Seite 2: Lerntechniken anwenden - Kurs "Lernen lernen" Teil 4

Was sind Lerntechniken?

Bevor wir zu einigen Übungen kommen, will ich hier kurz die Frage in den Raum stellen, was man sich unter Lerntechniken überhaupt vorstellen kann. Lernen bedeutet "fremde" oder "neue" Informationen zu verstehen und ins eigene Denken integrieren zu können. Die eigene Leistung beim Lernen beruht also darauf, sich Unbekanntes zu erarbeiten und selbständig ins eigene Weltbild (Denken) zu integrieren. Wir können dabei nur Sachverhalte lernen, die an bereits vorhandenes Grundwissen bzw. vorhandene Erfahrung anknüpfen - oder negativ formuliert - wir können nichts lernen, was nicht bereits in Grundzügen in unserem Denken oder unseren Erfahrungen vorliegt.

LerntechnikDamit neues Wissen an unser bisheriges Reservoir an Wissen angeschlossen werden kann, benötigen wir "Brücken", die das vorhandene Wissen mit dem neuen Wissen verbinden. Mißlingt uns der Versuch unser Grundwissen mit dem neuen Wissen zu verbinden (zu "überbrücken), verstehen wir nur "Bahnhof" - oder besser - wie verstehen überhaupt nichts bzw. nur ungenügend oder fehlerhaft.

Wenn wir lernen, bilden wir bewußt oder unterbewußt immer schon solche "Brücken". Diese Fähigkeit der "Brückenbildung", Vernetzung oder Integration von Wissen ist immer schon ein Ergebnis der Anwendung ein oder mehrerer Lerntechniken. Manche Menschen lernen zwar, aber es ist ihnen nicht bewußt, wie sie lernen - ihnen ist ihre eigene Methodik nicht transparent. Hier könnte man von "Talent" oder anerzogenen Verhaltensmustern reden, die das Lernen möglich gemacht haben.

Wenn wir uns mit Lerntechniken beschäftigen, wollen wir unsere vorhandenen Fähigkeiten Informationen zu vernetzen, gezielt ausbauen. Je abstrakter und komplexer ein Lernstoff wird, desto mehr Anforderungen stellt er an den Lernenden. Die bildliche Metapher - beispielsweise Äpfel und Birnen hin und herzuschieben - mag ausreichen, um Addition und Substraktion zu verstehen. Je abstrakter der Lernstoff wird - beispielsweise, wenn wir binomische Formeln anwenden wollen - desto weniger reichen unsere "Äpfel-und-Birnen-Vorstellungen" aus. Wir benötigen eine andere "Brücke", um komplexere Inhalte in unser Weltbild einbauen zu können.

Die folgenden Übungen und Erläuterungen verfolgen den Zweck, uns verschiedene Möglichkeiten bewußt zu machen, wie so eine Vernetzung zustande kommen kann. Damit haben wir die Option zu prüfen, welche dieser Lerntechniken wir bereits anwenden bzw. welche wir noch gar nicht kennen. Neue Techniken der "Brückenbildung" - oder Anwendung einer neuen Lerntechnik - geben uns die Möglichkeit, Dinge zu verstehen, die wir bislang nicht verstanden haben. Aus dieser Perspektive wäre ein Unterschied zwischen einem schlechten und einem guten Schüler das unterschiedliche große Repertoir an Lerntechniken, welches beiden zur Verfügung steht.

Beginnen wir mit einer einfachen Technik der "Brückenbildung" - der Assoziation. Das Assoziieren ist eine intuitive Art der "Brückenbildung". Man verknüpft vorgegebene Daten mit eigenen Gedankengängen. Wenn Sie sich beispielsweise den Zahlencode 7412 für Ihre Kontokarte merken wollen, können Sie sich die Zahlenfolge als Einzelziffern merken oder - wenn Sie auf Ihr Nummernfeld sehen - erkennen, daß die Zahlenfolge die Form des Buchstabens L hat. Es ist jedoch wesentlich einfacher sich die Assoziation "L" zu merken, als eine scheinbar willkürliche und unzusammenhängende Reihenfolge von Zahlen.

