Seite 6: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Gemäßigt hohes kognitives Niveau

Hier werden erstmals Regeln spezifiziert, die der Bestimmung von Zusammenhängen dienen. Sie sind komplexer als einfache Alternativen. Diese Regeln bieten die Möglichkeit, Interpretationen miteinander in einen übergeordneten Zusammenhang zu bringen, sie zu vergleichen und zu bewerten.

KleinwagenBeispiel: Auf diesem Niveau verfügt Heinz über ein Kriterium, mit dem er verschiedene Ansichten über Autos miteinander integrieren kann. Er könnte z. B. sagen: „Von meinen Gefühlen her sagt mir zwar der PS-Schlitten mehr zu: Ich fühle mich darin wohler. Aber ich finde es aus ethischen Gründen wichtiger, nach dem Argument der Verallgemeinerung zu entscheiden, sodass ich die "Umweltschützer-Schildkröte" vorziehe.“

Solche abstrakten Regeln ermöglichen es ihm, viele Dimensionen miteinander zu integrieren. Das birgt die Möglichkeit, Regeln auf Bereiche zu übertragen, auf die sie bislang nicht angewendet werden konnten, wodurch auch Dimensionen viel stärker diskriminiert werden können.

Beispiel: Indem Heinz Autos auf vielen verschiedenen Dimensionen anordnen kann, ist er in der Lage, ein Auto nicht mehr nur pauschal als gut oder schlecht zu bewerten, sondern er kann einem Auto einzelne positive und negative Aspekte zuordnen. Dadurch ergibt sich für ihn eine Skala mehr oder weniger guter Autos.

Die Umwelt kann also unter vielerlei Aspekten untersucht werden. Zur Bewertung eines Phänomens, zur Lösung eines Problems, zur Modellbildung etc. stehen mehr verschiedene und stärker diskriminierte Dimensionen und Auswahlkriterien zur Verfügung. Dadurch verlieren die einzelnen alternativen Zuordnungen an Sicherheit, sind kaum noch fixiert und werden häufig variiert.

Es lässt sich deshalb beobachten, dass Menschen auf dem gemäßigt hohen kognitiven Niveau länger brauchen, um zu einem endgültigen Urteil zu gelangen. Sie sammeln sehr viel mehr Informationen, bevor sie zu Bewertungen, Urteilen oder Problemlösungen kommen. Sie beziehen unterschiedliche Möglichkeiten der Bewertung in Betracht und vergleichen sie miteinander. Das kostet natürlich entsprechend mehr Zeit, als das einfache Abrufen einer einfachen Zuordnung, wie es auf dem niedrigen kognitiven Niveau stattfindet.

Beispiel: Eine neue Information über ein bestimmtes Auto würde Heinz dazu veranlassen, seine frühere Bewertung zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern. Er wird mehr unterschiedliche Informationen suchen, diese als unterschiedliche Argumente zusammenstellen und mehrere alternative Schlussfolgerungen daraus ableiten können.

Auto auswählenDie gefundenen Lösungen sind für einen Menschen auf diesem Niveau entsprechend weniger endgültig (beständig). Er bleibt ständig offen für neue Informationen, die schneller und weniger abrupt zu Veränderungen von Interpretationen führen, als dies bei den niedrigeren Niveaus der Fall ist.

Aufgrund der höheren Integration verschiedener Dimensionen können hier beispielsweise Strategien entwickelt werden, bei denen Vorhersagen über die Konsequenzen einer Entscheidung aus unterschiedlichen Perspektiven in die Analyse der Situation mit eingehen.

In anderen Worten - innerhalb derselben Situation können verschiedene Handlungsmöglichkeiten entwickelt, verglichen und bewertet werden.

Beispiel: In einem Computer-Strategiespiel können unterschiedliche Strategien des Gegners in der eigenen Planung berücksichtigt werden. Ganz egal ob der Gegner eher mit Flugzeugen, Panzern, Artillerie oder Infanterie anzugreifen versucht - man hat sich im Vorfeld schon eine mögliche Gegenmaßnahme überlegt.

