Seite 3: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Problemlösungen durch Komplexitätsverarbeitung

C. S. Pierce lehrt uns, dass zu jedem Phänomen prinzipiell unendlich viele Aussagen möglich sind. Wir fassen dies unter dem Begriff des Synechismus (alles hängt mit allem zusammen) zusammen: Jede Aussage lässt sich mit anderen Aussagen in Verbindung bringen (interpretieren). Dadurch entstehen neue Aussagen, die selbst wiederum durch weitere Aussagen verknüpfbar (interpretierbar) sind, ad infinitum.

AutounfallBeispiel: Sie können sich dies anhand irgendeiner Vorstellung eines alltäglichen Gegenstands plausibilisieren. Mit der Idee des Autos lassen sich unmittelbar Ideen wie Fortbewegung, Benzinverbrauch, Unfall, Straßenbau, Verkehrsregeln u.v.m. in Verbindung bringen. Zu jeder dieser Ideen gibt es weitere andere Ideen.

Auf diese Weise hängt ein Auto z. B. über Benzin, Erdöl und urzeitlichen Pflanzen mit den Dinosauriern zusammen, weil die Dinosaurier auf dem herumgetrampelt sind, woraus heute das Benzin raffiniert wird.

Um ein Problem bewältigen zu können, müssen wir aus allen Informationen, die wir für die entsprechende Situation zur Verfügung haben, diejenigen auswählen, die für eine Problemlösung relevant sind.

Mit anderen Worten: Wir müssen die Situation unter einer bestimmten Perspektive betrachten, die es uns ermöglicht, das Problem zu lösen. Verschiedene Perspektiven stellen uns verschiedene Informationen zur Verfügung.

Beispiel: Wenn wir mit dem Auto losfahren wollen, nützt es wenig, über die Art der Lackierung nachzudenken oder die Zusammenhänge zwischen Benzinverbrauch und Umweltverschmutzung zu erforschen. Das sind zwar Perspektiven, unter denen sich ein Auto betrachten lässt, aber sie haben nichts mit unserem Vorhaben zu tun.

Zu jeder Situation sind unendlich viele Perspektiven möglich. Je mehr verschiedene Perspektiven wir denken können, desto größer ist die Chance, dass wir die Situation effektiv bewältigen werden. Dennoch müssen wir uns für eine Perspektive entscheiden, um handeln zu können.

FlugzeugBeispiel: Wenn Sie vor dem Problem stehen, möglichst effektiv zu einem bestimmten Ort zu gelangen, mag es durchaus sinnvoll sein, die folgenden Perspektiven zu berücksichtigen: Kosten, Geschwindigkeit, Nutzbarkeit der Zeit für andere Tätigkeiten (z. B. Lesen, Arbeiten, Gespräche), Nebeneffekte der Fortbewegungsart (körperliche Bewegung, frische Luft, Umweltverschmutzung, Sicherheit) etc.

Um das Problem aber tatsächlich lösen zu können, müssen Sie sich für eine der vielen Möglichkeiten entscheiden.

Komplexitätsverarbeitung besteht deshalb im Wesentlichen darin, die zur Betrachtung einer Sache möglichen Perspektiven zu sammeln und anschließend so zu reduzieren, dass dabei eine Schlussfolgerung herauskommt, die eine Handlung anleiten kann.

Aufgabe: Nehmen wir an, Sie wollen Geld verdienen. Überlegen Sie sich mindestens fünf verschiedene Perspektiven, anhand derer Sie das Thema: „Geldverdienen“ betrachten können. Formulieren Sie Ihre Perspektiven in wenigen Sätzen. Überlegen Sie, welche der von Ihnen aufgeschriebenen Perspektiven, welches Problem lösen könnte. Schreiben Sie Ihre Ergebnisse auf.

Im Alltag erfolgt normalerweise der ganze Prozess der Komplexitäts- und Informationsverarbeitung unbewusst.

Beispiel: Wir setzen uns in ein Auto und fahren los. Es bestehen viele verschiedene Möglichkeiten, das Auto aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wir könnten uns Gedanken über dessen genaue Funktionsweise machen, die Gestaltung des Innenraums oder die volkswirtschaftliche Bedeutung des Autos reflektieren etc. Das tun wir aber nicht.

Wir setzen uns hin, drehen den Zündschlüssel um und fahren los. Aus all den verschiedenen Perspektiven wählen wir automatisch diejenige aus, die uns das Losfahren ermöglicht. Manche Leute mögen ihr Auto vor dem Fahren noch aufräumen, Papier entfernen, Aschenbecher leeren etc., wenn ihnen auffällt, dass es zu unordentlich aussieht.

