellennachweis 13). Spielen ist nach Piaget eine wichtige "Gegenreaktion gegen den Sozialisationsdruck und den Zwang der allgemeinen Wirklichkeit (Quellennachweis 14), da Kinder im Spiel eine Welt erschaffen und erkunden können, die sie für sich haben und die sie bewältigen können.

Dabei entwickeln sie neue Kompetenzen, die ihr Selbstvertrauen und ihre Resilienz stärken, die sie brauchen, um gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen zu meistern. Indem Kinder Erwachsenenrollen einnehmen, verarbeiten sie Ängste. (Quellennachweis 15)

Aber nicht nur zur Problemlösung dient das Spiel, sondern auch zur Wunscherfüllung: "das Spiel ist als eingebildete, illusionäre Realisation unrealisierbarer Wünsche zu verstehen. (Quellennachweis 16)

Durch freies Spielen lernen Kinder zusammenzuarbeiten, zu teilen, zu verhandeln, Konflikte zu lösen und für ihre eigenen Interessen einzustehen. (Quellennachweis 17) Sie erfahren ihre Gefühle, Freude genauso wie Wut und Enttäuschung, lernen sie auszuleben, genauso wie sie zu kontrollieren. "Jedes Rollenspiel, in dem sich das Kind in die Rolle eines anderen hinein zu versetzen versucht, ist eine Einübung in Empathie". (Quellennachweis 18)

Wenn die Kinder selbstbestimmt spielen können, üben sie, Entscheidungen zu treffen, entdecken ihre eigene Geschwindigkeit, ihre Interessensgebiete und beginnen, sich selbst aktiv zu gestalten. (Quellennachweis 19)

Greenberg nennt es "die Fähigkeit, Beschäftigungen nachzugehen, bei denen es keine festen Vorgaben" gibt. Aristoteles nannte diese Beschäftigung "Muße" und legte dar, "dass Kultur von Muße abhängt und dass das Ausmaß, in dem die Menschheit fähig ist, Muße zu genießen, dem Ausmaß entspricht, in dem sie fähig ist, ihre Beschränkungen zu überwinden und sich weiterzuentwickeln. (Quellennachweis 20)

Eine schöne Illustration des kindlichen Lernvorgangs gibt die Kindertherapeutin Gabriele Pohl in ihrem Buch "Kindheit - aufs Spiel gesetzt":

Ich beobachte ein 3-jähriges Kind, wie es mit Wasser spielt:
Es wirft ein Blatt ins Waschbecken, belädt es mit einem Stein, das Blatt geht unter, eine Plastikschüssel kommt dazu, eine Murmel kommt hinein, die Schüssel schwimmt, die Murmel wird direkt ins Wasser geworfen und beim Sinken beobachtet, die Plastikschüssel wird umgedreht und unters Wasser gedrückt, flutscht hinaus, wird wieder umgedreht und mit Wasser gefüllt, sie sinkt auch nach unten, ein Stein wird in die Schüssel gelegt: 'der Kabeteen', erklärt das Kind, die Schüssel wird mit der Murmel durchs Wasser gezogen, immer schneller und schneller, der Kapitän fällt ins Wasser, bleibt eine Weile am Grund liegen, wird wieder herausgezogen und liebevoll abgetrocknet. 'Sons kriegda Snupfn!' Was macht das Kind da? Es spielt versunken und ernst, es scheint sich einer schwierigen Aufgabe zu widmen, das kann ich sehen, aber was bezweckt es?
Natürlich wird es mir nicht antworten: Ich stelle Versuche an zum Thema: Masse, Wasserverdrängung, Volumen und Schwerkraft, außerdem ist mein soziales Thema Macht und Ohnmacht, ich habe meine Sozialfähigkeit geübt und den Zusammenhang zwischen Unterkühlung und Erkältung hergestellt. Ich habe meinen Tastsinn benutzt und meinen Wärmesinn geschult.
Aber das ist es. (Quellennachweis 21)

Heißt das, das Spielen in unserer Gesellschaft endlich den Stellenwert bekommt, den es braucht, um diese Wirkungen für viele Kinder zu entfalten?

Obwohl diese zentralen Funktionen nun einschlägig bekannt sind und in der modernen westlichen Gesellschaft für viele einen hohen Stellenwert haben, erfährt das Spielen immer noch nicht die Wertschätzung und den Raum, der dafür nötig wäre.