Ein Mensch auf diesem Niveau verfügt deshalb über eine wesentlich größere Anzahl von Beobachtungs- und Lösungsmöglichkeiten, die er leichter variieren kann, sodass er weniger durch externe Bedingungen beeinflussbar ist. Hier wird das "Opfer der Umstände" zum eigenverantwortlichen "Macher". Man rechnet sich die Konsequenzen des eigenen Handelns selbst zu. Erfolg wird hier zu einer "Self-Kompetenz-Frage", und damit wird man fähig, die eigenen Fertigkeiten zu optimieren.

Es fällt schwerer das Verhalten eines Menschen auf diesem Niveau vorherzusagen, da sein Verhaltens-Repertoire relativ groß ist. Im Gegensatz zu den niedrigeren Stufen, erscheint ihm die Umwelt mehr durch seinen Willen beinflussbar zu sein.

Hier sind alle Voraussetzungen für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung oder Selbstreflexion gegeben. Wenn er aus eigenen Stücken die Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt, ist er fähig Gruppen zu führen oder Projekte erfolgreich zu leiten.

Hohes kognitives Niveau

Doktor Auf dem hohen kognitiven Niveau können erstmals sehr komplexe Schemata - wie Metamodelle - ausgebildet und verstanden werden. Auf diese Weise stehen zusätzliche komplexe Potenziale zur Verfügung, um weitere Schemata zur Sammlung und Verarbeitung von Informationen zu organisieren. So hat man beispielsweise die Fähigkeit, Schemata flexibel an wechselnde Voraussetzungen der Situation anzupassen.

Es können abstrakte Prinzipien formuliert und angewendet werden, mit deren Hilfe sich große und heterogene Mengen an Informationen organisieren lassen, die ihrerseits wiederum durch einfachere Schemata entstanden und auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.

Es werden Strukturen entwickelt, die viele unterschiedliche, divergente und widersprüchliche Informationen erfolgreich verarbeiten können. Die Fähigkeit selbst Informationen über Phänomenen zu entdecken und zu nutzen, ist hier am stärksten ausgeprägt.

Beispiel: Heinz denkt auf diesem Niveau nicht nur darüber nach, ob er es richtiger findet, sein Urteil über ein bestimmtes Auto an gefühlsmäßigen oder ethischen Maßstäben zu messen, sondern zieht eine ganze Bandbreite von Konsequenzen verschiedener Aspekte des Autos zur Beurteilung heran.

Er legt außerdem verschiedene Kriterien an Art und Inhalt der Äußerung an, die er zu dieser Frage, in dieser Situation, diesen Menschen gegenüber machen will, und beobachtet nicht nur den Verlauf der Diskussion über das Thema Auto, sondern darüber hinaus verschiedene andere Prozesse, die in dieser Situation stattfinden.

Werden Informationen als momentan nicht relevant angesehen, so werden sie auf dem hohen kognitiven Niveau dennoch registriert, im Gedächtnis behalten und stehen dann in anderen Situationen wieder zur Verfügung.

Ein Mensch, der über eine große Menge unterschiedlicher, handlungsrelevanter Schemata verfügt, kann sich Informationen leichter merken. Das liegt daran, dass er sie in mehr und unterschiedlichere Zusammenhänge bringen kann und damit deren Bedeutung in unterschiedlichen Kontexten verstehen und einordnen kann.

Menschen auf dem hohen kognitiven Niveau haben daher die Fähigkeit, in komplexen, sich verändernde Situationen und in Situationen, in denen es besonders auf:

  • die Nutzung vieler alternativer Interaktionsprozesse und
  • die Fähigkeit, mit den permanenten Veränderungen der Situation fertig zu werden,

ankommt, effektiv und erfolgreich zu handeln.

Zusammenfassung: Kognitive Niveaus

DenkenAuf den niedrigen kognitiven Niveaus sind die Zuordnungen (Bewertungen, Interpretationen) von Phänomenen rigide und starr. Sie unterliegen nur selten einer Veränderung. Während auf dem niedrigen kognitiven Niveau nur jeweils eine solche Zuordnung hergestellt werden kann, sind auf dem gemäßigt hohen kognitiven Niveau bereits verschiedene Zuordnungen möglich.

