Seite 5: Fuzzy-Logik - eine Einführung | Logisch Denken

Pro und Kontra - Fuzzy-Logik

Westliches Denken und der Widerstand gegen Fuzzy

Wieso tut sich die westliche Wissenschaft mit der Fuzzy-Logik so schwer? Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Erstens besitzt die zweiwertige Logik eine 2000 Jahre alte Geschichte. Ihre Grundzüge wurden von Aristoteles festgelegt und seitdem nicht wesentlich verändert. Zweitens ist es praktikabler und einfacher nur mit zwei Werten, wahr und falsch, zu hantieren. Drittens gibt die zweiwertige Logik mehr Sicherheit als die Fuzzy-Logik. Viertens müsste ein beliebter Gegenbeweis, die reductio ad absurdum - der Widerspruchsbeweis - verändert werden. Auch das Gesetz vom Widerspruch und dem ausgeschlossenen Dritten siechen unter der Fuzzy Perspektive dahin.

Östliches Denken und die Akzeptanz von Fuzzy

Das östliche Denken entspringt einer ganz anderen Quelle. Zwar gab es in Indien schon sehr früh zweiwertige Denker, doch spielte die Unschärfe in der Religion eine entscheidende Rolle, im Gegensatz zum Christentum. Insofern traf hier die Fuzzy-Logik auf fruchtbaren Boden.

Einwände gegen Fuzzy-Logik

Einwand 1:
Die Zugehörigkeitsgrade sind subjektiv und die Fuzzy-Logik weist keinen Weg sie zu objektivieren.

Das ist falsch. Die Wahl einer Beobachterperspektive mag von subjektiven Kriterien geleitet sein, doch ist sie kommunizierbar und damit auch von anderen Menschen nachzuvollziehen. Auf den Einwand, dass es mit der Fuzzy-Logik keine wahre, objektive Perspektive gibt, kann mit dem Kriterium der Funktionalität geantwortet werden: Alles was funktioniert ist wahr oder: Erfolg ist der Beweis.

Einwand 2:
Mit Fuzzy-Logik lassen sich keine Probleme lösen.

Die Praxis beweist das Gegenteil.

Einwand 3:
Die Unschärfe lässt sich auflösen je genauer wir hinschauen, denn dann finden wir immer weitere Differenzen.

Dies ist kein Einwand gegen Fuzzy-Logik, sondern es beschreibt die Erweiterung der Wahrnehmungs- und Differenzierungsfähigkeit des Menschen. Diese wurde aber nie von Fuzzy angezweifelt.

Einwand 4:
Die Ergebnisse von Fuzzy-Logik lassen sich nicht überprüfen, da es keine Regeln dafür gibt was man als Anfangs und Endpunkt, also 0 und 1 setzt.

Siehe Entgegnung zu Einwand 1.

Wie könnte Fuzzy-Logik unser Denken verändern?

Nachdenkenswertes

Nun haben wir sehr viel über Fuzzy gelesen und uns im Rahmen der Mathematik und der Technik bewegt. Aber hat die Fuzzy-Logik auch für uns eine praktische Relevanz? Was bedeutet die Fuzzy-Logik für die Philosophie? Wie wirken sich unscharfe Kategorien auf die Frage nach Referenzen aus? Was bedeuten unscharfe Kategorien z. B. für den Begriff der Kreativität?

Alles sehr interessante Fragen. Auf einige Denkansätze möchte ich eingehen.

Philosophie - Beispiel: Kuhlman'sche Letztbegründung der Ethik

Die Letztbegründung der Kuhlman'schen Ethik baut u.a. darauf, dass sich der Zweifel nicht bezweifeln lässt, also Selbstwidersprüche nicht zulässig sind. Wie wir aber gesehen haben, gilt der Satz des zu vermeidenden Widerspruchs nur in den Extremen. Dazwischen sind Teilwidersprüche durchaus zulässig.

Gilt dies, so müsste sich die Begründung dahingehend ändern, dass kontradiktorische Widersprüche ausgeschlossen sein müssen. Das könnte wiederum bedeuten, dass wir nicht unbedingt verpflichtet sind jeden Dissens konsensuell zu lösen, sondern nur solche wo Alltagsroutinen nicht ausreichen und einen kontradiktorischen Widerspruch erzeugen. Dissense mit teilweisen Widersprüchen hätten ihre Daseinsberechtigung. Hieraus ließe sich ein formaler Begriff der Toleranz ableiten.

Ethische Bewertungsregeln

Unscharfe Mengen könnten ein hervorragendes Mittel sein, um einen ethischen Bewertungsmaßstab zu entwickeln. Auch würden sich sogenannte Grauzonen mit diesem Modell abbilden lassen. Mit der Hilfe von Prototypen und beispielhaften Zuordnung von verschiedenen Handlungen zu einer der Kategorien: geboten, erlaubt und verboten, kann man eine Zugehörigkeitsskala zu diesen Kategorien von Handlungen erstellen, die dann kombiniert auf einer Skala mit sich überlagernden, unscharfen Blöcken eine genauere Einschätzung bei Verfahren zuließe.

Referenzen

Auch für die Bildung von Referenzen hätte das Modell mit den drei aufeinander aufbauenden Kategorien Konsequenzen. Einerseits würde der Begriff der Ostensiv-Referenz auf bestimmte Begriffe, die maximal Grundkategorien sind, eingeschränkt werden und nur die Nominalreferenz wäre für alle drei zugänglich. Es ist auch denkbar, dass zu jeder Referenz die dazugehörige Kategorie mit angegeben wird, um so eine größere Genauigkeit zu erzielen.

Kreativität

Kreativität als Eigenschaft eines ästhetischen Werkes könnte weiter spezifiziert werden durch eine Analyse ob Elemente einer Kategorie auf eine neue übertragen werden.

15.10.2018 © seit 08.2005 Tom Nolte
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