Seite 7: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

U-Kurve: Komplexität und Umweltkomplexität

Versetzen Sie sich in folgende Situation: Sie wollen ein etwas komplexeres Spiel spielen. Es kann sich um eine Computersimulation handeln oder um ein strategisches Kriegsspiel. Wenn Sie mit beiden Spielen keine Erfahrung haben, können Sie auch das Schachspiel wählen. Stellen Sie sich weiterhin vor, dass Sie dieses Spiel nicht kennen. Ihnen stehen darüber hinaus nur sehr wenige Informationen zur Verfügung (beim Schachspiel werden Ihnen nur die Regeln mitgeteilt, wie jede Figur gezogen werden darf).

SchachSie haben also zu Beginn des Spieles kaum Informationen. Während Sie spielen, steigt im Laufe der Zeit die Menge der zu verarbeitenden Informationen, sodass Sie eine gewaltige Menge an Information verarbeiten müssen.

Aufgabe: Was denken Sie, hätte eine solche Situation für Auswirkungen auf Ihr kognitives Niveau? Schreiben Sie eine Hypothese auf.

Nehmen wir außerdem an, dass Sie in der Spielanleitung eine Strategie gelesen haben, die sicher funktioniert und an die Sie sich halten. Sie wissen also zu Anfang ganz genau, was Sie mit den wenigen Informationen anfangen müssen. Sie sind mehr oder weniger gelangweilt, weil das Spiel keine nennenswerten Anforderungen an Ihr Denken stellt.

Später - sagen wir nach einer Stunde - wissen Sie immer noch, nach welcher Strategie Sie die ankommenden Informationen verarbeiten müssen, aber es sind mittlerweile so viele Informationen, dass Sie sich ernsthaft konzentrieren müssen. Das Spiel hält Ihr Denken auf Trab.

Nach einer weiteren Stunde hat sich die Menge der Information, die das Spiel an Sie stellt, so weit gesteigert, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, sie gleichzeitig im Überblick zu behalten und rechtzeitig der - immer noch gleichen - Strategie entsprechend zu verarbeiten. Das Spiel überfordert Ihre Kapazitäten zur Informationsverarbeitung.

Nehmen wir jetzt zusätzlich an, dass Sie aus der Spielanleitung nur einige Tipps kennen, sodass Sie selbst eine Strategie entwickeln müssen. Dann wird der Zeitpunkt, an dem die Menge an Information gerade so groß ist, dass Sie sie eben noch verarbeiten können, viel früher auftreten.

Aus diesem vorgestellten Szenario lässt sich ersehen, dass die Fähigkeit zur Verarbeitung von Komplexität abhängig ist von:

  • der Menge an Informationen, die verarbeitet werden müssen,
  • der Vielfalt dieser Informationen und
  • der Veränderungsrate bzw. Neuheit dieser Informationen.

Je schwieriger und je erfolgloser Vorhersagen über die Umwelt sind, desto höher ist die Komplexität der Umwelt, die bewältigt werden muss. Bei einer sehr geringen Umweltkomplexität werden kaum Anforderungen an das Denken gestellt. Bei einer sehr hohen Umweltkomplexität wird das Denken überfordert. Irgendwo dazwischen liegt ein optimales Niveau an Umweltkomplexität, bei dem die Komplexitätsverarbeitung am höchsten ist.

Diese Beziehung von Komplexitätsverarbeitung und Umweltkomplexität lässt sich als eine U-Kurve beschreiben (s. Abb.).

Aufgabe: Denken Sie darüber nach, ob und wie sich die U-Kurve eines Menschen auf niedrigem kognitiven Niveau von der eines Menschen auf höherem kognitiven Niveau unterscheiden müsste. Notieren Sie sich Ihre Hypothesen in Form von Skizzen der U-Kurven.

Unterschiede der U-Kurven verschiedener Menschen

Die U-Kurve gilt für jeden Menschen unabhängig davon, auf welchem kognitiven Niveau er sich befindet. Jeder Mensch verarbeitet Informationen auf einem für ihn optimalen Niveau an Umweltstress und auf die für ihn optimale Weise. Unter Bedingungen, die entweder oberhalb oder unterhalb dieses Niveaus liegen, verarbeitet er Informationen auf einem weniger hohen kognitiven Niveau.

