Seite 2: Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Was heißt Komplexität?

Komplexität ist also etwas, das in unserer Umwelt nur deshalb vorhanden ist, weil wir sie dort beobachten. Dennoch ergibt es Sinn, davon zu sprechen, dass z. B. ein Buch komplex ist. Damit meinen wir normalerweise, dass das Buch hohe Anforderungen an unser Denken stellt, wenn wir es verstehen wollen. Der Autor hat viele Elemente auf vielfältige Weise miteinander relationiert, sodass er unser Denken herausfordert, seine Gedanken als Autor nachzuvollziehen. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch davon, dass der Text eine bestimmte Komplexität zur Verfügung stellt.

Aber: Ob wir diese Komplexität beobachten oder nicht, hängt von uns ab. Wir könnten das Buch auch einfach weglegen, gar nicht erst lesen und eben nicht nachvollziehen, was uns der Autor mitteilen will.

Außerdem kennen Sie sicherlich Situationen, wo Sie sich fragen, wie „tief“ oder "wie genau" Sie einen Text verstehen wollen, um das dort mitgeteilte Wissen für Ihre Zwecke anwendbar zu machen.

Buch lesenManche lesen beispielsweise die Gebrauchsanleitung ihres neuen Videorekorders nur soweit, dass sie die einfachsten Funktionen nutzen können. Es reicht ihnen, wenn sie Filme manuell aufnehmen und wiedergeben können. Von weiteren Möglichkeiten jedoch (z. B. der Programmierung von TV-Sendern oder einer automatisierten Aufnahme) haben sie keine Ahnung.

Komplexitätsverarbeitung mündet somit in der Frage, wie viele Zusammenhänge Sie faktisch verstehen wollen.

Darüber gelangen wir zu einer anderen Definition von Komplexität, die ebenfalls sehr gängig ist: Komplexität bezeichnet einen Mangel an Information.

Diese Definition ist vielleicht erklärungsbedürftig. Wie oben schon festgestellt, denken wir in Darstellungen, mit welchen wir die Welt abzubilden versuchen. Wenn wir nun vor irgendeinem Problem stehen, z. B. ein Auto zu reparieren, dann rufen wir uns gedanklich zunächst unsere Darstellungen von Autos, deren Funktionsweise und möglichen Fehlerquellen etc. ab und bringen sie miteinander in Verbindung. Auf diese Weise können wir dann schlussfolgern, was zu tun ist, um das Auto zu reparieren.

Beispiel: Nehmen wir an, dass der Fehler irgendwo in der Elektrik des Autos liegt - eine Sache, die für die meisten Menschen nicht unmittelbar durchsichtig ist. Wir wissen einige grundlegende Dinge darüber, haben vielleicht einen Schaltplan und können uns die Verkabelungen im Auto anschauen. Aus diesen wenigen Informationen (z. B. unser Schulwissen in Physik) müssen wir die richtigen Schlussfolgerungen ziehen, um herauszufinden, worin der Fehler besteht.

Auto reparieren Uns fehlen also Informationen und unser Ziel besteht darin, diese fehlende Information aus bereits vorhandenen oder zugänglichen Informationen zu erzeugen. In solchen Fällen besteht Komplexität darin, dass die Struktur oder Darstellung, die wir benötigen, so umfangreich ist, dass wir sie nicht auf Anhieb verstehen können bzw. sie nicht sofort abrufbereit haben.

Je mehr Verbindungen wir zwischen den Elementen herstellen müssen, um eine gefragte Information zu erhalten, desto komplexer ist die Situation oder das Problem.

Aufgabe: Finden Sie ein bis zwei eigene Beispiele für komplexe Situationen in Ihrem Leben, die Sie bewältigt haben. Schreiben Sie jeweils auf, welche Informationen Ihnen zur Verfügung standen und welche Verbindungen (z. B. Schlussfolgerungen) notwendig waren, um die gefragte Information (Problemlösung) zu erhalten.

So kann man die Frage „Wie genau will ich einen Text verstehen?“ jetzt umformulieren in: „Welche Information, die ich jetzt nicht habe, will ich haben, wenn ich den Text gelesen habe?“

Ob wir diese Informationen nach dem Lesen des Textes haben oder nicht, hängt natürlich davon ab, inwiefern wir in der Lage sind, den Text zu verstehen. Es hängt von unseren kognitiven Kapazitäten ab, ob wir die wichtigsten Informationen erkennen und richtig verknüpfen können. Analog dazu hängt es im obigen Beispiel der Autoreparatur von unseren kognitiven Kapazitäten ab, ob wir den elektrischen Schaltplan zumindest soweit verstehen, dass der Fehler gefunden wird.

