Seite 9: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Lehr-, Ausbildungs- und Trainingsmilieus

Lehr-, Ausbildungs- und Trainingssituationen können feinere Differenzierungen und neue Integrationen fördern oder unterbinden. Wie wir gesehen haben, hängt das Niveau der kognitiven Komplexitätsverarbeitung weitgehend von strukturellen Merkmalen der Lernumgebung ab. Entsprechend zentral ist sie für die Gestaltung einer Lehr- und Ausbildungssituation, innerhalb derer einem Menschen optimale Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, sein kognitives Niveau zu entwickeln.

Für das Training kognitiver Kapazitäten ist das inhaltliche Lernziel, Thema eines Unterrichts oder einer Ausbildung nebensächlich. Um einen Überblick über klassische Lehr-, Ausbildungs- und Trainingsmilieus zu geben, habe ich folgende Aufstellung notiert.

Abschirmung

Eine Situation wird dann als abgeschirmt oder beschützt bezeichnet, wenn sie den Lernenden davor behütet, die Konsequenzen seines Handelns zu erleben. Dies ist dann der Fall, wenn der Lehrer großzügig über die Folgen möglichen Verhaltens informiert und auf diese Weise die Umweltkomplexität reduziert. Der Lernende braucht die Konsequenzen seines Handelns nicht mehr zu durchdenken (so weit das möglich ist).

Es werden drei Grundarten von Lehr-, Ausbildungs- und Trainingsmilieus unterschieden: unilaterale, permissive und interdependente. Sowohl unilaterale, als auch permissive und interdependente Milieus können zu einem gewissen Maße abgeschirmt sein.

Unilaterale Milieus

Unilateral (von lat. unus „einer, einzig“; latus „Seite“) bedeutet „einseitig“. In der Politik, speziell der Diplomatie, wird der Begriff für das Handeln eines Staates ohne Rücksichtnahme auf andere verwendet. Dieses Verhalten bedeutet, dass eine Nation keinerlei diplomatische Verständigungs- und Konfliktbewältigungsversuche unternimmt.

Als unilaterale Milieus werden solche Lehr-, Ausbildungs- und Trainingssituationen bezeichnet, in denen der Lehrer den Lernenden durch Vorgabe von Regeln und Normen sowie durch Belohnung und Strafen einseitig lenkt und orientiert. Je mehr Regeln ein Lernender in einer Situation zu befolgen hat, je eindeutiger und weniger veränderlich diese Regeln sind, desto weniger wird er angeregt, eine Fülle von Differenzen zu beobachten, neue Integrationen vorzunehmen, Konflikte zu erzeugen oder diverse Perspektiven hervorzubringen.

Hier handelt es sich um ein Lernprinzip, dem auch heute noch übermäßig "strenge" und sehr autoritäre Lehrer anhängen.

Unilateraler Unterricht orientiert den Lernenden dazu, den Lernstoff bevorzugt anhand von festen und extern vorgegebenen Regeln vorzunehmen. Er maximiert die Entwicklung von auf Anpassung ausgerichteter Orientierung, die in externen und absolut gültigen Kontrollmechanismen verankert ist. Je mehr der Schüler für diese Art der Anpassung belohnt wird, umso eher kommt die Entwicklung seines kognitiven Niveaus zum Stillstand.

Lehr-, Ausbildungs- und Trainingsmethoden, deren Vorgehen darin besteht, eine Aufgabe in ihre Komponenten zu zerlegen, jede Komponente einzeln und ohne Störung durch andere Faktoren zu üben, ohne Integrationsregeln zu vermitteln, haben ähnliche Auswirkungen.

Sie reduzieren die Komplexität, die eine Situation in Bezug auf das Lernziel bietet. Im Schulunterricht kennen wir solche Lernmethoden, wenn dem Schüler alles "vorgekaut wird" und dessen Aufgabe darin besteht, stumpf den Inhalt ohne eigene Denkleistung wiederzugeben.

Inhaltlich können bestimmte Lernziele zwar auch unter unilateralen Bedingungen erreicht werden, aber andere Unterrichtsmethoden, die auf übermäßige Vereinfachung verzichten, können zu schnelleren Lernerfolgen führen, wenn das vorrangige Ziel die effektive Aneignung von Wissen ist.

