Seite 5: Lerntechniken anwenden - Kurs "Lernen lernen" Teil 4

Lernen heißt Verstehen!

Herbert S. klappt das Fachbuch zu, das er gerade zu Ende gelesen hat: "Jetzt habe ich das ganze Buch durchgelesen, da steht eine Menge drin, aber frag mich bloß nicht, um was es ging."

lerntechniken verstehenWie können wir uns Lerninhalte aneignen, wenn wir es von anderen Menschen oder Lernmedien (Bücher, Lernsoftware, Videos...) präsentiert bekommen?

Neue Informationen können wir verarbeiten, wenn wir sie verstehen - wenn es irgendetwas gibt, das wir damit verbinden können. Einen Anknüpfungspunkt an vorherige Erfahrungen, an Vorwissen zu finden, mit dem wir die Information verbinden können. Viele Menschen greifen auf "auswendig lernen" zurück, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann wird das Lernen zum "Pauken", sie versuchen sich Wissen einzutrichtern. Diese Art des Lernen führt höchstens zu kurzfristigen und oberflächlichen Erfolgen. Angelerntes, das nicht richtig verstanden wird, wird schnell vergessen.

Auswendig lernen als Ergänzung

Haben wir den Lernstoff verstanden, kann das gezielte auswendig lernen von Kern- oder Merksätzen eine wichtige Ergänzung sein. Mit diesen Sätzen kann unser Unterbewußtsein "weiterdenken", neue Verknüpfungen finden und der Lerninhalt begegnet uns vielleicht in unseren Träumen .

Auswendig lernen ist kein Ersatz für "Verstehen", aber eine Hilfe, um sich ein Thema in wenigen Sätzen wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Eigene Erfahrungen aktualisieren

Verbindungen und Verknüpfungen zwischen dem neuen Lernstoff und vorhandenem Wissen zu finden und zu aktivieren, ist eine zentrale Aufgabe beim Lernen. Diesen Prozeß können Sie unterstützen. Aktivieren Sie Ihr Wissen und knüpfen Sie Verbindungen. Damit können Sie neuen Lernstoff besser verarbeiten und verstehen. Haben Sie Vorwissen zu einem Thema, können Sie neue Informationen an dieses vorhandene Wissen "anhängen". Je mehr Vorwissen Sie haben, desto leichter können Sie neue Informationen einfügen.

Lernen Sie gerade ein Thema? Wenn ja - haben Sie Vorwissen zum Thema? Wenn nein - was wollen Sie gerne lernen? Welches Vorwissen ist Ihrer Meinung nach für Ihr Lernvorhaben nötig? Notieren Sie, was Sie bereits darüber wissen.

Was können Sie tun, wenn Sie kein Vorwissen zu einem neuen Gebiet haben? Finden Sie Verknüpfungsmöglichkeiten zu Alltagserfahrungen oder zu anderen Wissensgebieten. Kinder können beispielsweise die Addition und Substraktion leicht verstehen, wenn man mit ihnen Bauklötzchen zu einem Turm aufstapelt und Klötzchen wieder weg nimmt. Wir können zu jedem Gebiet Vergleiche und Verbindungen zu anderen Wissensgebieten oder Erfahrungen finden. Wenn wir unsere Erfahrungen mit dem Neuen in Verbindung bringen, wird die Aneignung von Wissen zur Erweiterung unseres bisherigen Wissens. Wir vertiefen vorhandenes Wissen.

lerntechniken anwendenBedeutungen erzeugen und verbinden

Wir haben keine unverbundene Fakten und Ereignisse in unserem Gedächtnis, sondern vorwiegend Beziehungen von Gedächtnisinhalten. Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien müssen wir verstehen, um sie auf andere Wissensgebiete übertragen zu können. Einzelne Wissensinhalte sollten aufeinander bezogen sein. Je tiefer Sie ein Wissensgebiet durchdenken und analysieren, desto mehr können Sie dieses Wissen mit anderem Wissen verbinden.

Mit dem Finden von Verknüpfungen steigt der Spaß und die Freude am Lernen und wir sind motivierter noch mehr Verbindungen zu finden. Das Lernen wird leichter. Je mehr wir wissen, desto leichter finden wir Anknüpfungspunkte für neues Wissen. Wir entdecken Assoziationsmuster, Wechselwirkungen und Überschneidungen.

