Seite 8: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Die Rolle von Belohnung und Bestrafung

Unter die erste Gruppe fallen im wesentlichen Faktoren, die sich auf das Interesse eines Menschen beziehen, welches er an der Lösung eines Problems, der Bewältigung einer Aufgabe hat. Die Fachbegriffe für Belohnung sind Eucity und für Bestrafung - oder negative Konsequenzen - Noxity.

Was versteht man unter diesen beiden Begriffen genau?

  • FreudeEucity (Belohnung) - das ist die Menge der vorhandenen Belohnungen oder Aussichten positiver Auswirkungen des eigenen Verhaltens. Hierzu gehört auch die allgemeine, über die Lernsituation hinausgehende Interessenslage eines Menschen.
  • Noxity (Bestrafung) - das ist die Schwere der vorhergesehenen nachteiligen Konsequenzen des eigenen Verhaltens sowie das Ausmaß, in dem ein Mensch von einer Situation desorientiert oder abgestoßen wird.

Aufgabe: Überlegen Sie sich jeweils mindestens ein Beispiel für Situationen aus Ihrem praktischen Erleben, die sich durch ein besonders hohes bzw. niedriges Maß an Eucity (Belohnung) bzw. Noxity auszeichnen. Halten Sie jeweils fest, wie hoch Sie die Umweltkomplexität einschätzen.

Das Interesse daran, ein Problem zu lösen, kann sowohl aus der Voraussicht positiver Konsequenzen eines funktionalen Verhaltens (Eucitiy) als auch aus der Voraussicht negativer Konsequenzen eines dysfunktionalen Verhaltens (Noxity) erwachsen.

In einem Bild ließe sich das Zusammenspiel der Umweltkomplexität mit den sekundären Bedingungen so beschreiben, dass Eucity und Noxity ein Tor bilden, das der Lernende öffnet, um die Massen der Umweltkomplexität in den Burghof einzulassen.

Stehen nur wenige Menschen vor dem Tor oder ist das Tor nur einen Spalt geöffnet, so werden die Hereinkommenden ausreichend Platz auf dem Burghof finden. Wenn hingegen das Tor weit offen steht und zudem große Menschenmengen hineinströmen, so wird der Hof hoffnungslos überlastet sein, die Massen zu bewältigen.

strafeSo wird bei einem niedrigen Niveau der Umweltkomplexität und der Noxity mit einem Anstieg der Eucity auch das Niveau der kognitiven Komplexität steigen. Ebenso bewirkt ein Anstieg der Noxity bei niedrigem Eucity- und Komplexitätsniveau einen Anstieg der kognitiven Komplexität.

Bei einem optimalen oder sogar superoptimalen Niveau der Umweltkomplexität ist jedoch eine Minderung der kognitiven Komplexität zu erwarten.

Aber die Auswirkungen superoptimaler Noxity und Eucity sind nicht identisch. Unter überfordernden noxischen Bedingungen verschwinden intern erzeugte Dimensionen in starkem Maße, nicht aber unter übermäßig eucischen Bedingungen.

In anderen Worten - wenn Menschen sich bedroht fühlen, extrem unerwünschte Konsequenzen ihres Handelns befürchten oder in starkem Maße verwirrt oder desorientiert sind, streben sie weniger danach, die Situation unter einer eigenen, von der Situation abstrahierten Perspektive zu beobachten. In Lehr- und Lernsituationen bedeutet dies, dass der Lernende nach einer vom Lehrer vorgegebenen Dimensionen sucht.

Im Groben lässt sich sagen, dass der optimale Punkt der Komplexitätsverarbeitung bei einem hohen Maß an Umweltkomplexität und Eucity und einem geringen, aber vorhandenen Maß an Noxity liegt.

Menschen reagieren stärker auf verbindliche Instruktionen, wenn sie unter Stress stehen. Das bedeutet, dass die kognitiven Strukturen, mit deren Hilfe konflikthaltige Informationen verarbeitet werden, unter Stress beeinträchtigt werden. Stark noxische Bedingungen führen zu übermäßig vereinfachten, starr organisierten kognitiven Strukturen.

  • Ein Mensch auf dem niedrigen kognitiven Niveau kann unter optimalen Bedingungen in der Lage sein, in seine Standpunkte konflikthaltige Informationen zu integrieren, ohne zugleich die alten Vorstellungen zu verwerfen.
  • Unter leichtem Stress ist zu erwarten, dass konflikthaltige Standpunkte in zunehmendem Maße aufgegeben werden (d. h., einer der Pole gewinnt die Vorherrschaft).
  • Bei stärkerem Stress ist zu erwarten, dass unmittelbar eingehende Informationen, Informationen mit besonderer Prägnanz und extern vorgegebene Meinungen immer mehr in den Vordergrund rücken.

