Seite 5: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Niedriges kognitives Niveau

Das niedrige kognitive Niveau zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es nur wenige Dimensionen zur Beobachtung und Interpretation der Welt zur Verfügung stellt, die zudem kaum diskriminiert und starr verknüpft sind. Ein Mensch auf dem niedrigen kognitiven Niveau wird an einem Phänomen nur wenige Unterschiede beobachten können, sodass ihm meist nur eine einzige Perspektive zur Verfügung steht, unter der er das Phänomen betrachtet.

StreitSeine Ansichten werden im Wesentlichen durch einen einzigen Aspekt des Phänomens begründet sein, der oft besonders hervorstechend oder von außen vorgegeben ist. Daher lässt sich dieses Denkniveau auch als Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien beschreiben.

Beispiel: Ein solcher Mensch beurteilt andere entweder als sympathisch oder als unsympathisch (Freund oder Feind). Er wird in der Regel keine Zwischenstufen dieser Bewertungen in Betracht ziehen und kommt z. B. nicht auf die Idee, Menschen in manchen Situationen oder in Bezug auf bestimmte Eigenschaften als sympathisch und in anderen als unsympathisch zu interpretieren.

Außerdem wird er sich in der Regel in seiner rigiden Bewertung an jenen Bewertungen orientieren, die ihm andere Menschen vorgeben.

Um verschiedene Aspekte eines Phänomens in eine Bewertung einzubeziehen, wäre eine Vernetzung verschiedener Dimensionen nötig, die auf diesem Niveau nicht vorhanden ist. Da jeweils nur ein einzelner oder nur wenige Aspekte beobachtet werden können, müssen andere Aspekte des Phänomens, die nicht dazu passen, getilgt oder stark verzerrt werden.

Weil die kognitiven Strukturen auf dem niedrigen kognitiven Niveau rigide und starr sind, verfügen sie nur über ein sehr geringes Potenzial, Mehrdeutigkeiten, Konflikte und Dissonanzen einerseits zu schaffen, andererseits aufrechtzuhalten. In Konfliktsituationen lässt sich daher häufig ein Verhalten beobachten, das auf möglichst schnelle und einfache Lösungen von Konflikten abzielt.

Mutter Beispiel: Einer Mutter, die die Höflichkeit ihres Sohnes sehr schätzt, wird von einem Lehrer über ein besonders unhöfliches Verhalten ihres Sohnes informiert. Sie müsste also zwei unterschiedliche Einschätzungen miteinander in Verbindung bringen, die sich sehr stark voneinander unterscheiden.

Auf dem niedrigen kognitiven Niveau hat sie diese Möglichkeit aber nicht. Sie wird sich vor einer "Entweder-oder" Entscheidung sehen, d. h. entweder sie hat Recht oder der Lehrer.

Eine typische Reaktion auf dieser Stufe wäre dem Lehrer Unwahrhaftigkeit oder einen Irrtum zu unterstellen und damit die Situation zu verzerren, sodass das Verhalten ihres "höflichen Sohnes" weiterhin als "richtig" erscheint. Unterschiedliche Kontexte können nicht unterschieden werden - z. B. dass der Sohn sich dem Lehrer gegenüber anders als der Mutter verhalten könnte.

Typisch ist auf dieser Stufe auch, dass die eigenen Wahrnehmungen, Interpretationen und Bewertungen als "Fakten" verabsolutiert werden. In anderen Worten - sieht, interpretiert oder bewertet jemand die Welt anders als man selbst, werden die eigenen Überzeugungen als Fakten - und damit als Wahrheit - gesehen.

Aufgabe: Finden Sie mindestens zwei Beispiele für eindeutige und mehrdeutige Bewertungen. Denken Sie darüber nach, unter welchen Umständen es sinnvoll sein könnte, welche Art von Bewertungen zu wählen.

Das obige Beispiel macht ein weiteres Merkmal des niedrigen kognitiven Niveaus deutlich: Die Einordnung eines Phänomens auf einer Dimension (in diesem Falle die Bewertung des Sohnes als höflich) ändert sich nur selten. Wird sie aber doch einmal verändert, dann geschieht dies zumeist sehr abrupt, als ein Wechsel von schwarz nach weiß.

Außerdem werden Phänomene innerhalb sehr kurzer Zeit mit einem hohen Maß an Sicherheit und Endgültigkeit interpretiert. Die kognitiven Strukturen dieses Niveaus sind einfach und bedürfen nicht besonders vieler Informationen, um angewandt zu werden.

Da zu einem Phänomen weder unterschiedliche, noch sich widersprechende Perspektiven eingenommen werden können, ist das Repertoire alternativer Verhaltensweisen sehr eingeschränkt. Deshalb hängt der Erfolg des Verhaltens häufig von externen Bedingungen ab, d. h. auf unterschiedliche Ereignisse kann nicht sehr flexibel reagiert werden.