Dennoch unterscheiden sich die U-Kurven von Menschen auf unterschiedlichen kognitiven Niveaus. Zwar nähern sich die U-Kurven von Menschen auf niedrigerem bzw. höherem kognitiven Niveau in den Bereichen extrem suboptimaler und extrem superoptimaler Bedingungen wahrscheinlich stark aneinander an. Aber im Bereich dazwischen lassen sich signifikante Unterschiede beobachten.

Die U-Kurve eines abstrakteren Menschen steigt im mittleren Bereich der Kurve immer höher, als diejenige eines konkreteren Menschen auf niedrigerem Niveau. Das heißt,

  • dass ein abstrakterer Mensch unter dem für ihn optimalen Maß an Umweltkomplexität Informationen auf eine komplexere Art und Weise verarbeitet und
  • dass dieses Maß an Umweltkomplexität höher ist, als das für einen konkreteren Menschen optimale Maß.

Je höher also das kognitive Niveau eines Menschen, desto höher ist das Niveau an Umweltkomplexität, auf dem er sein optimales Maß an Komplexitätsverarbeitung erreicht.

U-Kurve

Außerdem lässt sich beobachten, dass die U-Kurve von abstrakteren Menschen insgesamt in weniger steilen Schritten steigt bzw. fällt. Veränderungen der Umweltbedingungen schlagen sich nicht so schnell in Veränderungen der Komplexitätsverarbeitung nieder. Abstraktere Menschen können also zusätzliche Umweltkomplexität quasi ausdämpfen.

Lernumgebung und Umweltkomplexität

Da bestimmte Umweltbedingungen eine hohe Komplexitätsverarbeitung fördern, während andere sie behindern, lohnt es sich, diese Merkmale genauer unter die Lupe zu nehmen. Der wichtigste Faktor der Umwelt ist - wie schon erläutert - die Komplexität der Informationen, die sie zur Verfügung stellt. Hierbei sind Menge, Vielfalt und Grad der Neuheit bzw. Veränderlichkeit der Informationen maßgebend.

Die Umweltkomplexität kann in Lehr- und Ausbildungssituationen reguliert werden durch:

  • die Beschränkung oder Verweigerung von Informationsmöglichkeiten bzw. das Anbieten eines vielfältigen und komplexen Informationsangebots,
  • die Förderung statischer und gleichbleibender Situationen bzw. sich entfaltender und laufend verändernder Situationen,
  • die Förderung vertrauter bzw. neuer Situationen.

LehrerAufgabe: Überlegen Sie sich, welche Möglichkeiten ein Lehrer hätte, die Umweltkomplexität einer Schulklasse zu variieren. Überlegen Sie weiterhin, welche Variation der Umweltbedingungen beispielsweise für den Physik- oder Englisch-Unterricht vorteilhaft sein könnten.

Die Merkmale der Umwelt, von denen die Umweltkomplexität abhängt, werden entsprechend als „primäre Merkmale“ bezeichnet. Darüber hinaus lassen sich aber verschiedene andere Faktoren ausmachen, die das Niveau der Komplexitätsverarbeitung indirekt beeinflussen und die daher „sekundäre Merkmale der Umweltgegebenheiten“ genannt werden.

Eine Situation mag eine noch so hohe Komplexität zur Verfügung stellen, wenn der jeweilige Beobachter schläft, taubstumm, blind oder aus irgendwelchen Gründen vollständig desinteressiert ist, wird diese Komplexität vernachlässigbare Auswirkungen auf das Niveau seiner Informationsverarbeitung haben.

Diese sekundären Faktoren lassen sich in zwei wesentliche Gruppen unterteilen:

  • Merkmale, die auf das Maß wirken, in dem ein Mensch seine Umwelt zu erfassen versucht
  • Merkmale der Organisationsform
06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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