Lernumgebung und Komplexitätsverarbeitung

Ebenso wie Eucity (Belohnung) und Noxity (Bestrafung) hat die konkrete Lernumgebung, wo das Verhalten durch Normen reguliert wird, einen direkten Einfluss auf die Komplexitätsverarbeitung des Lernenden. Es gibt Lernumgebungen, die sich der Schüler selbst wählt - z. B. das Arbeitszimmer für die Hausaufgaben - und Lernumgebungen, die von Lehrern - z. B. in der Schulklasse, Uni - gestaltet werden.

SchuleBei kontrollierten Lernumgebungen - also beim Gestalten eines Unterrichts von einem Lehrer - gehe ich hier besonders auf den Einfluss von Verhaltensnormen ein.

Die Behauptung ist, dass Verhaltensnormen die Komplexität der Umweltbedingungen definieren, in der gelernt wird. Insofern hat die Vorgabe von Verhaltensnormen einen direkten Einfluss darauf, inwiefern der Lernende angeregt wird, vielfältige und differenzierte Informationen zu erzeugen und zu verarbeiten bzw. Komplexität zu ignorieren.

Aufgrund von Anweisungen und Verhaltensregeln kann eine Person sowohl dazu orientiert werden, bestimmte Arten von Informationen zu bevorzugen und andere auszublenden, als auch dazu, ein Höchstmaß an zusätzlichen Informationen zu erzeugen.

Beispiel: Wenn in einer Diskussion ein Diskussionsleiter eingesetzt wird, können die übrigen Teilnehmer beispielsweise Informationen über die Reihenfolge der Diskussionspunkte unberücksichtigt lassen. Für den Diskussionsleiter selbst steigt die Umweltkomplexität, wenn er diese Aufgabe übernimmt, weil er der Diskussion nicht mehr nur folgen, sondern sie außerdem leiten muss.

Ist er sich selbst nicht im Klaren darüber, welches Verhalten die Aufgabe von ihm fordert oder kann er es nicht zeigen, steigt die Komplexität für ihn.

Dies ist ein Beispiel, wie man diesen Umstand konstruktiv nutzen kann. Ein negatives Beispiel ist dann gegeben, wenn der Lehrer von den Schülern erwartet, auf Fragen bestimmte Definitionen aus dem Gedächtnis herunter zu plappern. Hier wird der Schüler zum Papagei, der lediglich dumpf wiederzugeben hat, was der Lehrer hören will.

Im schlechtesten Fall werden Informationen nicht verarbeitet, sondern lediglich kurzzeitig memoriert, d. h., der Schüler ist nicht in der Lage, die neuen Informationen in den Kontext seiner Erfahrungen einzubinden und deren Wert und Bedeutung zu verstehen. Früher nannte man dies "dumpfes Pauken", wobei der Lehrer in keiner Weise darauf achtet, ob der Schüler auch fähig ist, die neuen Informationen mit seinen Erfahrungen zu verknüpfen.

Was die Merkmale der Organisationsform betrifft, sind speziell in Bezug auf Gruppen folgende Faktoren wichtig:

  • die Anzahl von Personen, die bei der Bewältigung einer Aufgabe zusammenwirken,
  • das Ausmaß der erforderlichen Interaktionen,
  • das Ausmaß, in dem die Lösung einer Aufgabe entweder eine kooperative oder eine isolierte Arbeitsweise erfordert,
  • das Ausmaß, in dem organisatorische oder administrative Normen die Entwicklung unterschiedlicher Standpunkte fördern oder verbieten.

Aufgabe: Suchen Sie ein Beispiel für Situationen, in denen Sie standardmäßig mit der Lösung eines Problems, Bewältigen einer Aufgabe o. ä. konfrontiert werden. Überlegen Sie, wie obige Faktoren in diesen Situationen auf Ihre Komplexitätsverarbeitung wirken.

Allgemein kann man sagen, dass ein gewisses Maß an verbindlichen Verhaltensnormen dem Schüler helfen, sich besser auf den Lernstoff zu konzentrieren. Praktisch kann man dies durch ein bestimmtes Maß an Disziplin - z. B. nicht Schwätzen - aktiv zuhören lernen - auf den Beitrag des Vorredners eingehen etc. - fördern.

So stellt man dem Schüler eine Lernumgebung zur Verfügung, die es ihm erleichtert sich auf das Thema zu konzentrieren, damit er leichter komplexere Themen verstehen und verarbeiten kann.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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