Wir verfügen also über Verhaltensroutinen, durch die wir uns die Verarbeitung von Information und Komplexität vereinfachen. Diese Routinen werden oft als Denkgewohnheiten bezeichnet. Es liegt auf der Hand, dass diese Denkgewohnheiten wie alle Verhaltensgewohnheiten problematisch werden können. Das ist z. B. dann der Fall, wenn Informationen übersehen werden, die eigentlich für das jeweilige Ziel relevant sind. Es wird also nicht die richtige Perspektive gewählt, um die relevante Information zu generieren.

Aufgabe: Schreiben Sie drei Beispiele für Ihre eigenen Denkgewohnheiten auf. Überlegen Sie sich jeweils drei (reale oder fiktive) Situationen, in denen Sie eine unbrauchbare oder ineffektive Perspektive einnehmen, wenn Sie Ihrer entsprechenden Gewohnheit folgen. Schreiben Sie jeweils kurz auf, inwiefern die Perspektive zu Problemen führen würde.

Unsere Welt besteht aus Differenzen ...

Rührei Wir können eine Perspektive als eine kognitive Struktur beschreiben, die einen gedanklichen Inhalt (z. B. eine Vorstellung von Autofahren) beschreibt. Die Elemente dieser Struktur sind Differenzen. Die Relationen der Struktur bilden Regeln, die die Differenzen aufeinander beziehen.

Beispiel: Der gedankliche Inhalt „Rührei“ wird unter der Perspektive des Geschmacks durch die Differenzen gesalzen/ungesalzen, fest/weich, saftig/trocken etc. genauer beschrieben. Dabei verbinden sich die Differenzen durch Regeln, z. B. dass ein Rührei weder zu salzig noch zu fad schmecken soll, um sagen zu können, was ein schmackhaftes Rührei ausmacht.

In anderen Worten - alles, was wir normalerweise als Eigenschaften oder Attribute einer Sache beschreiben, denken wir in Form von Differenzen.

Beispiel: Um einen Satz zu denken, wie „Ein Kugelschreiber ist länglich“, benötigen wir eine Differenz zwischen Kugelschreibern und anderen Dingen. Das Gleiche gilt für länglich/nicht-länglich. Wenn wir einen Kugelschreiber (denkend) beschreiben, ordnen wir ihn einer Seite der Differenz länglich/nicht-länglich zu.

Nun ist ein Kugelschreiber natürlich nicht nur länglich, sondern z. B. auch essentiell zum Schreiben geeignet. Er besteht aus einem einigermaßen harten Material, besitzt eine Kugel in der Spitze etc. Das alles sind Differenzen.

Der allgemeine Begriff eines Kugelschreibers setzt sich also aus vielen verschiedenen Differenzen zusammen und legt damit gleichzeitig fest, auf welcher Seite der Differenzen der Kugelschreiber jeweils zuzuordnen ist.

Aufgabe: Beschreiben Sie drei einfache Begriffe, indem Sie angeben, welche Differenzen für diese Begriffe relevant sind und auf welcher Seite der Differenz Sie das Phänomen jeweils zuordnen.

KugelschreiberDie verschiedenen Differenzen können entweder als einfache Gegensätze (z. B. schwarz/weiß, hart/weich) oder als Skalierungen zwischen zwei Endpunkten (z. B. verschiedene Grautöne, mehr oder weniger hart) auftreten.

Eine Skala ist mehr als eine einfache Differenz. Sie benötigt außer der Angabe der beiden Gegensätze oder Endpunkte noch eine Regel, die beide miteinander verbindet. Dies ist z. B. bei der Grauskala der Helligkeitswert des Grautons. Die Regel beschreibt, an welcher Stelle auf der Skala zwischen Schwarz und Weiß der jeweilige Grauton anzuordnen ist.

Natürlich denken wir nicht in der Form, dass wir unablässig Listen von Differenzen aufzählen, wenn wir über irgendeinen Gegenstand sprechen wollen. Vielmehr fassen wir verschiedene Differenzen zu Konzepten (Dimensionen) zusammen.

In unserem Beispiel wäre das Konzept (Dimension) "Kugelschreiber" bereits eine beachtliche Ansammlung von vielen verschiedenen Differenzen, die bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, damit wir am Ende tatsächlich einen Kugelschreiber charakterisieren. Weiterhin verbinden wir diese Differenzen durch Regeln, um zu beschreiben, wie diese miteinander zusammenhängen müssen, damit das Konzept (Dimension) "Kugelschreiber" genauer bestimmt werden kann.