Wir müssen also unterscheiden, zwischen ...:

  • ... der Komplexität, die ein Buch, eine Situation usw. erfordert, um sie zu bewältigen und
  • ... der Komplexitätsverarbeitung des Denkens, aufgrund derer ein Mensch in der Lage ist, die Komplexität eines Buches, einer Situation etc. zu bewältigen

Letzteren Punkt bezeichnen wir als Kognitive Komplexität (genauer eigentlich: Komplexitätsverarbeitungskapazität). Kognitive Komplexität meint also das Maß an kognitiven Kapazitäten, über die ein Mensch verfügt, um die Komplexität einer Gegebenheit zu bewältigen.

Komplexität und Kompliziertheit

AutomechanikerUm dieses Thema noch ein wenig komplexer zu machen, wollen wir uns mit dem bisherigen Begriff von Komplexitiät noch nicht zufrieden geben. Wir werden eine weitere sinnvolle Beschreibung über Komplexität einführen, um sie von dem Begriff der Kompliziertheit unterscheiden zu können:

Komplexität bezeichnet das Maß für die Unvereinbarkeit von Elementen.

Raucht Ihnen jetzt der Kopf? Keine Sorge, ich habe es auch nicht auf Anhieb verstanden. Daher will ich mit einem Beispiel beginnen.

Es mag bei einer Autoreparatur der Fall auftreten, dass wir zwar meinen zu wissen, wie unser Auto funktioniert, aber dennoch keine Lösung für unser Problem finden. Möglicherweise messen wir an verschiedenen Stellen die Spannung und kommen zu Ergebnissen, die unserem Modell dieses Autos überhaupt nicht entsprechen. Dann sind diese Informationen - gemäß unserem Modell - miteinander unvereinbar.

Sicherlich ist es möglich, zu erklären, weshalb wir zu diesen - scheinbar widersprüchlichen - Ergebnissen gekommen sind. Aber wir sind zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, sie auf der Grundlage unserer kognitiven Komplexität zu verarbeiten. Man steht erst einmal wie der "Ochs vor dem Berg", die "Birne raucht" und wir verstehen nur "Bahnhof".

Unser Problem ist Folgendes: Die betreffende Information fehlt nicht nur, sie ist zudem ohne einen Zuwachs kognitiver Komplexität nicht erschließbar. Fehlen dagegen nur einige Informationen, die wir aber - aufgrund unserer Vorkenntnisse - selbst verarbeiten können, so bezeichnen wir diesen Zustand als Kompliziertheit.

Der wesentliche Unterschied zwischen Komplexität und Kompliziertheit ist also Folgender:

  • Ist eine Sache komplex, so müssen wir etwas Neues lernen oder begreifen, um sie zu bewältigen.
  • Ist eine Sache kompliziert, erfordert es "nur" einigen Aufwand sie mit dem vorhandenen Wissen zu bewältigen.

Komplexitätsreduktion

Wir sprechen meist dann von "dem Bewältigen" und "dem Verarbeiten von Komplexität" (Mangel an Informationen), wenn wir durch erfolgreiches Nachdenken die fehlenden Informationen erschließen können. Jeder, der als "Anfänger" ein Problem mit seinem Computer schon einmal erfolgreich gelöst hat, kennt genau diesen Fall.

Uns fehlen anfangs die Informationen, wir denken nach, probieren etwas aus, etc. und verfügen im Anschluss über die fehlende Information. Der Computer war gar nicht "kaputt". Wir haben nur vergessen den Power-Schalter hinten am Netzteil zu betätigen.

Liste lesenDa wir uns heute einer Welt gegenüber sehen, die immer komplexer wird, werden die Anforderungen an eine erfolgreiche Lebensführung immer anspruchsvoller. So gab es vor einigen Jahrzehnten beispielsweise nur einen einzigen Telefonanbieter. Wer ein Telefon anmelden wollte, wusste genau was zu tun ist.

Heute muss man sich Fachzeitschriften besorgen und ellenlange Tabellen studieren, um herauszubekommen, wer den günstigsten DSL-Anschluss bereitstellt und darüber hinaus prüfen, ob man dabei übers Ohr gehauen wird oder nicht.

Die heutige Welt ist so komplex geworden, dass keiner mehr den Durchblick in allen Bereichen haben kann. Wir befinden uns in einer Situation, in der wir quasi permanent einem "Informations-Overflow" ausgesetzt sind, d. h., wir müssen Komplexität in vielen Bereichen stark reduzieren, um sie überhaupt noch bewältigen zu können.

Daher resultiert aus wachsender Komplexität zugleich Unklarheit, Unwissen und Unsicherheit. Das wird oft als störend oder bedrohlich erlebt.