Lerninhalte verstehen

Was sollten Sie tun, damit Sie Lerninhalte verstehen und verarbeiten können?

  • Vorwissen aktualisieren
    Rufen Sie sich in Erinnerung, was Sie zum Thema bereits wissen. Haben Sie Bücher, Artikel zum Thema gelesen? Hat Ihnen jemand etwas darüber erzählt? Damit bereiten Sie das "Netz" vor, in das Sie die neuen Informationen einfügen können.
  • Ein Ziel formulieren
    Formulieren Sie ein Ziel, das Sie durch die Bearbeitung des Lerninhaltes erreichen wollen. Was wollen Sie verstehen? Wie tief soll Ihr Veständnis sein? Welche neuen Möglichkeiten wollen Sie sich durch das Gelernte eröffnen?

  • Vom Groben zum Feinen
    Erfassen Sie zuerst zentrale Ideen und Zusammenhänge. Verschaffen Sie sich einen Überblick, bevor Sie in die Details gehen.

  • Fehlendes Vorwissen nachholen
    Manche Lerninhalte setzen Vorwissen voraus, d.h. sie bauen darauf auf. Stellen Sie fest, daß Ihnen wichtiges Vorwissen fehlt, sollten Sie zuerst dieses Wissen nachholen, damit Sie die neuen Lerninhalte verstehen können.
  • "In meinen Worten"
    Fassen Sie das Gelernte "in eigene Worte". Damit machen Sie sich klar, wieviel Sie verstanden haben. Sie haben nur das verstanden, was Sie in "Ihren Worten" ausdrücken können. Haben Sie damit Schwierigkeiten, veranschaulichen Sie sich die Sachverhalte, indem Sie sich ein Bild (oder Schaubild, Diagramm...) davon machen.
  • Kritische Würdigung
    Würdigen Sie den Lerninhalt kritisch. Was davon stimmt mit Ihren Erfahrungen überein? Was nicht? Gibt es andere Meinungen, Ansichten zum Thema? Diskutieren Sie mit anderen Menschen über die Lerninhalte. Eine kritische Auseinandersetzung fördert das Verstehen und Übertragen des Gelernten.

Lernstoff, den Sie gut verstanden und intensiv verarbeitet haben, erinnern Sie auch zu einem späteren Zeitpunkt. Haben Sie sich einen Stoff mit vielen Sinnen eingeprägt (gehört, gesehen, angefaßt), haben Sie viele Möglichkeiten, die Inhalte wieder in Erinnerung zu rufen.

Unser Gedächtnis speichert auch die Begleitumstände des Lernens ab. Lernen Sie beispielsweise mit sympathischen Menschen in einem schönen Garten, mit Blumenduft und Freude, speichern Sie diese "Umstände" im Gedächtnis und können sie als "Eselsbrücken" nutzen. Waren die "Umstände" angenehm, erinnern wir uns gerne und gut an diesen Lernstoff.

Wiederholungen des Lernstoffs sind wichtig, damit wir die Lerninhalte im Langzeitgedächtnis bewahren. Damit ist kein vielfaches Pauken und Büffeln eines Stoffs gemeint, sondern eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte in eigenen Worten oder die Wiederholung der Kern- und Merksätze. Haben Sie den Stoff verstanden, fällt das Wiederholen leicht und erfordert einen geringen Zeitaufwand. In manchen Situationen, z. B. wenn Sie Begriffe oder Vokabeln wissen müssen, ist wiederholendes Lernen unumgänglich und durch nichts zu ersetzen.

Aufgabe:

  • Notieren Sie ein Beispiel für eine Lernsituation, in der Sie den Stoff gut verstehen konnten.
  • Notieren Sie ein Beispiel für eine Lernsituation, in der Sie den Stoff nicht verstehen konnten.
  • Überlegen Sie - anhand dieser Lektion, weshalb Sie den Lernstoff verstehen, bzw. nicht verstehen konnten.
01.06.2017 © seit 03.2006 Petra Sütterlin  
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