Auf beiden Niveaus werden zumeist nur solche Informationen berücksichtigt, die in bestehende Denkstrukturen passen. Andere werden entweder getilgt oder stark verzerrt.

Menschen auf einem höheren kognitiven Niveau generieren (sammeln, suchen, erzeugen) mehr Informationen und bewerten diese weniger verbindlich, da ihnen mehr alternative Möglichkeiten zur Verfügung stehen und sie sich in zunehmendem Maße über ihre Denkprozesse bewusst sind.

Entscheidungen werden aufgrund eines größeren Spektrums von Informationen getroffen, aber sie beinhalten in Folge des Auftretens von Alternativen und Konflikten ein geringeres Maß subjektiver Gewissheit.

Sie verfügen auf der einen Seite über mehr Regeln und Schemata, um neue Denkschemata hervorzubringen, die als alternative Kriterien für den Vergleich von Ergebnissen dienen können. Sie können ihre Ergebnisse daher leichter anpassen, wenn sich die Bedingungen der Umwelt ändern.

Auf der anderen Seite sind sie von ihrer Umgebung weniger abhängig, insofern die Tendenz abnimmt, auf jede einzelne Veränderung der Umwelt mit einer neuen Entscheidung zu reagieren, da eine Entscheidung, die auf einem höheren Niveau getroffen wurde, mehr Informationen integriert.

Ganz allgemein ist das Ausmaß, in dem die Abhängigkeit von Veränderungen der situativen Bedingungen abnimmt, der wichtigste Aspekt dieser Entwicklung. Eine Zunahme abstrakter Fähigkeiten bedeutet zugleich eine Zunahme der Freiheitsgrade des Menschen.

Doch einige Punkte sind hier noch anzumerken:

  • Dieses Modell der Niveaus kognitiver Komplexität beruht auf vergleichenden Forschungen zum Verhalten von amerikanischen Studenten. Dass aufgrund der Beobachtungen dieser Personen eben das vorgestellte Modell mit diesen vier kognitiven Niveaus generiert wurde, besagt natürlich nicht, dass nicht auch noch höhere Niveaus kognitiver Komplexität möglich sind. Solche wurden einfach nicht beobachtet und es fällt möglicherweise auch schwer, sich ein solches Denken vorzustellen.
  • Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass ein Mensch sich zu jedem Zeitpunkt auf dem gleichen kognitiven Niveau befindet. Die Niveaus beschreiben Grade vorhandener Denk-Kapazitäten und Denken funktioniert zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gut. Ich werde in den folgenden Kapiteln noch näher darauf eingehen.
  • Genauso wenig - und dies ist vielleicht die wichtigste verbleibende Anmerkung - darf davon ausgegangen werden, dass Menschen sich hinsichtlich verschiedener Themenbereiche auf dem jeweils gleichen kognitiven Niveau befinden. Mit anderen Worten: Das kognitive Niveau eines Menschen muss immer in Bezug auf einen bestimmten (Themen-, Tätigkeits-, Lebens-) Bereich betrachtet werden.

Es kann beispielsweise sein, dass für die Bewältigung „kopflastiger“ Aufgaben eine Struktur auf besonders hohem Niveau zur Verfügung steht, während Gefühle immer auf die gleiche Weise verarbeitet werden (starre Regeln).

Beobachten Sie in der nächsten Zeit Ihre eigene alltägliche Komplexitätsverarbeitung. Analysieren Sie Ihre Beobachtungen anhand der hier vorgestellten kognitiven Niveaus. Versuchen Sie Ihre Stärken und Schwächen herauszufinden, indem Sie Ihre Verhaltensweisen den kognitiven Niveaus zuordnen.

Im Folgenden wird es darum gehen, unter welchen Bedingungen Menschen am ehesten dazu in der Lage sind, höhere Komplexität zu verarbeiten.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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