Es gibt drei Arten mit dieser Situation umzugehen:

  1. Die Komplexität wird ignoriert -> man tut so als wäre nichts bzw. alles klar, es gibt einfach kein Problem. Die Unsicherheit wird aufgelöst, indem man sie übersieht;
  2. Die Komplexität wird aufrechterhalten -> man ist sich darüber bewusst und erkennt, dass z. B. ein Problem, ein Informationsdefizit besteht, das momentan aber nicht gelöst werden kann oder soll (z. B. aus Mangel an Wissen). Die Unsicherheit besteht weiter und wird ausgehalten;
  3. Die Komplexität wird bewältigt -> man denkt darüber nach, bis man eine Lösung gefunden hat. Die Unsicherheit wird aufgelöst, indem Überzeugungen und Handlungsmöglichkeiten generiert werden.

Dem ersten und dritten Punkt ist gemein, dass sie den Unsicherheitsfaktor der Situation auflösen, sodass wieder ein Gefühl der Sicherheit entsteht. Diese beiden Fälle sind Beispiele für eine Komplexitätsreduktion. Komplexitätsreduktion erfolgt also entweder durch Komplexitätsbewältigung oder durch Ignorieren von Komplexität.

Doch nur bei der Komplexitätsbewältigung kann man sagen, dass es sich um eine funktionale oder erfolgreiche Reduktion von Komplexität handelt.

Aufgabe: Schreiben Sie zu jeder der drei Arten mit einer komplexen Situation umzugehen beispielhafte Situationen aus Ihrem eigenen Leben auf. Überlegen Sie, in welchen Situationen Sie welche der drei Verhaltensweisen für sinnvoll halten.

Aus dem bislang Besprochenen ergeben sich nun verschiedene Fragen:

  1. Worin genau besteht Kognitive Komplexität?
  2. Worin genau bestehen die Unterschiede verschieden hoher Kognitiver Komplexität?
  3. Wovon ist der Grad der Kognitiven Komplexität abhängig bzw. wie lässt er sich beeinflussen?

Auf diese Fragen werde ich in den weiteren Teilen dieses Kurses eingehen. Zunächst ist es wichtig, den Begriff der Komplexität genau zu verstehen.

Daher empfehle ich Ihnen den bisherigen Text über Komplexität in nächster Zeit häufiger zu lesen und die darin besprochenen Inhalte (vor allem die Definitionen) im Alltag zu beobachten und anzuwenden. Folgende Fragen mögen eine Anregung dafür sein:

  • Welche Situationen in Ihrem täglichen Leben sind komplex, welche sind einfach?
  • In welchen Situationen geben Sie sich Mühe, Komplexität zu bewältigen?
  • Wann ignorieren Sie Komplexität, wann erhalten Sie sie aufrecht?
  • Wie schätzen Sie Ihre Kognitive Komplexität in verschiedenen Lebenssituationen (Beruf, Familie, Autokauf etc.) ein?

Solche Beobachtungsübungen können Ihnen helfen, sich zu vergegenwärtigen, in wie vielen Bereichen Ihres Lebens die erfolgreiche Bewältigung von Komplexität eine Rolle spielt.

Zusammenfassung: Was heißt Komplexität?

Fassen wir das bislang Besprochene noch einmal zusammen:

  • Komplexität ist eine Eigenschaft von Strukturen. Strukturen bestehen aus Elementen und Relationen.
  • Strukturen sind komplexer, je mehr Elemente oder Relationen sie vereinen.
  • Komplexität tritt für uns als Mangel an Information in Erscheinung, wenn Strukturen zu komplex sind, um sofort erfasst zu werden.
  • Komplexität und Information sind in der Welt nicht materiell vorhanden, sondern setzen Beobachten und Denken voraus. Komplex ist, was wir als komplex beobachten.
  • Komplexität bedeutet Unsicherheit und Instabilität, weshalb der Mensch dazu tendiert, Komplexität zu reduzieren (entweder zu bewältigen oder zu ignorieren).

Wir stellten außerdem fest, dass es von der kognitiven Komplexität eines Menschen abhängt, welche Situationen oder Probleme sich für ihn als komplex darstellen. Um Probleme zu lösen, muss man denken können. Je besser man denken kann, desto bessere Voraussetzungen hat man für die Problemlösung.

Bislang blieb die Frage offen, was genau unter kognitiver Komplexität zu verstehen ist. Um diese Frage beantworten zu können, sind zunächst einige Grundbegriffe zu erläutern, denen die nächsten Kapitel gewidmet sind.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  
Kommentar schreiben