Seite 6: Grundlagen für erfolgreiches Lernverhalten - Kurs "Lernen lernen" Teil 1

Fallbeispiel 2 - Planungsprobleme

Planungsprobleme oder verflixte Zufälle?

Lernproblem planungEva hat in vier Wochen ihre erste Zwischenprüfung als Chemielaborantin. Es scheint genügend Zeit zu sein, um sich angemessen auf die Prüfungen vorzubereiten. Sie teilt den Lernstoff in kleine Häppchen und rechnet sich aus, daß sie je einen Abend am Mittwoch plus die Wochenenden braucht, damit sie sich ohne Streß in das Thema einarbeiten kann.

In der ersten Woche hat ihre beste Freundin am Mittwoch Geburtstag und am Wochenende spielt ihre Lieblingsband in München. Aber es ist immer noch genügend Zeit übrig. Eine Woche hin oder her - sie schafft das schon...

In der kommenden Woche zeichnet sich ähnliches ab - eine wichtige Autoreparatur, eine Firmenfeier, eine Einladung eines Kollegen. Ehe sie sich versieht sind drei Wochen vergangen. Ihr fällt siedend heiß ein, daß die Prüfung kurz bevor steht. Als letzte Rettung will sie alle noch verbleibende Zeit zum Lernen verwenden, damit sie zumindest noch eine Chance hat, alles liegengebliebene Material zu lernen.

Aufgabe

Versetzen Sie sich in Evas Situation und beantworten Sie die folgenden Fragen.

  • Wie konnte es passieren, daß Eva ihr Lernvorhaben immer wieder aufgeschoben hat? Waren die scheinbaren "Notwendigkeiten" wirklich so notwendig?
  • Welche Anregungen und Tips würden Sie Eva für die Zukunft geben? Wie sollte sie sich in ähnlichen Fällen verhalten?
  • Kennen Sie eine ähnliche Situation bei sich selbst? Was hinderte Sie daran, Ihr Vorhaben planungsgemäß umzusetzen?

Vergleichen Sie Ihre Antworten mit meiner Analyse erst, wenn Sie sich Ihre eigenen Gedanken notiert haben.

Evas Situation

Viele Menschen kennen solche Lernsituationen: mit den besten Absichten planen sie und aus irgendwelchen Gründen gelingt die Umsetzung nicht. Es gibt viele mögliche Gründe dafür, warum Eva sich so verhalten hat. Für Eva wird wichtig sein, daß sie die Ursachen für ihre Vermeidungsstrategien erkennt. Denn nur wenn sie sich dessen bewußt wird, was sie vom lernen abhielt, kann sie zukünftig in ähnlichen Situationen anders handeln.

Eva könnte darauf kommen, daß ...

  1. ...sie eine heimliche Abneigung gegen das Lernen hat. Sie ist viel lieber mit anderen Menschen zusammen, als allein vor ihrem Schreibtisch zu sitzen.
  2. ... sie am besten unter Zeitdruck lernt. Sie braucht vielleicht eine bestimmte Intensität, damit sich die Inhalte besser einprägen.
  3. ... mehr Zeit mit Ihren Freunden verbringen könnte, wenn Sie die Lernhäppchen möglichst gut verteilt. Außerdem hat weniger Stoff - auf länger Zeit verteilt - den Vorteil, daß er eher im Langzeitgedächtnis gespeichert wird.
  4. ... sie sich dem Sinn und Nutzen dieser Fachkenntnisse nicht bewußt ist. Wenn ihr die Vorteile bzw. der Sinn des Lernens nicht präsent ist, wird sie weniger motiviert sein, Zeit in ihre Lerntätigkeit zu investieren.
  5. ... sie früher nie allein gelernt hat. Damals waren immer ihre Eltern oder Geschwister bei den Hausaufgaben dabei. Allein zu lernen ist für sie eine völlig neue Aufgabenstellung.
  6. ... sie die Menge des Stoff's und dessen Komplexität völlig unterschätzt hat. Erst am Ende fällt ihr auf, daß die verbliebene Zeit viel zu kurz ist, um alles wirklich inhaltlich verstehen zu können.

Tips

Je nachdem, aus welchen Gründen sich Eva so verhält, helfen ihr unterschiedliche Methoden weiter:

  1. Eva kann sich klar machen, welche konkreten Abneigungen sie am Lernen hindern. Vielleicht hilft es, wenn sie sich für das Einhalten ihrer Vorhaben belohnt - beispielsweise mit einem Kinobesuch.
  2. Wenn sie gerne mit anderen Menschen Kontakt hat, kann sie sich einen Rahmen suchen, in dem sie mit andern Menschen zusammen lernen kann.
  3. Wenn Eva eine bestimmte Intensität - z.B. Zeitdruck - beim Lernen braucht, könnte sie sich überlegen, welche anderen Alternativen es gibt, die Intensität ohne Risiko zu erzeugen.
  4. Eva macht sich bewußt, daß sie faktisch mehr Zeit mit ihren Freunden verbringen kann, wenn sie kleinere Lernhäppchen verarbeitet. Sie kann sich auch bewußt machen, daß sie später weniger nachlernen muß, wenn sie wichtige Lerninhalte im Langzeitgedächtnis speichert.
  5. Sie macht sich bewußt, welchen Sinn und Nutzen diese Ausbildung für sie hat - welche Möglichkeiten ihr dadurch in der Zukunft offen stehen.
  6. Sie sichtet den gesamten Stoff möglichst früh, um sich ein Bild von der Menge und Komplexität der Informationen zu machen. Sie kann eine "Lerneinheit" testen, um zu ermessen, wie viel Zeit sie wirklich dafür brauchen wird.
17.04.2017 © seit 03.2006 Petra Sütterlin  
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