Nun sollte verständlich geworden sein, was unter einer kognitiven Struktur zu verstehen ist: Ihre Elemente bilden Differenzen (Kugelschreiber/Nicht-Kugelschreiber), die durch Regeln (Ein Kugelschreiber ist ein Schreibgerät.“ „Ein Schreibgerät ist ...“) relationiert werden. Dies ist unabhängig davon, wie umfassend oder allgemein das beschriebene Objekt ist. Es kann sich dabei um sehr konkrete Dinge (Kugelschreiber) oder abstrakte Phänomene (Staatswesen, Quantensprung) handeln.

Es bleiben zwei Grundbegriffe, auf die wir noch eingehen müssen, um danach die Frage beantworten zu können, was genau unter „kognitiver Komplexität" zu verstehen ist.

Dimensionen und Diskrimination

Wir haben bereits festgestellt, dass es zur Bewältigung irgendeiner Situation nötig ist, sich für eine bestimmte Perspektive zu entscheiden. Das ist deshalb der Fall, weil wir unter verschiedenen Perspektiven verschiedene Aspekte der Situation beobachten.

LiebespaarBeispiel: Ein Mensch ist unter der Perspektive Liebe das wertvollste Wesen der Welt und unter der Perspektive Krieg ein Weichziel. Nun sind „Weichziel“ und „wertvoller Mensch“ sehr unterschiedliche Differenzen. Die beiden Perspektiven ließen sich genauer ausformulieren, indem weitere Differenzen angeben werden, unter denen ein Mensch jeweils beobachtet wird.

Aufgabe: Erstellen Sie eine Tabelle mit jeweils einer Spalte für die Perspektive Liebe und die Perspektive Krieg. Füllen Sie die beiden Spalten mit Differenzen, die Sie unter der jeweiligen Perspektive für wichtig halten. Ist es für die Perspektive der Liebe z. B. wichtig, welche Staatsangehörigkeit jemand hat?

Offensichtlich fasst eine Perspektive verschiedene Aspekte einer Situation, eines Gegenstandes usw. zusammen und sagt: Diese Aspekte sind hierfür wichtig. Wir nennen einen solchen Aspekt in diesem Zusammenhang eine Dimension.

Eine Dimension ist eine Kombination von Differenzen, die einer Perspektive angehören.

Beispiel: Ein Fest könnten Sie unter der Perspektive beobachten, dass Sie es selbst organisieren wollen. Dann sind Aspekte wie Räumlichkeit, Art und Anzahl der Gäste, Zweck des Festes etc. relevant. Der Aspekt Räumlichkeit umfasst z. B. Differenzen wie Größe des Raumes, Beleuchtung, Einrichtung, Atmosphäre usw.

Stattdessen ließe sich ein Fest aber genauso unter der Perspektive der Volkswirtschaft, der Umweltverschmutzung, seiner soziologischen Bedeutung oder historisch-kulturellen Entwicklung betrachten. Diese Perspektiven beinhalten andere Aspekte.

MeterstabOben war bereits die Rede von Skalen, die die Gegensätze einer Differenz als Endpunkte beinhalten und auf diese Weise verschiedene Zwischenwerte zulassen. Auf einer Skala lassen sich mehrere verschiedene Objekte an unterschiedlichen Stellen anordnen, als auf einer einfachen Differenz.

Wie viele Unterschiede wir mithilfe einer Skala beobachten können, hängt davon ab, wie fein sie skaliert ist: Eine Elle macht weniger Unterschiede als ein Zollstock oder Meterstab.

Da eine Dimension aus verschiedenen Skalen und Differenzen bestehen kann, sprechen wir hier von „Diskrimination“ statt von „Skalierung“:

Diskrimination bezeichnet das Maß, in dem eine Dimension die Unterscheidung verschiedener Objekte zulässt.

Beispiel: Die Dimension des Geschmacks von Wein, die ein Weinkenner verwendet, um einen Wein zu beschreiben, ist beispielsweise wesentlich feiner diskriminiert als die eines Normalmenschen. Ein Weinkenner kann mehr Weine anhand dieser (seiner) Dimension unterscheiden.

An dieser Stelle ist ein Hinweis zur Art und Weise angebracht, wie Sie diesen (und jeden vergleichbaren) Text lesen sollten. Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, was das Geschriebene alles praktisch bedeutet. Berücksichtigen Sie, dass es wenig nützt, sich ein abstraktes Gebäude von begrifflichen Zusammenhängen zu konstruieren, das keinerlei Bezug zu dem besitzt, was Sie an Ihnen selbst oder in Ihrer Umwelt beobachten können.

Daher empfehle ich diesen Text noch einmal zu lesen, wenn Sie den Eindruck haben, das Besprochene nicht mit Ihrem praktischen Erleben in Zusammenhang bringen zu können.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
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