Seite 6: Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Schularbeit ist ökonomisch produktive Arbeit

Eine ungewohnte Perspektive ist die, dass die Schularbeit der Kinder selbst ökonomisch produktive Arbeit ist. Sie stammt von dem Soziologen Jens Qvortrup, dessen Argumentation ich hier zusammengefasst wiedergebe. (53)

Ausgangspunkt ist die These, dass Schularbeit vergleichbar ist mit Investitionen in die "Verkehrsinfrastruktur, Forschung, Verteidigung, öffentliche Verwaltung usw., die der Allgemeinheit zugute kommen".

Schulkind Bildungskritik1994 schätzte das Bundesministerium für Familie und Senioren die Kosten für das Großziehen eines Kindes auf knapp 500.000 DM, davon übernimmt die Familie 90 %, 10 % steuert die Gesamtheit der Steuerzahler, also der Staat bei.

Die Eltern tragen mit dieser Investition - und die Kinder mit ihrer Schularbeit - also den Großteil "zur Bildung des Humankapitals bei", während dagegen der Output, der Gewinn daraus am Ende nicht der einzelnen Familie zugute kommt (z.B. in der Altersversorgung), sondern der ganzen Gesellschaft. (54)

"Es ist wahrscheinlich unbestritten, daß Schularbeit von Kindern (...) Körper und Geist involviert und einen gewissen Zeitaufwand erfordert. (...) Als Verdienst angerechnet werden diese Aktivitäten jedoch ausschließlich dem Lehrpersonal, das den Kindern Wissen vermittelt." Wenn man die Kinder als Beteiligte an dieser Produktion nicht entlohnt, liegt dem in gewisser Weise ein Bild zugrunde, dass sie zu "Trivialmaschinen" degradiert, also zu einer Art Maschinen, in die Wissen hineingefüllt wird, und die dann automatisch Humankapital produzieren. (55)

Menschen sind aber keine Maschinen oder Objekte, sondern müssen das Wissen aktiv verarbeiten und produzieren.

Qvortrup vertritt die These, dass "die gesellschaftlich notwendigen und damit in der Praxis obligatorischen Aktivitäten" der Kinder in einem engen "Korrespondenzverhältnis" zu der "dominanten Produktionsart" einer Gesellschaft stehen. Die dominante Produktionsart der Moderne ist nicht die manuelle Arbeit, sondern die Arbeit mit Symbolen und Abstraktionen. "Es gibt heute kaum mehr einen Beruf, der ohne Kenntnis (...) von Buchstaben, Zahlen, Zeichen", ohne "abstrakte Argumentation und Kommunikation" ausgeübt werden kann.

Kinder waren und sind "in jede Wirtschaftsform einbezogen", das ist auch "die logische Erklärung für all die Auseinandersetzungen um die Verwendung der Zeit der Kinder im Verlauf der Geschichte." (56) Bei Qvortrup klingt an, dass das auch der Grund sein kann für Schulzwang und Verbot von Kinderarbeit. (57)

Wenn eine Arbeit der dominanten gesellschaftlichen Wirtschaftsform entspricht, spricht man von "systemimmanenter" Arbeit. So besteht die systemimmanente Arbeit von Kindern "in einer Gesellschaft von Jägern" im Jagen,

in einer Gesellschaft von Fischern befassen die Kinder sich mit Fisch; in einer landwirtschaftlich orientierten Gesellschaft verrichten die Kinder Feldarbeit; in einer rudimentär industrialisierten Gesellschaft arbeiten die Kinder in Fabriken; und in einer entwickelten Industriegesellschaft gehen die Kinder zur Schule. (58)

"Die Produktion von Arbeitskräften für den Arbeitsmarkt (...) ist ein langfristiger Prozeß" und die Kinder sind dabei "nicht irgendwelche Güter, die produziert werden", sondern produzieren sich selbst, indem sie "aktiv ihre Intelligenz, ihre Leistungsfähigkeit und Kompetenz (...) einbringen." (59)

Arbeitskraft ist "ein Produkt, das sich in den Gleichungen über Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt niederschlägt" und zudem "eine unverzichtbare Voraussetzung für die Produktion anderer Güter und Dienstleistungen". (60)

Sowohl bei den manifesten als auch bei den latenten Funktionen hatten wir diesen Verweis auf die Zukunft: Die Kinder sollen lernen, als Erwachsene Bürger in ihrer Gesellschaft und ihrem politischen System zu sein - während sie jedoch auf die Zukunft vorbereitet werden, dürfen sie in der Gegenwart nicht partizipieren. Kinder sind nicht Seiende, sondern Werdende.

