Seite 4: Lerntechniken anwenden - Kurs "Lernen lernen" Teil 4

Wissenstest - Wer ist der Erfolgskiller Nr.1?

Was denken Sie: Welchen Einfluß hat Streß in Prüfungssituationen? Stellen Sie sich folgende Situation vor: In einer Hamburger Hochschule sollen Schüler in einem ihrer Leistungsfächer eine mündliche Prüfung ablegen. Um den Einfluß von verschiedenen Streßarten zu testen, haben die Lehrer dieser Hochschule vier verschiedene Prüfungssituationen gestaltet. Sehen Sie sich die einzelnen Prüfungssituationen an, und schätzen Sie ein, mit welchen Ergebnissen die Prüflinge im Durchschnitt abgeschnitten haben.

1. Der Lehrer war sehr freundlich, er ermutigte die Schüler und plauderte mit ihnen. Er stellte anschauliche und klare Fragen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?
 
Es wurden etwa 40% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden nur ca. 33% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden bis zu 90% (oder mehr) der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden ca. 70% der Fragen richtig beantwortet.
2. Der Lehrer zeigte den Schülern, daß er nicht viel von ihrem Wissen hielt, er schnauzte sie an und schüchterte sie ein. Die Fragen selbst stellte er anschaulich und verwendetet die gewohnten Begriffe. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?
 
Es wurden etwa 50% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden bis zu 90% (oder mehr) der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden nur ca. 33% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden ca. 70% der Fragen richtig beantwortet.
3. Der Lehrer war freundlich, er verwendete jedoch einige ungewohnte Begriffe und verhielt sich fremdartig. Er stellte anschauliche und klare Fragen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?
 
Es wurden bis zu 90% (oder mehr) der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden nur ca. 33% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden ca. 70% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden etwa 40% der Fragen richtig beantwortet.
4. Der Lehrer verhielt sich freundlich und vertraut. Er stellte abstrakte Fragen ohne sie zu veranschaulichen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?
 
Es wurden bis zu 90% (oder mehr) der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden ca. 70% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden nur ca. 33% der Fragen richtig beantwortet.
Es wurden etwa 40% der Fragen richtig beantwortet.

Auflösung:

1. Der Lehrer war sehr freundlich, er ermutigte die Schüler und plauderte mit ihnen. Er stellte anschauliche und klare Fragen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?

Es wurden bis zu 90% (oder mehr) der Fragen richtig beantwortet.

Kein Streß: Die Schüler waren nicht unter Streß. Sie wußten 91 % der Antworten.

2. Der Lehrer zeigte den Schülern, daß er nicht viel von ihrem Wissen hielt, er schnauzte sie an und schüchterte sie ein. Die Fragen selbst stellte er anschaulich und verwendetet die gewohnten Begriffe. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?

Es wurden etwa 50% der Fragen richtig beantwortet.

Streßfaktor "gezieltes Einflößen von Angst": Die Schüler ließen sich durch Einschüchterung und "Anschnauzen" beeinflussen, sie hatten eine Denkblockade. Sie wußten durchschnittlich 50 % der Antworten.

3. Der Lehrer war freundlich, er verwendete jedoch einige ungewohnte Begriffe und verhielt sich fremdartig. Er stellte anschauliche und klare Fragen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?

Es wurden etwa 40% der Fragen richtig beantwortet.

Streßfaktor "fremd": Die Schüler ließen sich durch Unbekanntes und Fremdes beeinflussen, sie hatten eine Denkblockade. Sie wußten 41 % der Antworten.

4. Der Lehrer verhielt sich freundlich und vertraut. Er stellte abstrakte Fragen ohne sie zu veranschaulichen. Wieviel Prozent der Fragen wurden Ihrer Meinung nach richtig beantwortet?

Es wurden nur ca. 33% der Fragen richtig beantwortet.

Streßfaktor " abstrakt ": Die Schüler ließen sich durch Abstraktes stark beeinflussen, sie hatten eine Denkblockade. Sie wußten nur 33 % der Antworten.

In Streßsituationen setzt ein Streßmechanismus ein, der durch die Evolution biologisch in uns verankert ist. Dieser Mechanismus mobilisiert schlagartig Energiereserven im Körper, damit wir im Kampf ums Dasein überleben können. Er blockiert das Lernen und Denken, wozu wir im "Ernstfall" keine Zeit mehr hätten. Das Denken wird blockiert zugunsten rascher, reflexartiger Körperreaktionen.

Wir reagieren mit Streß - und Denkblockaden - gegenüber allem Fremden und diese Reaktionen können wir ebenfalls bei allen höheren Tieren beobachten. Ein Kamerateam legte einen buntgetreiften Ball in ein Antilopengehege eines Tierparks. Die Tiere stoben auseinander, sobald sie den Ball - den ungewohnten Gegenstand - entdeckten. Nachdem der Ball einige Zeit dort lag, nähersten sich die Tiere zögernd und beschnupperten ihn schließlich. Nachdem der Streß abgeklungen war, siegte die Neugierde, der Grundtrieb des Lernens.

Viele Menschen schätzen den Streßfaktor Angst als denjenigen ein, bei dem wir die größten Denkblockaden haben. Wenige Menschen wissen, wie stark ihre Lernleistung sinkt, wenn sie es mit Abstraktem, Fremden und Unbekanntem zu tun haben.

Wenn Sie ein abstraktes Thema bearbeiten, ist es besonders wichtig, daß Sie sich das Thema veranschaulichen und konkretisieren. Verknüpfen Sie es mit eigenen Erfahrungen. Erst wenn Sie ein konkretes Verständnis des Themas entwickelt haben, werden Sie es verstehen können.

01.06.2017 © seit 03.2006 Petra Sütterlin  
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