Was habe ich gemacht? Ich habe aus einer willkürlichen Zahlenfolge ein konkretes "Muster" gebildet. Assoziieren ist also die Fähigkeit scheinbar Unzusammenhängendes in ein neues (oder bekanntes) Muster zu überführen. Ein solches Überführen in Muster hilft mir an bekannte Strukturen anzuknüpfen und damit auch einen Zusammenhang leichter zu erinnern. Anders formuliert: Ihre Fähigkeit richtig zu assoziieren, ist immer mit Ihrer Fähigkeit der Musterbildung verknüpft. Ein Muster zu bilden ist ein kreativer Akt des Denkens, d.h. je kreativer Sie sind passende Muster für vorhandene Daten zu entwickeln, desto mehr und einfacher können Sie scheinbar willkürliche Daten im eigenen Denken vernetzen.

Jeder Mensch hat die Fähigkeit assoziative Muster zu bilden, denn diese Fähigkeit wird bereits sehr früh entwickelt. Ich wußte beispielsweise schon als 4-jährige, wann meine Lieblingsendung im Fernsehen beginnt. Ich konnte zwar noch keine Uhr verstehen, habe mir aber die Stellung der Zeiger auf der Uhr gemerkt. So "wußte" ich, wann 17.30 Uhr war, weil die Zeiger eine bestimmte Stellung auf dem Zifferblatt einnahmen.

In der nächsten Lektion werden wir einige Übungen machen, die Ihnen Anregungen geben sollen, wie man solche Muster bilden kann. Damit können Sie Ihre Fähigkeit zu Assoziieren gezielt ausbauen.

Assoziationen bilden

In dieser Lektion wollen wir uns mit verschiedenen Möglichkeiten beschäftigen, wie man Daten mit eigenen Assoziationen verknüpfen kann. Oder anders: Wie wir aus scheinbar willkürlichen Daten Muster bilden, die wir leichter verarbeiten und erinnern können. Wie jede andere Fähigkeit können wir damit unsere Fähigkeit der Musterbildung schulen. Je größer unser Repertoir ist, desto mehr Wissen können wir verarbeiten.

lerntechnik assioziation1. Übung: Musterbildung aus willkürlichen Zahlenfolgen

  • Petra hat am 20. November Geburtstag
  • Der Zahlencode meiner Kontokarte lautet 17593
  • Ich habe 512 MB RAM

Muster (mögliche Lösung):

  • Wenn ich Tag und Monat von Petras Geburtstag zusammenrechne, ergibt sich meine Glückszahl 31. (20 + 11 = 31)
  • Der Zahlencode meiner Kontokarte ergibt auf dem Nummernpad ein großes M.
  • Mein RAM ist so groß wie 8 x 8 x 8 (= 512)

Nehmen sie sich selbst drei Zahlen - beispielsweise den Geburtstag Ihrer besten Freundin, den Zahlencode Ihrer Kontokarte oder die Uhrzeit Ihrer Lieblingssendung. Sie können dabei für die Zahlen eine kleine Geschichte erfinden (möglichst kurz), eine Relation erstellen (siehe 8 x 8 x 8 =512), ein bestimmtes Muster suchen (Nummerpad Buchstaben) usw. - notieren Sie Ihre Ideen hierzu.

2. Übung: Bilden Sie Sätze aus Buchstabenfolgen

Beispiel:

ADSF - Anna und Dieter suchen Fische
PUHKS - Peter und Harry können schwimmen

Notieren Sie nun selbst Sätze zu folgenden Buchstabenkombinationen: HIV, GMBH, KOKG, USA, MTV, RTL, TFT, GBR

3. Übung: Bilden Sie Wortketten aus beliebigen Kontexten

Stadt-Land-Fluß: Dortmund, Donau, Uelzen, Niederlande, Erding, G ...
Computer: RAM, Memorie, Error, Rechtsklick, Konsole, E ...

Suchen Sie sich ein bestimmtes Themenfeld und bilden Sie aus den dort üblichen Begriffen Wortketten. Notieren Sie diese.

01.06.2017 © seit 03.2006 Petra Sütterlin  
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