Seite 9: Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Die Auflösung von Hierarchien

Damit ist ein weiterer zentraler Aspekt der modernen Gesellschaft schon genannt: "Wenn alle zu Dauerlernern werden, erfährt auch das Generationenverhältnis eine Entgrenzung." (75) Hierarchien, die rein auf Lebensalter beruhen und "hergebrachte pädagogische Auffassungen, in denen die Jungen von den Alten das Singen lernen müssen" lösen sich auf. (76)

In der sogenannten individualisierten Gesellschaft hat jeder (mehr oder weniger) die Möglichkeit, sich selbst für seinen Beruf und seine Lebensform zu entscheiden. Während es früher fast einem Naturgesetz gleichkam, dass man in die Fußstapfen der Eltern zu treten und in dem Stand zu verbleiben hatte, in den man hineingeboren war, ist das heute ungleich durchlässiger geworden.

Damit sind aber "Entscheiden, Entscheiden können und Entscheiden müssen zentrale Momente" (77) geworden. Entscheiden können hat immer mit (Wahl-)Freiheit, Verantwortung und damit auch Selbstkenntnis zu tun. Es ist eine Fähigkeit, die man schon in der Kindheit fördern oder behindern kann.

Im familiären Bereich zeigt sich dieser Wandel in der Ablösung des "Befehlshaushaltes" durch den "Verhandlungshaushalt". Im Verhandlungshaushalt hat sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau und jung und alt grundlegend verändert.

Frauen gestalten ihre Biographie weniger nach geschlechtsspezifischen Vorgaben (...). Männer beginnen, (...) sich eine aktivere Rolle in der Familie zuzuschreiben. Ehepartner verhandeln über ihre emotionalen und materiellen Bedürfnisse (...). Eltern (...) erziehen ohne die Sicherheit unbestrittener gesellschaftlicher Werte. Kinder erleben ihre Eltern nicht mehr als unnahbare Autoritätspersonen, sondern als Ratgeber und Gesprächspartner.

Es gibt Bereiche, in denen die Kinder kompetenter sind (Beispiel Medien, Computer), in denen die Eltern von den Kindern lernen (können). "Beide, Eltern und Kinder leben in einer Gesellschaft, die Offenheit für neue Situationen und Erfahrungen belohnt." (78)

Anders als in der Familie findet sich der Stellenwert solcher Fähigkeiten "in pädagogischen Konzeptionen und Curricula indes bislang kaum wieder." (79) Selbst in reformpädagogischen Theorien "wird das Generationenverhältnis nicht grundsätzlich in Frage gestellt, ebensowenig wie die Institution Schule." (80) "Zeitangemessene Lernformen (...) überfordern derzeit noch alle (...) Handlungsträger". Lernen wird immer noch "gleichgesetzt mit formalem Lernen". (81)

Im Begriff des lebenslangen Lernens steckt schon drin, dass "nicht nur Generationsgrenzen, sondern auch Grenzen zwischen Lernen, Freizeit und Arbeiten verschwimmen." (82)

Mit diesem Thema habe ich mich auch in meiner Hausarbeit zum Thema Spielen beschäftigt und die These vorgestellt, dass das freie Spielen des Kindes die Tätigkeit ist, mit der sich Kinder am besten auf die Bedingungen der postmodernen Gesellschaft vorbereiten.

Wie im obigen Zitat Sir Simon Rattle sind sich heute viele Menschen, auch Wissenschaftler darin einig, dass Ideale wie Freiheit, Eigenverantwortung, Kreativität und Muße nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten, sondern für viele Menschen möglich sind. (83)

Das postindustrielle Zeitalter

befreit einen immer größer werdenden Prozentsatz der Menschheit davon, sich gänzlich auf die nötigsten Überlebensbedürfnisse zu konzentrieren. Ein kleiner Bruchteil der Arbeit, die man tut, wird benötigt, um grundlegende Bedürfnisse nach Essen, Kleidung und Unterkunft zu befriedigen.

Das Zeitalter der Muße für jedermann ist greifbar. (...) die Herausforderung des Erwachsenendaseins besteht in der Zukunft darin, seine Muße im vollen Maße seiner Fähigkeiten zu nutzen, fähig zu sein, jedes Bisschen seines Könnens, seines innovativen Potenzials und seiner Kreativität zu nutzen.

Spielen ist der Dreh- und Angelpunkt der Zukunft. Es ist kein Randthema. Es ist der Schlüssel zur Zukunft. (84) (85)

In dieser Hausarbeit kann ich die Forderung erweitern: Nicht nur außerhalb der Schule sollten Kinder viel mehr frei spielen, als sie es heutzutage in der Regel tun, sondern auch in der Schule - und zwar hundertprozentig selbstbestimmt. Das heißt, die Kinder entscheiden selbst, was, wann, wo, wie lange, mit wem sie lernen und spielen.

