Seite 4: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Kognitive Komplexität

Fassen wir jetzt noch einmal zusammen und kehren anschließend zu den Überlegungen vom Beginn dieses Textes zurück:

  • Denken ist immer Denken in Darstellungen.
  • Welche Darstellung wir für ein bestimmtes Objekt wählen, hängt davon ab, welche Perspektive wir zu dem Objekt einnehmen.
  • Eine Perspektive setzt sich aus einer Menge von Dimensionen zusammen, die jeweils relevante Aspekte des Objektes kennzeichnen.
  • Eine Dimension ist eine Menge von Differenzen und kann mehr oder weniger diskriminiert sein, d. h. verschieden gut geeignet, Objekte voneinander zu unterscheiden.

Wir stellten fest, dass wir eine Situation oder ein Problem umso besser bewältigen können,

  • je mehr unterschiedliche Perspektiven wir dazu einnehmen können und
  • je besser wir entscheiden können, welche Perspektive sinnvoll ist.

Denn jede Perspektive liefert uns andere Informationen über das Problem und macht uns daher auch andere Lösungsansätze zugänglich. Um handeln zu können, müssen wir uns aber auch entscheiden können, was wir für wirklich wichtig halten.

Wir können jetzt außerdem feststellen, dass eine Perspektive dann umso besser geeignet ist, Informationen zu liefern,

  • je mehr Dimensionen sie vereint und
  • je feiner die Dimensionen diskriminiert sind.

Kaffee kochenBeispiel: Sie wollen einem guten Freund, der Sie besuchen kommt, einen wirklich guten Kaffee kochen (Sie wissen, dass er guten Kaffee sehr schätzt).

Stellen Sie sich vor, wie Sie also zu Ihrer schon etwas betagten Kaffeemaschine schreiten und sorgsam Ihren schon etwas betagtes Kaffeepulver hineinschütten. Sie wissen, dass Ihr Kaffeeergebnis sehr unbefriedigend ausfallen wird.

Sie wissen, dass man frisches Kaffeepulver verwenden sollte und Sie wissen, dass die Kaffeemaschine nicht verkalkt sein sollte, damit sie hinreichend Hitze entwickeln kann. Sie wissen auch, dass der Kaffee noch besser wird, wenn man ihn per Hand aufbrüht, die Kaffeebohnen kurz vor dem Aufbrühen fein malt etc.

Die Frische des Kaffeepulvers, die Temperatur des Wassers, die Art des Aufbrühens etc. sind natürlich Differenzen, die zu einer relevanten Dimension (Zubereitung von Kaffee) der betreffenden Perspektive (Kaffee, der Ihrem Besuch schmeckt) zählen. Je feiner Sie Ihre Tätigkeit anhand dieser Dimension beobachten können, desto besser wird Ihr Kaffee schmecken.

Informationen, die Ihnen diese Dimension liefern kann, wären z. B.: Wie viel Gramm welcher Sorte Kaffee sind pro Tasse Kaffee nötig? Wie viel Grad sollte das Wasser im Moment des Aufbrühens genau haben? Wann genau ist eine Kaffeemaschine zu verkalkt?

Für unser Vermögen, eine bestimmte, zur Problemlösung notwendige Information zu generieren, spielen zwei weitere Punkte eine große Rolle:

  • der Grad der Vernetzung der Differenzen bzw. Dimensionen untereinander,
  • der Grad der Veränderbarkeit dieser Vernetzung.

Aufgabe: Überlegen Sie sich, weshalb die beiden letzten Punkte relevant sind für unser Vermögen, Information zu generieren. Notieren Sie Ihre Ergebnisse.

Wir können jetzt die Frage, was unter „Kognitiver Komplexität“ genauer zu verstehen ist, beantworten. Kognitive Komplexität bezeichnet den Grad der Vermögen:

  • zu einem Phänomen verschiedene und komplexe Perspektiven hervorzubringen,
  • diese Komplexität zu reduzieren
  • und so eine handlungsleitende Schlussfolgerung abzuleiten.

Je nachdem, wie ausgeprägt diese Vermögen sind, werden vier Niveaus Kognitiver Komplexität unterschieden. Das Komplexitätstraining besteht darin, die Kognitive Komplexität durch geeignete Methoden auf ein höheres Niveau zu steigern. Auf die vier Niveaus werde ich im Folgenden eingehen.

Die Niveaus kognitiver Komplexität

Kognitive Komplexität unterscheidet sich danach, wie viele verschiedene und komplexe Perspektiven zu einem Phänomen generiert (gedacht) werden können und wie funktional diese Komplexität zu einer handlungsleitenden Überzeugung reduziert werden kann. Die Komplexität einer Perspektive hängt ab von:

  • der Anzahl der relevanten Dimensionen,
  • dem Grad der Diskrimination der Dimensionen,
  • dem Grad der Vernetzung der Dimensionen,
  • dem Grad der Veränderbarkeit dieser Vernetzung.

Jedes „Mehr“ einer dieser vier Punkte bedeutet, dass eine höhere kognitive Komplexität vorhanden ist. Es werden vier Stufen unterschieden, die unterschiedlich hohe kognitive Komplexität beschreiben und die ich hier der Einfachheit halber „kognitive Niveaus“ nenne. Die vier kognitiven Niveaus werden bezeichnet als: niedriges, gemäßigt niedriges, gemäßigt hohes, hohes kognitives Niveau.

Computer SimulationAufgabe: Sammeln Sie möglichst viele Hypothesen über Verhaltensmerkmale von Menschen auf niedrigem und Menschen auf hohem kognitiven Niveau. Welche Wirkungen müsste ein „Mehr“ der obigen vier Punkte im Verhalten einer Person zeigen?

Das hier vorgestellte Modell der Komplexitätsverarbeitung wurde u. a. aus vergleichenden Forschungen entwickelt, bei denen das Verhalten von Versuchspersonen beobachtet wurde, die die Aufgabe hatten eine komplexe Wirtschaftssimulation zu bewältigen.

Dabei ließ sich beobachten, dass sich das Verhalten verschiedener Versuchspersonen z. B. unterscheidet in:

  • der Anzahl von Phänomenen, die anhand einer Dimension unterschieden und miteinander verglichen werden können,
  • der Anzahl und Diskrepanz der Perspektiven, die zu jedem Phänomen hervorgebracht und integriert werden können,
  • den Möglichkeiten, verschiedene und diskrepante Perspektiven miteinander auf unterschiedliche Weise in Beziehung zu setzen,
  • den Verzögerung einer endgültigen Entscheidung, wie ein Phänomen eingeordnet wird,
  • der Offenheit für Veränderungen (da Phänomene auf mehrere Arten eingeordnet und bewertet werden können),
  • dem Potenzial, alternative Handlungsweisen hervorzubringen und damit
  • der Unabhängigkeit von externen Bedingungen.

Aufgabe: Stellen Sie sich vor, wie Sie eine Computersimulation (z. B. Wirtschafts-, Kriegs-, Zivilisationssimulation) oder ein anderes Spiel spielen und dabei jeden der obigen sechs Punkte variieren. Was müsste sich für andere beobachten lassen? Notieren Sie Ihre Ergebnisse.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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