Quellennachweis:

12. Vgl. Ginsburg, Kenneth R. (2007): The Importance of Play in Promoting Healthy Child Development and Maintaining Strong Parent-Child Bonds. URL: http://aappolicy.aappublications.org/cgi/content/full/pediatrics;119/1/182#SEC9 [14.09.2010]

13. Vgl. ebd.

14. Oerter, Rolf (2007), Zur Psychologie des Spiels. In: Psychologie & Gesellschaftskritik, a.a.O., S. 13

15. Vgl. Ginsburg, Kenneth R., a.a.O.

16. Wygotski (1980), S. 443, zitiert nach Oerter, Rolf (2007), Zur Psychologie des Spiels. In: Psychologie & Gesellschaftskritik, a.a.O., S. 13

17. Vgl. Ginsburg, Kenneth R., a.a.O.

18. Pohl, Gabriele, a.a.O., S. 46

19. Vgl. Ginsburg, Kenneth R., a.a.O.

20. Greenberg, Daniel (2006): Ein klarer Blick. Neue Erkenntnisse aus 30 Jahren Sudbury Valley School. Leipzig: tologo verlag, S.21

21. Pohl, Gabriele, a.a.O., S. 28

Gründe für den Rückgang des freien Spielens

Die Fachleute, die dies kritisieren, nennen dafür folgende Gründe:

Seit "die Spielzeug-, Medien-, Freizeit- und Konsumindustrie (...) die Kinder mit verlockenden Spielangeboten und mit anderen neuartigen Aktionsrahmen (Unterhaltung, Konsum, Animation)" in einem in der Menschheitsgeschichte erstmaligen Ausmaß "konfrontiert", geht das freie Spielen stetig zurück. "Ihr Ziel ist (...) eine frühe Anpassung der Kinder an gesellschaftliche Normen, Handlungs- und Wertorientierungen". (Quellennachweis 22)

Welche gesellschaftlichen Handlungs- und Wertorientierungen können das sein? Auf diese Weise werden Kinder von klein auf an Konsumieren und Passivität gewöhnt, anstatt ihre Phantasie zu gebrauchen und aktiv ihre Welt zu gestalten. Wenn dies für die Mehrheit der Bevölkerung immer noch die gewünschte Lebenshaltung ist, "müssen die freien Spielmöglichkeiten (...) auf subtile Weise eingeschränkt werden." (Quellennachweis 23)

Auf die Spielzeugindustrie werde ich in einem späteren Kapitel noch einmal eingehen.

"Verinselung" der Kindheit: In vielen Wohngebieten können Kinder nicht frei außerhalb des Hauses spielen, sondern befinden sich unter der Dauerbeobachtung und -protektion der Erwachsenen. Das Leben und Spielen der Kinder wird jedoch von anderen Lebensbereichen abgegrenzt, indem eigene "Spielräume" geschaffen werden (Spielplatz, Ganztagsbetreuung, nachschulische Förderprogramme (neudeutsch: enrichment-Programme), Vereine. (Quellennachweis 24)

Hinzu kommt, dass die Spielplätze TÜV-geprüft sein müssen. Herumliegende Stein- oder Holzhaufen (früher, zumal in der Nachkriegszeit, selbstverständliche Umweltbedingungen) bedeuten für Kinder das herrlichste Spielmaterial, für besorgte Eltern und verantwortliche Behörden aber höchste Gefahrenquellen. "Überbesorgte Eltern und Erzieher schränken die Möglichkeit der Lebenserfahrung, die Möglichkeit, Selbstsicherheit zu gewinnen und eigenverantwortlich handeln zu lernen, erheblich ein." (Quellennachweis 25)

Schule Erziehung SpielenDer straffe Vollzeitstundenplan des allseitig geförderten Kindes (und der fördernden Familie):

Vor allem die Kinder der Mittel- und Oberschicht erfahren zunehmend Hektik und Druck und erleben immer weniger die positiven Wirkungen des selbstbestimmten Spielens. Was Leistungsdruck und vorausschauende Zukunftsgestaltung angeht, müssen sie schon früh ähnliche Erwartungen erfüllen wie Erwachsene.

Den Eltern wird überall vermittelt, dass gute Eltern ihren Kindern so viel Förderung wie möglich angedeihen lassen und dafür sorgen, dass ihre Kinder an einer breiten Vielfalt von Aktivitäten teilnehmen.