Dass das funktioniert und dass dadurch Menschen heranwachsen, die auch in unserer Gesellschaft Karriere machen, Verantwortung übernehmen und tun, was sie wollen und wollen, was sie tun, zeigen Schulen wie die 'Sudbury Valley School', die seit über 40 Jahren erfolgreich besteht.

Wie kann das gehen? Einige Argumente sind im 3. Kapitel dieser Hausarbeit genannt worden. Eine umfassende Begründung wäre Thema einer eigenen Hausarbeit. Ein Argument, das die Mitbegründerin der Sudbury Valley School beschreibt, möchte ich jedoch zitieren:

Eines Tages bemerkte ich aber, wie bestimmte Kinder, denen ich seit sechs Jahren oder sogar noch länger beim Spielen zugesehen habe, sich plötzlich (so schien es mir) einer Arbeit ganz widmeten - mit der gleichen Hingabe wie ihrem Spiel. Dies brachte mich dazu, andere Kinder zu beobachten, und ich entdeckte, daß das bei fast allen, die an der SVS [Sudbury Valley School] aufgewachsen sind, der Fall war.

Ihnen fehlt in bemerkenswertem Maße das Talent für die Kunst des Ausweichens und Sichdrückens. Sie scheinen ihre Haltung von Spiel- und Spaßaktivitäten auf alle ihre Aktivitäten übertragen zu haben. Wenn sie danach gefragt werden, geben sie oft zu, daß sie kein Interesse an bestimmten Aktivitäten haben, denen sie aber dennoch nachgehen, weil sie (...) es müssen, um sich Kenntnisse wie Mathe, Rechtschreibung oder was auch immer anzueignen.

In anderen Fällen übernehmen sie langweilige Jobs, wenn sie Geld verdienen müssen und keine besseren Jobs zur Auswahl stehen. Die meiste Zeit wenden sie sich auch weiterhin mit Energie und Konzentration dem, was auch immer sie tun, zu. Bei ihrer Arbeit sind sie ausdauernd, übernehmen Verantwortung und werden von ihren Arbeitgebern geschätzt. (...) Sie sind frei von den Techniken, die jedes Kind früher oder später in der herkömmlichen Schule überall in der Welt benutzt.

Kinder, die gezwungen werden, einem Unterricht zuzuhören, der nicht ihrem Streben entspricht, (...) einen Stoff zu lernen, der ihnen nicht relevant erscheint (...) - alle wenden ähnliche Bewältigungsstrategien an. (...) Schlechte Arbeitsgewohnheiten werden verinnerlicht, Charakterzüge werden geformt, die wieder rückgängig zu machen später große Anstrengungen erfordert. (...) Vielen Menschen fällt es schwer, enthusiastisch zu sein, ihre Energie für die Arbeit zu verwenden, ihre Vorstellungskraft zu nutzen und bei der Lösung eines Problems kreativ zu sein. (86)

Quellennachweise:

(75) Ebd. S. 235

(76) Ebd. S. 238

(77) Pech, D., a.a.O. S. 96

(78) Bois-Reymond, M. du, a.a.O. S. 227f.

(79) Pech, D., a.a.O. S. 97

(80) Bois-Reymond, M. du, a.a.O. S. 230

(81) Ebd. S. 234f.

(82) Ebd. S. 235

(83) Buchner, P. (2010): Die Bedeutung des Spiel(en)s. HS Magdeburg-Stendal. S. 17

(84) Greenberg, Daniel (2006): Ein klarer Blick. Neue Erkenntnisse aus 30 Jahren Sudbury Valley School. Leipzig: tologo verlag. S. 24

(85) Vergleiche dazu auch einen Auszug aus der Rede der Soziologie-Professorin Frigga Haug zur Eröffnung des

3. Deutschen Sozialforums im Herbst 2009:

"Denn Arbeitslosigkeit ist ja nicht einfach ein Mangel und Anzeiger für Armut. Sie ist nach der anderen Seite hin nichts anderes als der Nachweis, dass sich die Produktivkräfte der Arbeit soweit entwickelt haben, dass wir die notwendige Arbeitszeit für das Überleben erheblich reduzieren können, sie zeigt also Reichtum an -, freilich nicht für diejenigen, die arbeitslos werden.

Wenn gesellschaftlich weniger Arbeit für das Notwendige gebraucht wird, wären die Menschen freigesetzt, endlich die vielen Tätigkeiten aufzunehmen, zu denen aus purer Not in der Form der Überarbeit bislang die Zeit nicht reichte." Eine dieser Tätigkeiten ist bei Frigga Haug die Muße, die Selbstentfaltung.

Haug, F. (2009): Teilzeitarbeit für alle. URL: http://www.friggahaug.inkrit.de/documents/hitzacker091016.pdf

(86) The Sudbury Valley School Press, a.a.O. S. 22f.

05.04.2017 © seit 02.2011 Priska Buchner
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