Permissivität

Permissiv bedeutet soviel wie durchlässig, nachgiebig oder wenig kontrollierend. Der Begriff wird für einen entsprechenden Erziehungsstil und eine "aufstiegsdurchlässige" Gesellschaft verwendet. Milieus, die auf eine weitgehende Reduzierung vorgegebener Verhaltensnormen abzielen, werden als „permissiv“ bezeichnet. In permissiven Milieus liegt eine höhere Komplexität der Umweltbedingungen vor, als in unilateralen Milieus.

Der Lehrer interveniert weder bezüglich der Komplexität der Informationen noch der sekundären Bedingungen. Er zwingt zwar keine Schemata auf, die zu einer Komplexitätsreduktion der Umweltbedingungen führen würden, überlässt es dem Lernenden aber andererseits auch, selbst ein ausreichendes Maß an Komplexität und Interesse zu entwickeln.

Ein permissives Niveau unterstützt den Lernenden nicht darin, Motivation zu entwickeln, schränkt ihn aber auch in keiner Weise ein. Daher wird die Komplexität der Umweltbedingungen nur dann für eine Entwicklung des kognitiven Niveaus ausreichen, wenn von Seiten des Lernenden bereits ein ausreichendes Interesse vorliegt.

Interdependenz

Ein interdependentes Milieu ist eine vom Lehrer zur Verfügung gestellte Situation, die dem Lernenden selbst die Anreize zu ihrer Erforschung bietet, d. h. Anreize dazu, eigenständig neue Integrationen zu entwickeln.

Ein interdependentes Milieu setzt ein gewisses Maß einschränkender Normen voraus, die die Voraussetzungen des Unterrichts gewährleisten. Andererseits lässt es dem Lernenden innerhalb dieser Regeln einen größtmöglichen Freiraum, eigene Interpretationen und Schemata zu entwickeln.

Die Entwicklung eines höheren kognitiven Niveaus hängt vor allem davon ab, inwieweit die Bedingungen Gelegenheit und Anreiz bieten, wechselweise verschiedene und aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Regeln zu entdecken und diese Regeln miteinander in Beziehung zu setzen. Die Umgebung muss dazu mit einer ausreichenden Menge Informationen ausgestattet und so geplant sein, dass sie Anhaltspunkte bereitstellt, anhand deren sich neue Integrationsregeln entwickeln lassen.

Das interdependente Milieu eignet sich am ehesten dazu, die Möglichkeiten des Lernenden zu optimieren, sich eine größere Fähigkeit zu Differenzierung und flexiblen Integrationen sowie eine Orientierung auf Entwicklung und Anwendung selbstentwickelter Regeln anzueignen.

Skalierung der Lehr- und Ausbildungsmilieus

Die verschiedenen Lehr- und Ausbildungsmilieus lassen sich auf einer Skala anordnen, an deren einem Ende unilaterale Bedingungen ein extrem suboptimales Maß an Komplexität zur Verfügung stellen und die Entwicklung eines niedrigen kognitiven Niveaus begünstigen. Am anderen Ende der Skala stellt das interdependente Milieu die Möglichkeit zur Verfügung, aufgrund optimaler Bedingungen höhere kognitive Niveaus zu entwickeln.

Diese Skala könnte wie folgt aussehen:

  • beständig unilaterale Milieus
  • unbeschützt permissive Milieus
  • optimal beschützt permissive und beschützt interdependente Milieus
  • unterfordernde interdependente Milieus
  • optimal interdependente Milieus

Allgemein gilt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mensch zu einem höheren kognitiven Niveau weiterentwickelt, ist dann am höchsten, wenn der Umweltstress den Punkt optimaler Informationsverarbeitung zeitweise übersteigt.

Ähnlich wie bei der Steigerung der Fähigkeit zur Konzentration oder dem Muskelaufbau beim Bodybuilding müssen die kognitiven Kapazitäten überfordert werden, damit ein höheres strukturelles Niveau erreicht werden kann. Es muss ein Anreiz bestehen, die alten Bahnen des Denkens zu verlassen und nach neuen Wegen zu suchen, die sich dann langsam etablieren können. Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie der Muskel beim Bodybuilding dazu gezwungen werden muss, auch sämtliche normalerweise inaktiven Muskelfasern zu benutzen, um ihn zum Wachstum anzuregen.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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