Die Ursache des eigenen Verhaltens wird häufig in den externen Bedingungen der Situation gesucht. Hier hört man bei Problemen oder Misserfolgen häufig die Ansicht "Opfer der Umstände" zu sein, d. h. die "böse Welt" - und nicht das eigene Unvermögen - ist dafür verantwortlich, ob etwas gelingt oder misslingt.

Aufgabe: Schreiben Sie eine kleine Geschichte, in der eine Person auf dem niedrigen kognitiven Niveau in einen Konflikt gerät. Machen Sie in der Geschichte die oben dargestellten Merkmale dieses Niveaus deutlich.

Gemäßigt niedriges kognitives Niveau

StammtischDer wesentliche Unterschied dieses Niveaus gegenüber dem ersten besteht darin, dass alternative Zuordnungen von Phänomenen auf einer Dimension gebildet werden können. Ein Mensch auf dem gemäßigt niedrigen kognitiven Niveau besitzt die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Interpretationen eines Phänomens zu wählen.

Beispiel: Heinz kann in einem Gespräch mit einem engagierten Umweltschützer die Meinung vertreten, dass ein Auto dann ein gutes Auto ist, wenn es wenig Sprit verbraucht und einen Katalysator hat. Im Gespräch mit einem " Auto-Narren" vertritt er anschließend die Meinung, dass ein gutes Auto möglichst viel Hubraum, viel PS und eine Hochglanzlackierung haben muss.

Plötzlich ist für ihn das vom Umweltschützer bevorzugte "Spar-Auto" eigentlich gar kein Auto mehr. Heinz kann also das Phänomen "Auto" auf der Dimension gutes/schlechtes Auto auf mindestens zwei unterschiedliche Weisen beschreiben.

Aufgabe: Denken Sie darüber nach, was auf dieser Stufe „eine Meinung vertreten können“ bedeutet. Finden Sie hierzu ein Beispiel aus Ihrem eigenen Erleben.

Ein Mensch auf diesem Niveau kann zwei völlig verschiedene Standpunkte in der Beurteilung einer Situation, einer Person oder einer These vertreten. Allerdings kann er diese unterschiedlichen Interpretationen nicht miteinander in Beziehung setzen.

Er kann sie nicht vergleichen und sich auch nicht kompetent für eine Interpretation entscheiden. Hierzu fehlt ihm auf diesem Niveau ein übergeordnetes Kriterium, das die alternativen Zuordnungen miteinander integriert, das also angibt, in welcher Situation oder unter welchen Umständen welche Zuordnung vorzuziehen bzw. richtig ist.

Ein Mensch auf der 2. Stufe wird eine Entscheidung für einen der beiden Standpunkte nicht lange aufrechterhalten, wenn er dadurch in einen unangenehmen Konflikt gerät. Die Aufrechterhaltung dieses Konflikts hätte für ihn schwerwiegendere Konsequenzen als seinen Standpunkt aufzugeben und gegen einen anderen auszutauschen. Denn für ihn erscheinen zwei Standpunkte entweder als "relativ" oder zumindest als kontingent.

Aus diesem Grunde ist er ebenfalls leicht durch seine Umwelt beeinfluss- und orientierbar. In der Regel wird er zu einer gewohnten Bewertung tendieren oder nach sozialen Kriterien entscheiden, z. B. nach dem Kriterium, welche Bewertung ihm am meisten Beachtung oder Anerkennung bringt.

Er kann also die neu gewonnene Fähigkeit, alternative Interpretationen zu generieren, noch nicht im Rahmen von Entscheidungsprozessen anwenden. Vielmehr verbleibt bei Entscheidungen immer ein gewisses Maß an Ambivalenz, Instabilität und ein Mangel an Sicherheit, weil noch die Fähigkeit fehlt, zwischen Alternativen sicher zu wählen und Konflikte zu lösen oder auszuhalten.

Nachdem sich ein Mensch auf diesem Niveau aber für eine Interpretation entschieden hat, verhält er sich nur wenig anders als ein Mensch auf dem niedrigen kognitiven Niveau. Die verschiedenen Interpretationen, zwischen denen er wählt, sind selbst so stabil, wie jene Interpretation, die auf dem niedrigen kognitiven Niveau zur Verfügung steht.

Um zu weniger starren Interpretationen gelangen zu können, müssten die einzelnen Dimensionen stärker diskriminiert und miteinander integriert sein. Beides setzt aber übergeordnete Kriterien voraus, die noch nicht vorhanden sind.

Dennoch treten auf diesem Niveau erste, einfache Annahmen über die eigene Verantwortlichkeit für Bewertungen und Interpretationen auf, da zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Fragestellungen und Interpretationen über Phänomene erzeugt werden können.

Aufgabe: Schreiben Sie eine weitere kleine Geschichte, in der ein Mensch vorkommt, der auf dem gemäßigt niedrigen kognitiven Niveau agiert. Stellen Sie sein Dilemma dar, wenn er in einer Situation mit unterschiedlichen Interpretationen oder Bewertungen konfrontiert wird.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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