Von klein auf bekommen die Kinder vorgeblich pädagogisch wertvolle Filme, Computerprogramme, Bücher und Spielsachen, die sie ausgewogen und angemessen für eine optimale Entwicklung stimulieren sollen. (Quellennachweis 26)

Amerikanische Programme wie "Baby Einstein" und "Brainy Baby" geben den Eltern direkt zu verstehen, dass, wenn sie diese Dinge nicht nutzen, ihr Kind zurückbleiben wird. (Quellennachweis 27)

Neben der Verdrängung des freien Spiels ist eine häufige Folge, dass viel der gemeinsamen Eltern-Kind-Zeit dafür verwendet wird, sich über die besonderen Anregungen zu informieren, sie zu organisieren oder die Kinder zwischen diesen hin- und her zu fahren. Unverplante Zeit gibt es kaum noch.

Neben der Zeit wird auch ein erheblicher Teil der finanziellen Ressourcen in das investiert, was als optimale Förderung vermarktet wird. (Quellennachweis 28)

Der Charakter des Spielens wird immer noch verkannt und verzerrt, indem es in weitem Maße fremdbestimmt wird und vorrangig als Erfüllungsgehilfe des Lernens betrachtet wird:

Der Pädagoge Prof. Dr. Dieter Spanhel spricht daher von einer "Pädagogisierung des Spiels, d.h. seine Unterordnung unter das Lernen (...): Spielen als Lernmedium im Kindergarten, in Schule (...), Wirtschaft (...), Freizeit (...) und (...) als Therapie. (...) In der Erziehung haben wir bisher zu einseitig versucht, das Spiel nur für eine Verbesserung, Beschleunigung und Effektivierung der Lernprozesse zu nützen." (Quellennachweis 29)

Spiel und Arbeit werden immer noch als Gegensätze verstanden. Bestenfalls ist Spiel das, was man in seiner Freizeit nach der produktiven Arbeit tut. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!" ist typisches deutsches Arbeitsethos.

Wenn schon Spiel, dann sollte es möglichst nützlich sein. Engagierte Eltern sind erleichtert, wenn sie wissen: "In diesem Rollenspiel übt sie, sich in andere Rollen hinein zu versetzen" oder "er übt seine Motorik". Es fällt viel leichter, die Jungen stundenlang Fußball spielen zu sehen, anstatt Dutzende altersgemäße Zeichnungen herzustellen, wenn man weiß, dass sie sich bis zur Pubertät vorrangig grobmotorisch entwickeln müssen, da sie für mehr als doppelt so viel Muskelmasse wie Mädchen die Muskel- und Nervenbahnen entwickeln müssen. (Quellennachweis 30)

Noch besser scheint es aber zu sein, wenn man aktiv den Nutzen des Spiels gestaltet, in dem man die "Zone nächster Entwicklung" (Wygotski) kennt und die geeigneten, von der Fachwelt sorgfältig entwickelten Spiele aussuchen kann.

"Diese Funktionalisierung des Spiels ist ein Zeichen, dass es nicht ernst genommen wird, weil man weder dem eigentlichen Spiel vertraut, noch daran glaubt, dass Wissen-Wollen etwas ist, was Kindern gemäß ist". (Quellennachweis 31)

Quellennachweis:

22. Spanhel, Dieter (2006): Die Bedeutung des Spiels für die Entwicklung der Kinder in einer mediengeprägten Alltagswelt. URL: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Kindheitsforschung/s_332.html

23. Ebd.

24. Vgl. ebd.

25. Pohl, Gabriele, a.a.O., S.88

26. Vgl. Ginsburg, Kenneth R., a.a.O.

27. Vgl. Barbaro, Adriana; Earp, Jeremy, (2008): Consuming Kids. The Commercialization of Childhood. Northampton, MA: media education foundation. DVD. URL: http://www.youtube.com/watch?v=JCT7h-jwCWA

28. Vgl. Ginsburg, Kenneth R., a.a.O.

29. Spanhel, Dieter, a.a.O.

30. Birkenbihl, Vera F. (2010): Entwickeln Jungen und Mädchen sich gleich oder nicht? S. 48. In: unerzogen - Magazin. Ausgabe 1/10. Leipzig: tologo verlag.

31. Pohl, Gabriele, a.a.O., S. 36

05.04.2017 © seit 10.2010 Priska Buchner
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