The other side of this coin (...) is that schooling makes it more difficult for children to participate as citizens now (...). All this suggests that there may be a trade-off for children here. By going to school now, and postponing their participation in society as full citizens, they may be able to participate more effectively when they are older. (61)

Die Kinder selbst beginnen diese fehlende Anerkennung wahrzunehmen und zu kritisieren. Auf dem Weltkindergipfel 2002 erklärten sie: "Ihr nennt uns die Zukunft, aber wir sind auch die Gegenwart." (62)

Qvortrup kritisiert, dass bei diesem Handel das Prinzip der Gegenseitigkeit nicht mehr gegeben ist. "Denn obwohl Kinder neue Pflichten auferlegt bekamen (...), hatten sie keine Ansprüche an den neuen Oikos." (63)

In Bezug auf den Ertrag wurden die Kinder zum ersten Mal in der Geschichte vom Oikos ausgeschlossen. "Ihre Ansprüche richteten sich ebenso wie früher an die Eltern", deren Entscheidungsgewalt bei den genannten Pflichten aber stark eingeschränkt wurde.

Die Folge war eine schwere Belastung von Familien mit Kindern im Vergleich zu Familien ohne Kinder. (64) "Als Schulen von der Masse der Bevölkerung akzeptiert und besucht wurden, begann die Fertilitätsrate beinahe unaufhörlich zu sinken." (65)

Diese Veränderung "wurde vor allem deshalb toleriert, weil das neue System einen dramatischen Zuwachs an Vermögen und Wohlstand" für alle Menschen mit sich brachte. Auch ging dieser Schritt einher mit anderen Veränderungen, die auch aus der Sicht von Eltern und Kindern wünschenswert waren.

So war es nun möglich geworden, über Lernen und Leistung aus dem Stand aufzusteigen, in den man hineingeboren war, eine neue Sicht auf die Familie entstand, die stark aufgewertet wurde und zu einem Ort der Gefühle, zu einem "Hafen in einer herzlosen Welt" wurde. "Der Preis dafür war (...) ein drastischer Rückgang des Anteils der Kinder an der Bevölkerung und ihr erhöhtes Verarmungsrisiko." (66)

Quellennachweise:

(53) Qvortrup, Jens (2000): Kolonisiert und verkannt: Schularbeit. In: Hengst, H. & Zeiher, H. (Hrsg.), Die Arbeit der Kinder. Kindheitskonzept und Arbeitsteilung zwischen den Generationen. Weinheim, München: Juventa

(54) Ebd. S. 23f.

(55) Ebd. S. 25f.

(56) Ebd. S. 28f.

(57) Vgl. ebd. S. 39

(58) Ebd. S. 29f.

(59) Ebd. S. 34

(60) Ebd. S. 35

(61) Mackinnon, D., a.a.O. S. 145

(62) Kittel, Claudia (2007): Kinderrechte in Europa. URL: http://www.national-coalition.de/5-5-0_2.php

(63) Oikos bezeichnet jede "wirtschaftliche Organisation", die stets Planung, "Produktion, Konsumtion, Zirkulation und Arbeitsteilung" umfasst. (Qvortrup, J., a.a.O. S. 31)

Früher war der Haushaltsvorstand, der Familienvater für den Oikos verantwortlich. Er entschied, "was die Kinder an nützlicher Arbeit zu verrichten hatten." (Ebd. S. 33) In der Moderne "verlagerte sich das zentrale Kontroll- und Lenkorgan des Produktionsprozesses vom Haushalt zum Staat." (Ebd. S. 30) Er "beruft sozusagen seine Kinder ein, damit sie obligatorische Arbeit ausführen, die den Erfordernissen des modernen Oikos entspricht. " (Ebd. S. 34)

(64) Ebd. S. 35

(65) Ebd. S. 31

(66) Ebd. S. 36f.

05.04.2017 © seit 02.2011 Priska Buchner
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